Welterbe in Ostdeutschland DDR nutzte die Unesco für Außenpolitik statt zur Bewahrung von Welterbe

Die DDR hat ihre Unesco-Mitgliedschaft nicht zur Bewahrung von Welterbe genutzt, sondern für ihre politisch-ideologische Auseinandersetzung mit dem Westen. Für den Schutz von baulichem oder sogar von Natur-Erbe mangelte es am politischen Willen und meist auch an Material. Erst kurz vor ihrem Ende wurde in der DDR an Anträgen für die Unesco-Welterbeliste gearbeitet.

von Kristian Schulze

Insgesamt 42 Welterbestätten in Deutschland sind auf der Welterbeliste der Unesco eingetragen. Klammert man die in und um Berlin und Potsdam aus, liegen neun in Ostdeutschland, die alle nach dem Ende der DDR aufgenommen wurden.

Außenpolitik mit anderen Mitteln

Schon 1955 hatte die DDR eine nationale "Kommission für UNESCO-Arbeit" gegründet, mit dem Rektor der Humboldt-Universität Berlin, Albrecht Neye, als Leiter. Der Antrag auf Unesco-Mitgliedschaft wurde aber zunächst abgelehnt und die DDR-Kommission bei der Unesco in der Folge nicht zugelassen.

Die Ruine der Frauenkirche in Dresden 1974
Während die DDR debattierte, blieben Trümmer liegen - die Ruine der Dresdner Frauenkirche im Jahr 1974. Bildrechte: IMAGO

Erst der Grundlagenvertrag der beiden deutschen Staaten 1972 schuf die Voraussetzung dafür, dass die DDR am 24. November 1972 mit der Stimme der Bundesrepublik in die Unesco aufgenommen wurde.

Nur wenige Jahre später, 1978, beschrieb der bundesdeutsche Analyst der DDR-Außenpolitik, Wilhelm Brums, "eine Politik der selektiven Mitgliedschaft" der DDR in UN-Fachorganisationen.

Die DDR halte sich personell, finanziell und konzeptionell zurück und benutze eher die "Forumsfunktion von Sonderorganisationen" der UNO, schrieb Bruns. Aus dem "politischen Charakter" angeblich aller UN-Organisationen habe die DDR abgeleitet, dass alle vor allem Probleme der internationalen Sicherheit zu beraten hätten und dazu Resolutionen verabschieden sollten. Inhaltliche Ziele dieser UN-Fachorganisationen blieben für die DDR weitgehend außen vor.

Für Horst Grunert, DDR-Vizeaußenminister und dann Vorsitzender der Unesco-Kommission der DDR, war dabei gerade die Unesco die "wichtigste internationale Organisation im ideologischen Bereich" für die "geistige Auseinandersetzung um die richtige Antwort auf die entscheidenden Lebensfragen".

Für ihn ging es in der Unesco um die "Wahrheit über die sozialistische Gesellschaftsordnung", um die "internationale Klassenauseinandersetzung mit friedlichen Mitteln". So sollte die Unesco etwa Regelungen formulieren, um "ideologische Zersetzung" durch westliche Medien und ihre "Einmischung in innere Angelegenheiten" der DDR zu verhindern. So bestimmten nicht Ziele der Unesco die Mitarbeit der DDR, sondern deren außenpolitischen Interessen.

Umdenken Ende der 1970er-Jahre

In der DDR verrottete unterdessen potenzielles Welterbe. Für seine Pflege hatte die DDR weder politischen Willen noch die materiellen Möglichkeiten. Erst gegen Ende der 1970er-Jahre entdeckten die DDR-Oberen auch das touristische und so Devisen bringende Potenzial etwa des preußischen Kulturbesitzes in und um Berlin oder das der Semperoper in Dresden.

Das alte Preußen, lange verpönt, wurde in einer für den "Spiegel" noch 1986 "erstaunlich objektiven Erbeaneignung" wiederentdeckt. Millionen flossen in Rekonstruktionen. Doch 30 Jahre Sanierungsstau waren mit den Mitteln der DDR nicht mehr aufzuholen. Vor allem Restauratoren fehlten. Man fand sie dann im Nachbarland Polen, wo nach dem Zweiten Weltkrieg viele Schlösser und Palais wieder aufgebaut worden waren - und altes Handwerk so erhalten wurde.

So erinnerte sich etwa Jerzy Chuchracki, der wie rund 100 polnische Kollegen zwischen 1978 und 1989 viele Baudenkmäler in Potsdam und Berlin sanierte, wie schwierig vor allem Material zu beschaffen war. Zum Beispiel sei es oft nicht gelungen, Quark für alte Naturfarben aufzutreiben.

Ich brauchte zum Beispiel 50 oder 100 Kilo Quark, das konnte ich nicht in einem Geschäft kaufen.

Jerzy Chuchracki, polnischer Restaurator

Die Welterbekonvention der Unesco unterzeichnete die DDR allerdings erst am 12. Dezember 1988. Die Bundesrepublik hatte dies bereits 1976 getan. So kam im Westen mit dem Aachener Dom schon 1978 das erste deutsche Baudenkmal auf die Welterbeliste. Und in der Folge gelang dies mit zahlreichen weiteren.

