Ein kleines Sortiment von Weckern aus DDR-Produktion präsentiert Stefanie Darr
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Umstellung auf Sommerzeit Als die DDR eine eigene Zeit plante

Zeitumstellung - ein Thema, das schon immer heiß diskutiert wurde. Auch im deutsch-deutschen Verhältnis sorgte es seinerzeit für heftige Irritationen. Als die DDR das "Experiment" Sommerzeit 1980 für gescheitert erklärte, löste das sogar eine vorübergehende Eiszeit zwischen DDR und BRD aus.

Ein kleines Sortiment von Weckern aus DDR-Produktion präsentiert Stefanie Darr
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Im geteilten Deutschland, in den Zeiten des Kalten Krieges, war auch die scheinbar harmlose Frage nach der Einführung einer Sommerzeit eine "sehr politische", wie Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling 1979 formulierte. Da dürfe nichts übereilt werden, müsse alles wohl bedacht sein. Spätestens seit der "Ölkrise" von 1973 war in der Bundesrepublik darüber diskutiert worden, ob man nicht dem Beispiel anderer westeuropäischer Staaten folgen und die Sommerzeit einführen sollte. Freilich, die zu erwartende Energieeinsparung, so gaben Experten durchaus zu, sei gering, aber man hoffe doch auf einen "pädagogischen Erziehungseffekt" bei den Bürgern. Und das wäre doch auch schon Einiges.

Alle Befürworter waren sich freilich auch darüber einig, dass die Einführung der Sommerzeit unbedingt mit der DDR abgestimmt sein müsse. Denn wie stünde es um den viel gepriesenen Einheitsgedanken, wenn die beiden deutschen Staaten in unterschiedlichen Zeiten lebten? So würden wohl viele DDR-Bürger aus Termingründen ihre wichtigsten Nachrichten-Quellen – die ARD-"Tagesschau" oder ZDF-"heute" - verpassen. Von den wirtschaftlichen Problemen, die unterschiedliche Zeiten mit sich brächten, ganz zu schweigen. Die DDR aber äußerte sich überhaupt nicht zur drängenden Frage der Sommerzeit. Weder offiziell, noch inoffiziell. Als existierten derartige Überlegungen überhaupt nicht. Aber natürlich gab es sie genauso wie im Westen. Und natürlich gab es weit vorangeschrittene Überlegungen, sie auch in der DDR einzuführen.

DDR prescht vor

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Im Sommer 1979 wurde die westdeutsche Debatte über ein Für und Wider der Sommerzeit abrupt unterbrochen. Die DDR-Regierung verkündete nämlich, ab April 1980 die Sommerzeit einzuführen. Gesetzescharakter erhielt dieser Beschluss des Ministerrates in der "Verordnung über die Einführung der Sommerzeit". Der Beschluss war mit Bonn keineswegs abgestimmt und kam völlig überraschend. Um nun nicht als weniger fortschrittlich als der Klassenfeind aus dem Osten dazustehen, verabschiedete der Bundestag Ende Oktober 1979 eilends das "Gesetz zur Einführung der Sommerzeit".  Es war so zügig beschlossen worden, dass etwa die Deutsche Bundesbahn schnellstens 100.000 neue Fahrpläne drucken musste.

Sommerzeit bringt "nur Gutes"

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In Ost-Berlin schwärmte im Frühjahr 1980 der Minister für Materialwirtschaft und Leiter der Zentralen Energiekommission beim Ministerrat der DDR, Politbüromitglied Wolfgang Rauchfuß, vor Journalisten, dass die Sommerzeit "nur Gutes" mit sich bringen werde: Die "ganze zweite Schicht" der Volkseigenen Betriebe habe eine Stunde mehr Tageslicht, die Republik könne Strom einsparen und die Produktivität gesteigert werden. Und dabei sei die Zeitumstellung medizinisch vollkommen unbedenklich. Das Entscheidende aber, so Wolfgang Rauchfuß weiter, sei, dass es "sowohl den eigenen Interessen der DDR" entspricht, "als auch ihrer internationalen Verantwortung als bedeutendes Transitland, sich diesem Rhythmus anzupassen, der mehr und mehr zur Norm wird in Europa".

Nach jahrelangen Überlegungen und einigen Irritationen war es nun also soweit: Am 6. April 1980 wurden in beiden deutschen Staaten gleichzeitig die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Das "pädagogische Experiment" konnte in Ost und West also beginnen.

"Experiment" wird nicht wiederholt

Im Herbst 1980 aber war es in der DDR mit der Euphorie über die Sommerzeit und die internationale Verantwortung des sozialistischen Staates nicht mehr weit her. In einer knappen 16-zeiligen Meldung verkündete das "Neue Deutschland" Ende Oktober überraschend, in der DDR würden 1981 die Uhren nicht wieder vorgestellt. Aufgrund "wissenschaftlicher Gutachten, die der Regierung der DDR vorliegen", so führte das "Zentralorgan der SED" zur Begründung aus, sowie "der 1980 gemachten Erfahrungen sei es nicht zweckmäßig, das Experiment mit der Sommerzeit im nächsten Jahr zu wiederholen". Die Sommerzeit habe keinerlei ökonomische Vorteile gebracht, sondern nur "zusätzliche Kosten" verursacht.

Und tatsächlich hat sich die Energieeinsparung an Strom während der Sommerzeit 1980 (etwa 100 Millionen Kilowattstunden nach Angaben des Ministerrats der DDR) an anderer Stelle wieder ausgeglichen: So nutzten die Bürger etwa die längeren Sommerabende zu Trips ins Grüne mit ihren Autos und verbrauchten weit mehr Benzin als in den Jahren zuvor.     

Deutsch-deutsche Eiszeit?

