Wurden Kinder unrechtmäßig weg genommen? Studie zur DDR-Zwangsadoption - Expertin: Kein System erkennbar

Die Bundesregierung will ein unabhängiges Forschungsprojekt zum Thema politisch motivierte Adoptionen in der DDR in Auftrag geben. Bis Mitte August 2021 können sich Einrichtungen bewerben, die Studie zu führen. Insgesamt stehen dafür eine Million Euro zur Verfügung. Die Untersuchung soll auf der 2018 veröffentlichten Vor- und Machbarkeitsstudie des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) basieren. Dieses wurde von der Jenaer Historikerin Agnés Arp mitgestaltet. Im Interview spricht sie darüber, welche Punkte nun in einer Hauptstudie näher untersucht werden müssten.

Kinder an einem Sandkasten mit Spielzeug und Dreirad in einem Dorf-Kindergarten in Mecklenburg, aufgenommen 1983.
(Symbolbild) Spielende Kinder in der DDR, 1983. Bildrechte: dpa

Frau Arp, nach der Veröffentlichung der Vorstudie zur Zwangsadoption gab es im Nachgang Kritik. Inwiefern? Welche Punkte betraf das?

Konkret betraf die Kritik die Zahlen, die wir veröffentlicht hatten. Wir haben damals Zahlen nur rein hypothetisch angeführt und ein Rechenbeispiel gegeben, wonach es insgesamt über 25 Jahre hinweg 340 Fälle gegeben haben könnte. Das waren aber keine gesicherten Befunde. Dass es Ärger um diese Zahl geben würde, war absehbar. Das war aber vom Auftraggeber erwartet worden. Wobei wir uns sehr dagegen gesträubt hatten und das sehr unvernünftig fanden, eine Schätzung ohne vertiefte Forschung im Vorfeld abzugeben. Das war hier nicht der Fall. Bedauerlicherweise haben Journalisten später nicht mit der gebotenen Sorgfalt dazu berichtet. Sie haben sich auf diese Zahl gestürzt, was äußerst unproduktiv und schließlich das Aufarbeitungsgebot nicht unterstützte.

Fragt man beispielsweise die Betroffenen, ist die Rede von mehreren tausenden Fällen. Das ist dann doch eine recht hohe Differenz zu den in der Studie veröffentlichten Zahlen.

Ja. Aus Sicht der Vereine, die sich für die Aufarbeitung einsetzen, ist das sehr verständlich. Das Thema Zwangsadoption ist ein Randthema. Ein Randthema für die Bevölkerung und auch in der Forschung. Adoptierte haben keine Lobby. Daher müssen sie laut sein, sie müssen immer wieder insistieren und den Finger in die Wunde legen. Deswegen müssen sie auch solche Zahlen behaupten.

Wir Historiker, wir Forscher, hören diese Stimmen. Wir nehmen das auch ernst. Aber wir können nicht dieselbe Sprache sprechen. Unsere Aufgabe ist es, den Umfang des Phänomens sauber nachzuweisen und zu belegen. Meinerseits nenne ich jetzt keine Zahlen in keinerlei Richtung, bevor nicht weiter geforscht wurde.

Agnés Arp, Historikerin an der Uni Jena
Bildrechte: Uniklinikum Jena

Zur Interviewpartnerin Agnes Arp wurde 1973 in Paris geboren und studierte Neuere und Neueste Geschichte. Sie legte ihre Dissertation über den industriellen Mittelstand in der DDR an der Universität Sorbonne-Nouvelle in Paris vor.
2018 war sie mit an der Vor- und Machbarkeitsstudie zur poltisch motiveirten Adoption beteiligt.

Aber der Prozess gestaltet sich ja offensichtlich als sehr langwierig und schwierig ...

