21. August 1955 Der Kracher von Moskau

Im Sommer 1955 traf die bundesdeutsche Fußball-Elf in Moskau in einem Freundschaftsspiel auf die Nationalmannschaft der Sowjetunion. Was nach der sportlichen Begegnung auf politischer Ebene folgte, glich einer Sensation.

Es gibt nur wenige Momente in der deutschen Sportgeschichte, in denen Politik und Sport so eng verwoben waren wie beim Freundschaftsspiel der westdeutschen National-Elf gegen das Team der Sowjetunion. Schließlich trafen die Mannschaften das erste Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aufeinander - am 21. August 1955, im ausverkauften Dynamo-Stadion in Moskau.

Die Geschichte hinter diesem historischen Sportereignis hat Filmemacher Thomas Grimm in einer Dokumentation rekonstruiert. "Der Kracher von Moskau" ist noch bis zum 29. Oktober in der MDR-Mediathek zu sehen.

Die Zeit

Deutschland Mitte der 1950er-Jahre: Das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion ist vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet - noch immer sind Tausende Deutsche in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern interniert.

In dieser Zeit war es schon ein großer Schritt, vielleicht sogar ein Wagnis, dieses Spiel in Moskau auszutragen.

Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident "Der Kracher von Moskau"

Es herrschte Kalter Krieg: Die Bundesrepublik war gerade der Nato beigetreten, daraufhin gründete die Sowjetunion den Warschauer Pakt. Offizielle Beziehungen zwischen Bonn und Moskau gab es keine. Bundeskanzler Konrad Adenauer sah in Sowjetrussland das Reich des Bösen. Doch das Fußballspiel zwischen dem amtierenden Weltmeister und der Sowjetunion sollte die Wende einläuten.

Die Empörung

Die Initiative für die Begegnung kam aus Moskau, der DFB sagte zu - allerdings ohne Absprache mit der Bundesregierung. Das Spiel geriet zum Politikum. Bundeskanzler Konrad Adenauer ließ sogar prüfen, ob das Spiel noch abgesagt werden könnte, doch dafür war es zu spät. Auch die DDR-Politiker und ihre Sportfunktionäre waren geschockt darüber, dass die Moskauer Führung dieses Spiel ermöglichte.

Die Fans

Damit auch westdeutsche Bürger das Spiel besuchen konnten, lockerte Moskau die Einreisebestimmungen. Das Reisebüro der DDR bot für insgesamt 1.500 deutsche Fußballfans ab 15. August Sonderzüge vom Berliner-Ostbahnhof nach Moskau an. Die Fahrt dauerte drei Tage und drei Nächte. Für mehr als 500 Westdeutsche übernahm die DDR-Gewerkschaft sogar die Reisekosten in Höhe von fast 400.000 D-Mark aus dem Solidaritätsfond.

Der Empfang

Nicht nur für die deutschen Fans aus Ost und West war die Reise in die Sowjetunion etwas Außergewöhnliches. Auch für die Spieler um Kapitän Fritz Walter musste es eine surreale Situation gewesen sein. Noch zehn Jahre zuvor war der Ausnahmekicker bei der Luftwaffe und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nun fuhr er mit seinem Team zu einem Länderspiel beim einstigen Kriegsrivalen.

Doch empfangen wurden die Nationalspieler in Moskau mit überwältigender Offenheit - wie Staatsgäste. Es gab keine Pfiffe, nur Jubel und Blumensträuße. Hinzu kam der Luxus: im Hotel und im Stadion. Die Sowjetunion zeigte sich von ihrer besten Seite. Die Inszenierung war perfekt.

Das Spiel

Am 21. August 1955 war es soweit: sowjetisch-deutsches Länderspiel in Moskau. 80.000 Zuschauer verfolgten die ausverkaufte Begegnung live im Stadion. Übertragen wurde das Spiel nicht nur in Ost- und Westdeutschland, sondern auch auf den Appellplätzen der sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Gemeinsam mit ihren Bewachern hörten die Gefangenen die Übertragung aus den Lautsprechern.

Verlieren durfte das Team der Sowjetunion nicht - der ideologische Druck war immens, der Ansporn gegen die amtierende Weltmeister-Elf aus der Bundesrepublik gewaltig. Und so geht das Sowjet-Team schon in der 16. Minute mit 1:0 in Führung.

Unhaltbar schlug der Ball unter dem rechten Lattenkreuz ein, nicht zu halten für Torwächter Herkenrath und so steht es nach genau 16 Spielminuten im Dynamo-Stadion in Moskau 1:0 für Russland, das jetzt sogar bei einem neuen Angriff wieder eine Chance bekommt.

Reporter Herbert Zimmermann am 21. August 1955

Fritz Walter glich in der 29. Minute zum 1:1 aus. Es ging munter hin und her, das Spiel war auf hohem Niveau, fair und am Ende torreich. Bis zur 74. Minute steht es 2:2. Dann fällt die Entscheidung: Tor für die Sowjetunion. Die Mannschaft um den Siegtorschützen Anatoli Iljin gewinnt im eigenen Land mit 3:2.

Die Reaktionen

In der DDR-Presse wurde die Sowjetunion zur Weltklasse erhoben und von den mitgereisten wurden Lobesberichte über das kommunistische Land erwartet. Die Westpresse betonte das gute Spiel der Bundesrepublik. Doch auf beiden Seiten überwog der Tenor, dass unabhängig vom Ergebnis die Verständigung zwischen beiden Völkern gewonnen hat.

Der Durchbruch

Das Freundschaftsspiel leitete ein Tauwetter zwischen den Staaten ein. Schon drei Wochen darauf flog Bundeskanzler Adenauer zum Staatsbesuch nach Moskau. Und weitere sechs Wochen danach begann die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen.

Mehr dazu im Buch von Thomas Grimm: "Der Kracher von Moskau. Fußball zwischen Politik und Sport – Das Länderspiel Sowjetunion gegen die Bundesrepublik Deutschland am 21. August 1955", Seiten: 256, Erscheinungsdatum: 03.02.2016, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 1566.

(me)

Über dieses Thema berichtete der MDR in der Dokumentation "Der Kracher von Moskau": TV | 23.10.2018 | 22:05 Uhr