Interview Glückliche Kindheit oder Diktatur? Streit um die "richtige" DDR-Erinnerung

Wird die DDR eigentlich schlechtgeredet?

1990 bezeichneten 72 Prozent der Ostdeutschen in einer Allensbach-Umfrage ihre Lebensumstände in der DDR als unerträglich. Später wurden die Beurteilungen milder: "Es war nicht alles schlecht" wurde zum geflügelten Wort. Auf Facebook und Co. streiten Ostdeutsche noch heute um die "richtige" DDR-Erinnerung: Die einen schwärmen von den Vorteilen des sozialistischen Alltags, etwa der gut organisierten Kinderbetreuung. Die anderen verweisen auf Mangelwirtschaft, politische Verfolgung und Mauertote. Wie geht man mit diesen Widersprüchen um? Wir haben darüber mit Dr. Stefan Wolle, dem Wissenschaftlichen Leiter des DDR Museums in Berlin, gesprochen.

Kindergartenkinder spielen am 01.07.1976 auf einem Spielplatz der Kindertagesstaette in der Lindenbergalle.
Wer heute Mitte vierzig ist, erinnert sich meist gern an seine Kindheit in der DDR. Das sich das private Glück in einer Diktatur abspielte spielt in der privaten Erinnerung nur selten eine Rolle. Bildrechte: IMAGO

MDR Zeitreise: Aus Umfragen wissen wir, dass das Bild der DDR gleich nach der Wiedervereinigung bei den Ostdeutschen überwiegend negativ war. Mit den Jahren sieht man die DDR in deutlich milderem Licht, bis hin zur Ostalgie sogar. Woran liegt das?

Dr. Stefan Wolle: Die DDR wird mit jedem Jahr schöner, je länger sie zurückliegt. Das liegt nicht an der DDR als solcher, sondern die DDR-Erinnerung ist durch manche Enttäuschung geprägt, die danach kam, speziell in den frühen 90er-Jahren: die große Arbeitslosigkeit, die Abwanderung in den Westen. Viele Menschen empfanden das damals als Einmarsch des Westens in die Ex-DDR. Da kamen neue Chefs und sagten den Leuten erstmal, wie sie arbeiten müssen. Das kam nicht gut an. Und je schlechter die eigenen Erfahrungen in dieser Zeit waren, desto schöner wurde die "gute alte DDR", wo es so etwas nicht gab, wo die Menschen alle doch noch so freundlich zueinander gewesen seien.

Dr. Stefan Wolle, Wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums in Berlin in den Ausstellungsräumen (DDR-Wohnzimmer)
Bildrechte: Cezary Bazydlo

Unser Gesprächspartner Stefan Wolle wurde 1950 in Halle/Saale geboren. Er studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Geschichte. 1971 wurde er aus politischen Gründen der Hochschule verwiesen und musste sich "in der Produktion bewähren". Danach durfte er sein Studium fortsetzen. Von 1976 bis 1989 arbeitete er an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nach 1990 war er Mitarbeiter des Komitees für die Auflösung der Staatssicherheit, Assistent an der Humboldt-Universität und Referent bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit 2002 ist er Mitarbeiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin und seit 2005 Wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums in Berlin. Mit dieser Vita kann er sowohl als Historiker, als auch als Zeitzeuge auftreten.

Entspricht dieses DDR-Bild den Tatsachen?

All diese Dinge, wie die größere Mitmenschlichkeit in der DDR, die größere Bedeutung von Familie, Freundschaft und Gemeinschaft sind gefährliche Halbwahrheiten. Das stimmt alles irgendwo ein bisschen, hatte aber damals sehr konkrete, soziale und wirtschaftliche Ursachen. Zum Beispiel gab es natürlich weniger Konkurrenz am Arbeitsplatz, aber erstens weil ohnehin Vollbeschäftigung bzw. Arbeitskräftemangel herrschten, so dass sich niemand Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen musste, und zweitens weil viele Leute sowieso keine Karriere machen wollten – denn Karriere war mit Parteiarbeit verbunden, wo man abends noch bei der Versammlung sitzen musste, statt Fernsehen zu gucken. Zweites Beispiel: Natürlich spielten Familie und Freundschaften eine große Rolle – weil man durchkommen musste! Jeder brauchte einen Schwager, der einen Freund hatte, der Beziehungen zur Kfz-Werkstatt hatte. Der andere Schwager konnte durch Beziehungen vielleicht einen Telefonanschluss organisieren usw., so dass sich im Sozialismus eine Art Stammesgesellschaft herausgebildet hatte. Das erscheint vielen im Nachhinein so idyllisch und schön, zerbrach nach der Wende aber ziemlich schnell, weil es nicht mehr gebraucht wurde. Oder nehmen wir die viel gerühmte soziale Gleichheit – augenfällig durch die soziale Durchmischung in den Neubauvierteln: Da wohnten ein Arbeiter und ein Professor im gleichen Haus. Doch das war nur deshalb so, weil man seine Wohnung zugewiesen bekam und nur schwer wechseln konnte. Wenn man genau hinguckt, sind die angeblichen Vorteile Halbwahrheiten, die zum verklärten DDR-Bild führen können.

Warum wird die DDR im Rückblick verklärt?

