29. Februar 1984 Zugunglück in Hohenthurm bei Halle

Im Bahnhof Hohenthurm bei Halle fuhr am 29. Februar 1984 ein Transitzug in einen Personenzug. Elf Menschen starben, 43 wurden verletzt. Informationen über die genauen Umstände blieben jedoch lange unter Verschluss.

Screenshot aus Lebensretter: Zugunglück Hohenthurm
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Wenn sich Heinz Kaaden erinnert, ist der 29. Februar 1984 eigentlich ein ganz normaler Mittwoch. Der damalige Berufsschullehrer sitzt im Personenzug 7523 von Bitterfeld nach Halle, im "Schichterzug". So wird er genannt, weil er zu Feierabendzeit fährt und viele Arbeiter nach Hause bringt. Auch Heinz Kaaden will zu seiner Familie, die in Hohenthurm lebt.

Transitzug rast in Schichtzug

Doch je weiter der Tag voranschreitet, desto nebliger wird es. Im Hallenser Raum kommt der Zugverkehr fast zum Erliegen, doch Heinz Kaaden erreicht den Bahnhof Hohenthurm. Mehrere hundert Arbeiter aus dem VEB Dampfkesselbau warten auf dem Bahnsteig. Kaaden steigt aus und geht einige Schritte am Bahnhofsgebäude vorbei – plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Frontal und ungebremst ist ein Transitreisezug in den kurzen Schichtzug gerast. Der letzte Wagen, in dem Heinz Kaaden vor wenigen Sekunden noch saß, gibt es nicht mehr. Er ist zertrümmert.

Gegen 15 Uhr sind wir hier angekommen. Ich war wie immer im letzten Wagen und bin dann ausgestiegen. Als ich am Ausgang war, hat es fürchterlich geknallt. Im ersten Moment habe ich an Bomben oder einen Flugzeugabsturz gedacht.

Heinz Kaaden Augenzeuge

Ersthelfer am Unfallort

Die ersten Helfer vor Ort sind Männer der Freiwilligen Feuerwehr Hohenthurm. Wenig später treffen Berufsfeuerwehr, Kripo und Krankenwagen mit Notarzt Walter Asperger am Schichtzug ein, wo es die meisten Opfer gibt. Asperger hat an diesem Tag erst seinen zweiten Einsatz – eine solche Katastrophe hat er noch nie gesehen und betreut. Mit Hilfe von Leitern versuchen die Feuerwehrmänner und er zwischen den Trümmern an die eingeklemmten Überlebenden heranzukommen – ein Wettlauf mit der Zeit. Elf Menschen sterben durch das Unglück, 43 werden verletzt. Die Bergungsarbeiten dauern bis in die Morgenstunden, weil die Helfer wegen Brandgefahr nicht mit Schneidbrennern arbeiten können. Mit gewöhnlichen Eisensägen kämpfen sich die Kameraden an die Verletzten heran.

Die Anzahl der Patienten, die wir noch versorgen konnten, war sehr gering. Wir sind dann an der Lok vorbei und haben nur noch den Tod des Lokführers festgestellt. Wir waren völlig schockiert.

Walter Asperger, Notarzt

Unglück oder Sabotage?

Im Transitzug nach Saarbrücken gibt es auch Verletzte, doch Notarzt Asperger hat dort keinen Zutritt. Die Reisenden werden von einem Katastrophenstab unter der Leitung der Stasi betreut. Sie will wissen, wie es zu dem Aufprall kommen konnte. Der Transitzug ist schließlich nach Plan am frühen Nachmittag in Berlin gestartet, mit dem Ziel Saarbrücken. Der Lokführer hat 108 Personen an Bord. Trotz einer Sichtweite von maximal fünf Metern steuert er unbeirrt gen Westen und ignoriert mehrere Haltesignale. Pünktlichkeit ist für ihn oberstes Gebot. Dank des 1972 in Kraft getretenen Transitabkommens dürfen die Züge zwar durch die DDR fahren, jedoch nicht halten – zu groß ist die Sorge der DDR-Staatsmacht, dass Bürger aufspringen oder zusteigen und fliehen. Der Anfangsverdacht der Stasi lautet also: Das Unglück ist ein Anschlag auf das System oder Sabotage.

Ungeklärte Schuldfrage

Dieser Vorwurf war bei Unglücken oder größeren Unfällen in der DDR nie weit weg – auch wenn sich bei den Ermittlungen der Stasi in der Regel herausstellte, dass eher technische Defekte oder Fahrlässigkeit die Ursachen waren. So auch in Hohenthurm: Die Stasi-Abteilungen für Spionageabwehr und Sicherung des Verkehrswesen finden keinen Hinweis auf ein Attentat. Bereits vier Stunden nach dem Unglück kann der Transitzug mit einer neuen Lok weiterfahren.

Dennoch hat das Unglück eine politische Dimension, denn die Schuldfrage ist nie richtig geklärt worden. Der Lokführer des Transitzuges hatte die Anweisung, nur an Bahnhöfen zu halten, die im Fahrplan vorgesehen waren. Dennoch wird er zu fünf Jahren Haft verurteilt. Es bleibt nur eine kurze Notiz im "Neuen Deutschland", die Helfer bekommen einen Maulkorb. Vergessen ist das Unglück jedoch nicht. Der 29. Februar ist für den damaligen Zuginsassen Heinz Kaaden bis heute sein zweiter Geburtstag.