Das dauert deswegen lange, weil der Mensch Zeit braucht, um solche persönlichen Geheimnisse aufzuarbeiten. Aber es gab kurz nach der Wiedervereinigung, im Mai 1991, einen Versuch der Aufklärung solcher Fälle. Da wurde in Berlin eine Clearing-Stelle eingerichtet. Das ist nach dem Zufallsfund von Adoptionsakten im Keller des Rathauses in Berlin Mitte geschehen. Nach vier Monaten Untersuchungen kam man zu dem Ergebnis, dass es 50 Verdachtsfälle in der Clearing-Stelle Berlin, 15 Verdachtsfälle (Landesebene), rund zwölf Verdachtsfälle in Sachsen-Anhalt, 20 Anfragen zu Sachsen und wenige Fälle in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gäbe. Dem Abschlussbericht der Clearingstelle nach kam es zu sechs Fällen von Zwangsadoption in den Jahren 1969 bis 1976 und zu einem weiteren Fall im Jahr 1988.

Die Rechtswissenschaftlerin Marie-Luise Warnecke, die für das Thema Zwangsadoption grundlegende Erkenntnisse geschaffen hat, wollte zehn Jahre später alle diese Verdachtsfälle untersuchen. Sie durfte aber nur an die sieben schon nachgewiesenen Fällen ran. Was ist mit den anderen Akten passiert? Das müsste dringend in der nun anstehenden Hauptstudie vertieft werden.

Was genau müsste vertieft werden?

Zwei Sachen. Zum einen, warum die Akten nicht eingesehen werden durften. Es geht hier natürlich um Identitäten und deren Schutz. War es auch von den Jugendämtern und dem zuständigen Ministerium nicht erwünscht, dass man sich diese Akten unter wissenschaftlichen Aspekten anschaut?

Aufarbeitung bedeutet nicht Aufdeckung. Diese Studie ist nicht dazu da, einzelne Fälle aufzudecken. Sondern wir wollen die Systematik, wenn es eine gab, begreifen.

Agnés Arp hat 2018 die Vorstudie mitgestaltet

Das andere, was man sich genauer anschauen müsste, ist: Die meisten Fälle betrafen alleinerziehende Mütter. Frauen, die damals als "asozial" kriminalisiert wurden. Aber das Ausmaß der Stigmatisierung durch den § 249 StGB-DDR, den man umgangssprachlich auch "Asozialen-Paragraph" nannte, war 1991 noch gar nicht bekannt. Das begreifen wir erst jetzt, nachdem erste Forschungsarbeiten über Asozialität und Jugendhilfe in der DDR publiziert wurden

Das heißt, diese Akten sind ein Schlüssel zur Aufarbeitung?

Ja, ich ahne, dass wir durch solche Akten, solche Biographien, politisch motivierte Adoptionen rekonstruieren können. Das lief aber alles sehr subtil ab. Wir müssen lernen, aus dem zu lesen, was nicht niedergeschrieben wurde. Aus den leeren Zeilen, aus dem Schweigen, dem Nicht-Verordneten - aus dem müssen wir lernen. Das sind die Räume, die Orte, wo wir Spuren für eventuelle politisch motivierte Adoptionen finden können.

Wir müssen lernen, aus dem zu lesen, was nicht niedergeschrieben wurde. Aus den leeren Zeilen, aus dem Schweigen, dem Nicht-Verordneten.

Agnés Arp Historikerin aus Jena

Da schwingen Bedenken mit ...?

Ja, schon. 2019 hat der Bundestag zur Aufarbeitung der Zwangsadoptionen für uns Forscher den Rahmen zur Einsicht in diese Akten gelockert. Da wurde eine Tür geöffnet: Wir dürfen Adoptionsakten einsehen. Aber Deutschland ist ein Föderalstaat. Jedes Bundesland hat seine eigenen Regularien. Ich fürchte, dass die Hüter der Adoptionsakten, nämlich die Adoptionsvermittler in den jeweiligen Jugendämter über einen gewissen Handlungsspielraum verfügen. Es wird ein Verhandlungsprozess werden an dieser Stelle. Das wird vermutlich die größte Hürde der Hauptstudie, an die Akten ranzukommen. Und dabei ist sehr wichtig, zu vermitteln, dass Aufarbeitung nicht Aufdeckung bedeutet. Diese Studie ist nicht dazu da, einzelne Fälle aufzudecken. Sondern wir wollen die Systematik, wenn es eine gab, begreifen. Es geht den Forschern der Hauptstudie nicht darum, die Menschen, die aus politisch motivierten Gründen adoptiert wurden, darüber zu informieren. Es geht nur darum, zu rekonstruieren, wie ein solches Verfahren abgelaufen ist.