Erster und einziger DDR-Antrag kam 1989

Noch Ende 1989 hatte die DDR eine Welterbe-Anerkennung der Schlösser und Parks von Potsdam beantragt - mit Sanssouci, Park und Schloss Babelsberg und weiteren wie Schloss Cecilienhof, wo 1945 die Potsdamer Konferenz tagte.

Für die DDR hatte die Geschichte jetzt jedoch keine Zeit mehr. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurden die Schlösser und Gärten von Potsdam zusammen mit den Berliner Anlagen zum 1. Januar 1991 in der Unesco-Welterbeliste erfasst. Dabei hatte die DDR-Vorschlagsliste von 1989 neben fünf primär nominierten Stätten noch 30 weitere mit Potenzial aufgeführt. Darunter war auch der Naumburger Dom, um dessen Aufnahme sich Deutschland seit Jahren bemüht.

"Gering erhaltene Substanz" - wie es weiter ging

Oberkonservator Hans Caspary, damals Delegierter der Bundesrepublik beim Unesco-Komitee für das Welterbe, notierte nach dessen Sitzung im Dezember 1990 in Kanada: Vier von fünf DDR-Anträgen vom Dezember 1989 hätten keine Zustimmung gefunden. Positiv sei nur der Vorschlag für die Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci aufgenommen worden, gemeinsam mit dem "gerade noch rechtzeitig" vom damals noch West-Berliner Senat eingereichten Antrag.

Der Magdeburger Dom
Keine Chance für den Magdeburger Dom Bildrechte: IMAGO

Dresden sei "unter Hinweis auf die gering erhaltene Substanz abgelehnt" oder vielmehr gar nicht näher geprüft worden. Trotz näherer Prüfung wurde von dem Experten aber auch dem Magdeburger Dom nur eine geringe Chance eingeräumt und schon damals als Alternative die Stiftskirche von Naumburg vorgeschlagen.

Eine der historischen Sichtachsen im Wörlitzer Park mit dem Wörlitzer See
Das Wörlitzer Gartenreich hat es im Jahr 2000 auf die Unesco-Liste geschafft. Bildrechte: MDR/ Stefanie Markert

Als "schwierig, aber nicht hoffnungslos" beurteilte er die Aussichten für das Wörtlitzer Gartenreich, trotz der vom ICOMOS beanstandeten "Zersiedlung" an seinen Rändern und "negativen Auswirkungen von Industrieanlagen", vor allem des später dann tatsächlich auch nach und nach abgerissenen Kraftwerks von Vockerode.

Caspary sollte Recht behalten mit seiner Analyse damals: "Die Chancen für Wörlitz werden in dem Maß steigen, in dem es gelingt, die Störfaktoren entweder zu beseitigen - dies gilt in erster Linie für Vockerode - oder, wenn dies nicht möglich ist (Vororte von Dessau, Autobahn) auszugrenzen." Es war möglich, und seit dem Jahr 2000 ist das Gartenreich nun Unesco-Welterbe. Besonders in diesem Fall gehörte allerdings auch viel Naturschutz dazu, für den die DDR bekanntlich weitaus weniger übrig hatte als für Prestige.

Kurz nach ihrem Ende kämpfte dann auch das noch junge Landesamt für Denkmalpflege in Halle für die "angeblich todgeweihte Altstadt" von Quedlinburg. Es bestritt damals, dass ihre Fachwerkhäuser nicht mehr zu retten seien.

"Quedlinburg ist daher noch nicht aus dem Rennen", schrieb Caspary Anfang 1991 im "Forum UNESCO heute". Er warnte aber: "Ein wiederaufgenommener Antrag wird nur dann Chancen haben, wenn nachgewiesen werden kann, daß ernsthafte Anstrengungen unternommen worden sind, um den Bestand ... in der Altstadt zu sichern und erhaltend zu sanieren." Auch dies gelang. Seit 1994 ist Quedlinburgs Altstadt mit der Stiftskirche St. Servatii auf der Unesco-Liste.

Marktplatz Quedlinburg mit Kirche St. Blasii und Fachwerkhäusern.
So sieht es heute in Quedlinburg aus. Die Stadt hat allerdings immer weniger Einwohner und es gibt viel Leerstand - was den Schutz des Welterbes nicht leichter macht. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Wie die Verwahrlosung zu DDR-Zeiten bis heute nachwirkt, zeigt jedoch das Beispiel Quedlinburg besonders. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Anerkennung als Welterbe hat die kleine Stadt im Harzvorland große Probleme, den Verfall aufzuhalten. Dabei steht gerade dieses Beispiel für den Wert, den Menschen historischem Erbe beimessen können. Nur durch den Widerstand der Bürger im Herbst 1989 konnten damals geplante Abrisse in der Altstadt von Quedlinburg verhindert werden - und sie so später zum Unesco-Welterbe aufsteigen.

(zuerst veröffentlicht am 09.07.2017)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 04.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2018, 12:12 Uhr