Viele Menschen erinnern sich lieber an die schönen Sachen in der DDR, das ist menschlich. Sie haben ja ihre Kindheit und Jugend da verbracht, waren 30 Jahre jünger und hatten das Leben noch vor sich. Viele haben ihre ersten erfolgreichen Berufsjahre in der DDR absolviert und möchten das nicht herabgesetzt sehen. Durch die Wende- und Nachwendezeit fühlten sie sich ihrer Biografie und ihrer Lebensleistung beraubt, die sie auf einmal als wertlos empfanden. Ein gutes Beispiel sind materielle Güter, die sich die Menschen erarbeitet haben. Da hatte man 16 Jahre auf den Trabi gewartet – als er kam, wurde eine Party gemacht, der Trabi bekam einen Spitznamen und wurde gepflegt und gehegt. Und dann schlagartig, mit der Wende, war das der letzte Mist, das Pappauto. Darüber hinaus geht es aber auch um gebrochene Karrieren, nicht anerkannte berufliche Abschlüsse und verlorene berufliche Positionen. Viele sind durch die Wende aus ihrer beruflichen Position herausgefallen, etwa wenn  sie bei der Stasi, bei der Polizei oder im Parteiapparat waren. Es betraf aber, wenn man so will, "Schuldige" wie "Unschuldige" gleichermaßen. Viele Wissenschaftsinstitutionen sind zum Beispiel aufgelöst worden, und für jemanden, der schon etwas älter war, war es durchaus schwierig, wieder den Neubeginn zu wagen, auch wenn er bis dahin gute wissenschaftliche Ergebnisse vorweisen konnte.

Wie gehen Menschen mit dem Thema Anpassung um? Oft heißt es, die breite Masse zog sich ins unpolitische Privatleben zurück. Aber damit man dort in Ruhe gelassen wird, war ein gewisses Maß an Anpassung nach Außen nötig, und sei es nur, dass man im richtigen Moment schweigt…

Das verdrängt man, denn es hat etwas sehr Erniedrigendes, sich so in seiner Meinung politisch anzupassen oder auch einfach nur die Schnauze zu halten. Das war ja der Normalzustand, dass man dem Parteisekretär im Betrieb nicht widersprach, sondern sich meist nur im Stillen dachte "Lass ihn reden, der hat doch sowieso immer Recht". Daran erinnert man sich ungern, weil das etwas Beschämendes ist. Es ist schön, wenn man sich erinnern kann, dass man mutig war und dem Parteisekretär oder dem Offizier bei der NVA ordentlich widersprochen hat. Aber wer erinnert sich schon gern daran, dass er sich bei der Armee duckte, weil es sehr unklug gewesen wäre, da aufzubegehren?

FDJlerin mit DDR Fahne während der Demonstration zum 1. Mai, 1972.
Das Leben in der DDR war gleichermaßen von politischen Zwängen als auch sozialer Sicherheit geprägt. Ein Spannungsfeld, das die Erinnerung an die DDR bis heute schwierig macht. Bildrechte: IMAGO

Was antworten Sie denen, die meinen, die DDR wird einseitig als Diktatur dargestellt oder "schlechtgeredet"?

Die Zeit ist vorbei, dass die DDR in den Medien und in der wissenschaftlichen Rezeption aufs Negative reduziert wird. Das war gleich nach der Wende der Fall, wo diese negativen Aspekte sehr hervorgekehrt wurden – aber nicht durch die westlichen Medien, wie heute viele behaupten, sondern durch die Bevölkerung selbst. Die Menschen wollten endlich wissen, was bei der Stasi lief. Sie wollten ihre Akten sehen, sie wollten in gewisser Weise auch eine Abrechnung mit den Stasi-Leuten und den Parteifunktionären. Das ist also nicht vom Westen her hineingetragen worden. Das hat sich aber längst relativiert. Für meine Begriffe werden inzwischen sogar die positiven Aspekte und das normale, alltägliche Leben ein wenig überbewertet – darüber gibt es viel Forschung inzwischen. Und es gibt auch Bücher, wo versucht wird, diese dialektische Einheit der Gegensätze darzustellen, das heißt wie ein Leben in der Anpassung und mit der Repression durchaus auch glücklich gewesen sein kann. Diesem Widerspruch muss man sich einfach aussetzen. Er hat das DDR-Leben geprägt. Auf der einen Seite war ja hier die Welt mit Stacheldraht und Mauer abgeriegelt, auf der anderen Seite hat man dazwischen ganz normal sein Leben geführt und sich um seine Dinge gekümmert, sein berufliches Fortkommen, seine Familie, seine Freunde usw.

Glauben Sie, dass es momentan gelingt, diese unterschiedlichen Perspektiven zu vereinigen?

Das ist auch bei uns im DDR Museum unser Bestreben. Deswegen stellen wir den Alltag dar, der schön gewesen ist, der auch glücklich gewesen sein kann in der Familie, im Freundeskreis und bei der Arbeit unter Kollegen – der aber natürlich immer unter dem Dach einer politischen Einschränkung stattgefunden hat. Das ist manchmal die große Kunst, das von beiden Seiten darzustellen. Und auch in den Medien gab es gerade in letzter Zeit eine ganze Menge von Reportagen und Dokumentationen, die den Alltag in der DDR fair und gerecht darstellen und nicht behaupten, dass es nur schreckliche Unterdrückung und eine Art Stasi-Gefängnis war. Das ist durch. Im Gegenteil, eher ist es zurzeit so, dass manche überhaupt nur noch das Schöne sehen wollen. Da denke ich manchmal wirklich, sie müssen in einem anderen Land als ich gelebt haben. Sie wollen die negativen Seiten des Lebens in einer Diktatur einfach nicht mehr wahrhaben, vielleicht weil sie oder ihre Eltern sich damals sehr stark mit der DDR identifiziert haben. Solche Menschen tun so, als seien Pittiplatsch und Schnatterinchen die maßgeblichen Aspekte des DDR-Lebens gewesen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | Kindheit in der DDR | 30. Mai 2021 | 22:00 Uhr