In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit sorgte die Kehrtwende der DDR für Irritationen und Verärgerung. Manche Politiker orakelten gar von einer neuen Eiszeit in den deutsch-deutschen Beziehungen, da in diesen Monaten die Ost-Berliner Regierung den Zwangsumtausch für bundesdeutsche Touristen eingeführt und Erich Honecker in einer Rede in Gera jeder Annäherung an den Klassenfeind im Westen eine scharfe Absage erteilt hatte.

Und beinahe zwangsläufig hob von neuem eine Diskussion darüber an, ob man nun auch in der Bundesrepublik die Sommerzeit wieder abschaffen müsse. Die "Süddeutsche Zeitung" dazu in einem satirischen Kommentar: "1981 keine Sommerzeit, weil die DDR sie nicht will. 1982 Sommerzeit, weil sich in der DDR neue Gesichtspunkte ergeben haben. 1983 halbe Sommerzeit, weil Mediziner der Moskauer Akademie der Wissenschaften festgestellt haben, dass dies gut für die Bandscheiben ist. 1984 keine Sommerzeit, weil in der Bundesrepublik Wahlen sind; die Parteien wissen, dass 67 Prozent der Wähler Sommerzeit wünschen, also wird sie beschlossen, was die DDR veranlasst, sie nicht einzuführen, womit sie auch bei uns in letzter Minute abgeblasen wird."

Die Sommerzeit wird beibehalten!

Der neue Kurs der SED-Regierung hatte die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt freilich keineswegs unvorbereitet getroffen. Bereits am 16. Oktober 1980 hatte der Ständige Vertreter der DDR in der Bundesrepublik, Michael Kohl, das Kanzleramt von der Entscheidung des Ministerrats der DDR, die Sommerzeit auszusetzen, in Kenntnis gesetzt, inklusive offizieller Begründung. Zwar erkundigte sich Günter Gaus, Ständiger Vertreter der Bundesregierung in der DDR, im Auftrag Helmut Schmidts in Ost-Berlin pflichtschuldig, ob die DDR möglicherweise bereit sei, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Doch im Grunde gab man die gesamtdeutsche Zeit bereits verloren und war aber durchaus entschlossen, es auf einen "deutsch-deutschen Zeitsalat" (so der "Spiegel" im November 1980) ankommen zu lassen und jedenfalls nicht aus der westeuropäischen Sommerzeit-Front auszubrechen. Und so ließ auch einer der ersten konkreten Beschlüsse der gerade bei der Bundestagswahl bestätigten Regierung Helmut Schmidt im Herbst 1980 keinen Raum für Spekulationen: Die Sommerzeit wird in jedem Fall beibehalten, hieß es unmissverständlich. Und das war keineswegs nur als Signal in Richtung Ost-Berlin gedacht. Denn auch in der Bundesrepublik gab es schließlich zahlreiche Gegner der Sommerzeitregelung. So hatte etwa ein Kommentator der "Welt" der CDU vor den Bundestagswahlen empfohlen: "Ein wesentlicher Punkt ihres Wahlprogramms müsste lauten: 'Mit uns in Bonn kommt ab 1981 wieder die menschengemäße Tageszeit!'"

Sommerzeit ist doch wirtschaftlich

Bei den zuständigen Organen der DDR-Regierung muss nun, nachdem die Bundesrepublik sich klar für eine Beibehaltung der Sommerzeit ausgesprochen hatte, eine hektische Betriebsamkeit eingesetzt haben. Bereits wenig später, in der ersten Dezemberwoche 1980, wurde mit einem Male verkündet: In der DDR werde es auch im kommenden Jahr eine Sommerzeitregelung geben.

Warum die DDR-Regierung ihren Kurs so rapide geändert hatte, darüber lässt sich nur spekulieren. Ganz sicher spielte eine Rolle, dass erhebliche Schwierigkeiten im innerdeutschen Miteinander aufgetreten wären. So hätte es beispielsweise in Berlin zwei nebeneinander liegende Zeitzonen gegeben - wenn etwa die Uhren auf den U-Bahnhöfen im Westen der Stadt auf zwölf Uhr stünden, wäre es im Osten erst elf Uhr. Ein Chaos im Reiseverkehr wäre jedenfalls unweigerlich die Folge gewesen, denn auch die Bediensteten von Schleusen, Zollstationen und Besucherbüros hätten unterschiedliche Arbeitszeiten gehabt. Nicht zuletzt hätte eine eigene DDR-Zeitrechnung auch immense Kosten verursacht.

Gleiche Probleme wären zudem ebenfalls an den Grenzen zu Polen und der ČSSR aufgetreten, denn beide "Brudervölker" hatten sich für die Beibehaltung der Sommerzeit ausgesprochen, wie – etwas später - auch der "große Bruder", die UdSSR. Und das war nun tatsächlich ein gewaltiges Argument für die Beibehaltung respektive Wiedereinführung der Sommerzeit. Denn wenn die UdSSR, von der zu lernen, siegen lernen heißt, wie ein Slogan jener Jahre lautete, die Sommerzeit für sinnvoll erachtete, dann konnten die deutschen Genossen nicht so ohne weiteres behaupten, sie brächte keine wirtschaftlichen Vorteile. Und so dauerte es tatsächlich nicht lange, bis Ost-Berliner Ökonomen zu dem Ergebnis gelangten, dass die Sommerzeit immense Sparpotentiale böte und durchaus sinnvoll sei.          

(Quellen: Dirk Schindelbeck, Wem die Stunde schlägt, damals 4/2000; Verlorene Zeit, Der Spiegel, 3. 11. 1980)

(zuerst veröffentlicht am 28.03.2014)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 26.03.2017 | 22:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 10:48 Uhr