Damit meinen Sie das, was in der Vorstudie als "Gelegenheitsstrukturen" bezeichnet wird. Können Sie den Begriff näher erläutern?

Wir haben in der Vorstudie keine Systematik entdeckt. Systematik kann man zum Beispiel durch Verordnungen entdecken. Aber das gab es in dem Fall nicht. Die SED hat daraus keine politische Linie gemacht. Aber: Es gab strukturell bedingte Gelegenheiten, um Adoptionen gegen den Willen der leiblichen Eltern aus politischen Motiven, durchzuführen.

Diese Adoptionen hatten etwas mit Disziplinierungsmaßnahmen zu tun.

Agnés Arp forscht gerade zur "Seelenarbeit im Sozialismus".

In einem Schreiben aus dem Ministerium des Inneren, das sich im Bundesarchiv befindet, konnten wir lesen, dass Eltern, welche die DDR "ungesetzlich" verlassen hatten, nur in Ausnahmefällen ihre Kinder nachgeschickt bekommen konnten: "schwierige" Kinder, Kinder mit Behinderungen sollten ihre Eltern in der BRD antreffen Die konnte man sozusagen nicht in der DDR gebrauchen. Aber was heißt das denn für die, die nicht behindert und "unauffällig" waren?

Gibt es denn trotz aller Nicht-Systematik einen gemeinsamen Nenner?

Der gemeinsame Nenner an diesen Geschichten ist bislang die Tatsache, dass es alleinerziehende Mütter betraf. Es betraf Familien mit vielen Kindern. Es betraf Menschen, die unter den "Asozialen-Paragraphen" fielen. Oder Menschen, die ausgereist oder geflüchtet waren. Diese politisch motivierten Adoptionen hatten also etwas mit Disziplinierungsmaßnahmen zu tun. Und die Akteure,die diese Adoptionen durchgeführt haben, haben über Handlungsspielräume verfügt. Die konnten entscheiden: 'Gehe ich den Schritt oder lasse ich es sein?' Es geht hier also auch um das moralische Verhalten der Beteiligten. Und da gibt es viele, die systemnah damals gearbeitet haben.

Ein kleines Mädchen mit Spielsachen 45 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Beteiligten meinen Sie nicht nur Jugendhilfemitarbeiter, sondern auch Ärzte oder Krankenschwestern? Diesen Akteuren wird ja vorgeworfen, in einigen Fällen Säuglingstode fingiert zu haben, hinter denen dann Zwangsadoption vermutet wird?

Säuglingstod wird nicht Teil der Hauptstudie sein. Da bleiben wir Forscher sehr verhalten. Da hatten wir in der Vorstudie sehr darauf insistiert, dass das nicht mit untersucht wird. Das Thema ist hochsensibel.

Um das aufzuarbeiten, braucht man auch Psychologen mit im Team. Es geht hier um Traumatisierungen. Es geht in manchen Fällen auch um Realitätsverweigerung. Nach der Maueröffnung haben zum Beispiel Mütter ihre Kinder einfach zurück gelassen. Manche Frauen verdrängen das heute und legen sich eine Geschichte zurecht. Das können wir Historiker gar nicht durchdringen.

Aber was beide Themen - Zwangsadoption und Säuglingstod - gemeinsam haben: Es ist für alle Betroffene ein sehr schmerzhafter Prozess des Begreifens und Verarbeitens.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | Kinderschicksale aus Heimen, Wochenkrippen, Jugendwerkhöfen | 18. Juli 2021 | 22 Uhr

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