"Das schönste Gesicht des Sozialismus" Katarina Witt, der Weltstar aus der DDR

Katarina Witt bekam Ruhm und Ehre für ihre Siegesreihe im Eiskunstlauf. Die zweifache Olympiasiegerin stand für Erfolg und Ehrgeiz und galt als das Aushängeschild der DDR. Doch Witts Karriere ist ebenso glanzvoll wie umstritten. Für eine ARD-Dokumentation sprach sie mit dem MDR über ihre internationale Karriere, ihrer Prägung durch den Sozialismus und die Bespitzelung durch die Staatssicherheit.

Katarina Witt bei Olympia Lillehammer 1994
Katarina Witt war die Vorzeigesportlerin der DDR. Doch ihre SED-Mitgliedschaft und die Vorteile, die der Staat ihr ermöglichte, haften der Eiskunstlauf-Olympiasiegerin bis heute nach. Bildrechte: imago/Kosecki

Katarina Witt war eine Ausnahmesporterlin: Für die DDR gewann sie Europa- und Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf und behauptete sich auch als zweifache Olympiasiegerin. Doch neben Bewunderung für ihre sportliche Leistung erntete sie auch viel Unverständnis wegen ihrer Rolle im SED-Staat. Davon zeugen die unterschiedlichsten Bezeichnungen, mit denen sie bedacht wurde: vom "schönsten Gesicht des Sozialismus" über "Honeckers bevorzugtes Kussobjekt" bis zur "SED-Ziege".

Kati Witt und ihre Heimat: der Sportclub Karl-Marx-Stadt

Katarina Witt wurde am 3. Dezember 1965 in Staaken, einem heutigen Berliner Ortsteil in der ehemaligen DDR, geboren. Sie wächst in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) in normalen Verhältnissen auf. Ihre Leidenschaft für den Eiskunstlauf entdeckt sie zufällig bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter:

Der Kindergarten, in den ich gegangen bin, der war in der Betriebsstätte meiner Mama (...) und wir sind mittags immer spazieren gegangen. Und da landeten wir, weil gleich da um die Ecke der Küchwald ist, im Eisstadion.

Katarina Witt im Interview

Eisläufer im Eissport-Komplex Küchwald, 1992
Das Bild zeigt die Eislaufbahn im Eissport-Komplex Küchwald in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt (heutiges Chemnitz). Katarina Witt entdeckte hier ihre Leidenschaft zum Eiskunstlauf. Das Eissportzentrum liegt direkt neben dem Stadtpark Küchwald. Bildrechte: dpa

Doch es ist nicht irgendeine Eishalle, an der Witt und ihre Mutter vorbei laufen, sondern eine der erfolgreichsten Eiskunstlauf-Kaderschmieden des Landes. Es dauert nicht lang, bis aus der zufälligen Entdeckung harter Leistungssport wird. Schon im Alter von fünf Jahren beginnt Witt in der Nachwuchsgruppe des SC Karl-Marx-Stadt mit dem Eiskunstlauf. Ihr Talent wird früh entdeckt, Kati Witt wechselt auf die Kinder- und Jugendsportschule, wo sie aktiv gefördert wird wird. Ab 1977 trainiert sie bei Jutta Müller, einer der legendärsten Eislauftrainerinnen der Welt:

Ich hatte ja sozusagen die Weltspitze direkt bei mir vor Augen. Und das war eigentlich ein sehr kluges Trainingskonzept von Frau Müller, dass sie immer eine junge Sportlerinnen, eine Nachwuchssportlerinnen zu ihren älteren, erfahrenen dazu geholt hat, sodass man immer nach oben geschaut hat.

Katarina Witt im Interview

Katarina Witt und Jutta Müller
Jutta Müller (links) und Katarina Witt (rechts) bei der Europameisterschaft in Dortmund im Jahr 1983. Die Goldmedaille ist der Startschuss für ihren Siegeszug in den Europameisterschaften. Bis 1988 gewinnt sie jedes Mal die Goldmedaille für die DDR. Bildrechte: dpa

Medaillenhoffnung der DDR

Schnell wird Witt die Medaillenhoffnung der DDR. Rückblickend weiß sie, dass schon im Alter von sieben Jahren eine Stasi-Akte über ihr Leben, ihr Training und ihren familären Hintergrund erstellt wurde. Dem Staat geht es dabei um totale Kontrolle. Der angehende Weltstar soll auf keinen Fall nach einem der Wettkämpfe im Westen bleiben - zu oft hat die DDR im Wettlauf der Systeme das Nachsehen, Sport ist dagegen eines der wenigen Gebiete, auf denen die kleine Republik glänzen kann.

Doch in der DDR gehören Spitzensport und Stasi einfach zusammen. Dutzende IMs (inoffizielle Mitarbeiter) und hauptamtliche Mitarbeiter sind auf Katarina angesetzt. Doch die Bespitzelung war überflüssig, denn Witt denkt nicht an eine Republikflucht:

Nie in meinem ganzen Leben war das eine Option, die auch nur eine Sekunde meine Gedanken gestreift hat. Wenn ich jetzt wegbleibe, dann sehe ich meine Eltern nie wieder. Oder meine Familie, meine Freunde. Das war ein Preis, den wollte ich nie bezahlen.

Katarina Witt im Interview

Der Deal mit dem Staat

Für ihre sportlichen Erfolge wird Kati Witt hofiert, sitzt bei Feierlichkeiten neben Erich Honecker in der ersten Reihe, bekommt einen Reisepass mit West-Visum, fährt einen roten VW-Golf, den ihr der SED-Chef von Karl-Marx-Stadt schenkt. Für Witt ist der Deal Privilegien gegen Leistung im Rückblick ein akzeptabler:

Das ist schon klar, dass der Sport missbraucht wurde. Aber solange ich für mich meine besten Bedingungen habe, ist das schon auch ein Deal, auf den man sich eingelassen hat. Halb wissend, halb naiv, halb nutzend.

Katarina Witt im Interview

Doch das Blatt wendet sich für Witt, zumindest in Deutschland, in der Wendezeit. Wo sie einst Bewunderung bekam, schlagen ihr nun Unverständnis und Wut entgegen.

Katarina Witt bei der Olympiade 1988 in Calgary
Die sportliche Hoffnung für die DDR: Witt holte 1984 in Sarajevo Gold und konnte den Erfolg vier Jahre später in Calgary wiederholen. Zum Zeitpunkt ihres doppelten Olympiasieges ist Witt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere im Alter von 23 Jahren. Bildrechte: dpa

Von everbody's darling zur "SED-Ziege"

Ihre SED-Mitgliedschaft, die scheinbare Staatstreue und die Privilegien, die sie als Sportlerin vom Staat bekommt, sind der Grund für den Unmut vieler Ostdeutscher. Doch Witt genießt nicht nur die staatlichen Vorzüge. Sie muss dafür einen Preis zahlen und steht immer unter Druck:

Du hast auch zum Teil, was natürlich völlig absurd ist, gedacht, wenn du jetzt nach Hause kommst und du hast verloren, dann stecken die dich ins Gefängnis. Das ist natürlich kompletter Humbug. Aber vielleicht hat das auch geholfen am Ende, dass du gesagt hast, dir bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als nach vorne zu marschieren und mit einem Gewinn nach Hause zu kommen.

Katarina Witt im Interview

Katarina Witt am Schreibtisch
Für die MDR-Dokumentation "Katarina Witt - ein Weltstar aus der DDR" liest sie in ihrer Stasi-Akte, die rund 3.000 Seiten umfasst. Darin findet sie ausführliche Trainingsberichte und Analysen über ihr soziales und familäres Umfeld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch solche Einblicke in die Seele der Sportlerin haben die Massen nicht. Bei einem Auftritt in der Wendezeit wird Kati Witt sogar ausgepfiffen. In den USA steigt sie zur gleichen Zeit endgültig zum Superstar auf, treibt ihre Karriere im Showbusiness bei "Holiday on Ice" voran und spielt eine Hauptrolle im Film "Carmen on Ice". Die Amerikaner treten Kati, anders als die Ostdeutschen, vorurteilsfrei gegenüber. Das Land bedeutet für sie Freiheit. Keine Mauer, keine Bespitzelung durch Stasi-Mitarbeiter und keine Anfeindungen von den eigenen Landsleuten. Brian Boitano stand gemeinsam mit Witt für den Tanzfilm "Carmen on Ice" vor der Kamera. Dass sie in den USA so erfolgreich war, lag seiner Meinung nach auch daran:

Sie war geheimnisvoll, gerade weil sie aus dem Osten kam. Sie besaß diese Mischung aus Schönheit, Unergründlichkeit und Wettkampfwillen, die es in dieser Kombination wohl nie wieder geben wird.

Brian Boitano US-amerikanischer Eiskunstläufer

Katarina Witt (DDR) stirbt als Carmen auf dem Eis
Nachdem Kati Witt ihre großen sportlichen Erfolge verzeichnete, war sie Stargast in vielen internationalen Eisshows, TV-Moderatorin oder kommentierte als Eiskunstlauf-Expertin wichitge Wettkämpfe. Bildrechte: imago/Sven Simon

Die Zeit seit der Wiedervereinigung

Bis heute ist Katarina Witt eine der wenigen Ostdeutschen mit internationalem Starruhm. Sie lebt eher zurückgezogen und gibt wenig über ihr Privates preis - ihr Leben mit seinen Sonnen- und Schattenseiten hat sie vorsichtig gemacht. Wenn sie an die DDR zurückdenkt, dann verspürt sie keine Sehnsucht, aber:

In irgendeiner Form ist unser Land ja verschwunden. Also die DDR, wie ich sie kenne, ist ja weg. Natürlich möchte ich jetzt die Zeit nicht zurückdrehen und sagen: Ach, wäre doch schön, wenn noch DDR wäre. Das ist natürlich Quatsch. Aber man merkt, alles verändert sich in einer rasenden Geschwindigkeit. Man hat manchmal das Gefühl, das eigene Leben rast wie eine Autobahn an einem vorbei.

Katarina Witt im Interview

Nachdem sie ihre Eislaufkarriere als Profisportlerin beendete, war Kati Witt als Moderatorin und Schauspielerin im Entertainmentbereich tätig. Sie engagiert sich auch für wohltätige Zwecke und gründete eine die "Katarina Witt Stiftung".

Katarina Witt in einer Eislaufhalle
In der Dokumentation "Katarina Witt - Weltstar aus der DDR" erzählt sie über ihre Karriere im Sozialismus, das Verhältnis von Sport und DDR und ihre eigenen Gefühle, als sie vom Fall der Berliner Mauer hört. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: 11.10.2020 | TV | 20.15 Uhr