Deutsche Vertriebene im Zweiten Weltkrieg

Etwa 14 Millionen Vertriebene suchen nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine neue Heimat. Dort jedoch gelten die ausgemergelten, entkräfteten Wesen als Eindringlinge.

Die sogenannte "wilde Vertreibung" aus den deutschen Ostgebieten beginnt bereits kurz nach Ende des 2. Weltkrieges.
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In Ostpreußen, Pommern, dem Sudetenland und Schlesien war nach dem Krieg kein Platz mehr für die "Verlierer". Etwa 14 Millionen Deutsche, so schätzen Historiker, waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht. Erste Station für die Heimatvertriebenen waren schnell errichtete und hoffnungslos überfüllte Auffanglager in der Nähe der Ostgrenzen. Ob die weitere "Reise" in den Westen oder in den Osten Deutschlands ging, entschied der Zufall. Etwa acht Millionen Heimatvertriebene wurden auf das Gebiet der späteren Bundesrepublik gebracht und 4,1 Millionen in die Sowjetische Besatzungszone. Dort wurden 80 Prozent von ihnen aufs Land geschickt. In vielen Dörfern Mecklenburgs gab es fortan mehr Fremde als Einheimische. In der gesamten späteren DDR machten die Vertriebenen 24 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

"Geduldetes Lumpenpack"

In der neuen Heimat galten die Vertriebenen als Eindringlinge, Störenfriede und soziale Außenseiter. Vom "geduldeten Lumpenpack" war die Rede. "Die Flüchtlinge fressen sich dick und fett und stehlen uns unser letztes Bett", hieß es damals. Der Historiker Andreas Kossert stellt fest: "Nach dem Schock von Flucht und Vertreibung nunmehr die bittere Erkenntnis bei den Vertriebenen, sowohl bei den West- als auch Mitteldeutschen nicht willkommen zu sein. Bis weit in die sechziger Jahre hinein hört man immer wieder, dass die Menschen im Grunde nicht angekommen sind". Tatsächlich glauben damals noch unzählige der neuen Heimatlosen, dass sie eines Tages in ihre Häuser und Dörfer zurückkehren werden.

Enttäuscht von der fehlenden nationalen Solidarität in ihrer neuen Heimat und der brutalen "Integration durch heftige Konflikte", wie Michael Schwarz vom "Institut für Zeitgeschichte" schreibt, siedelten bis 1949 etwa eine Million Vertriebene aus der DDR in den Westen über.

Kein Recht auf Heimat

1950 verabschiedete die DDR-Volkskammer ein Gesetz zur Verbesserung der Lebenssituation der Vertriebenen. Sie erhielten 400 Millionen Mark Wohnungsbeihilfen und Ackerland im Rahmen der "Bodenreform". Dieses Entgegenkommen war allerdings verbunden mit dem Zwang zur Assimilierung in der DDR. Ein "Recht auf Heimat" lehnte die DDR als Ausdruck revanchistischen Denkens ab. Als Heimat galt der SED nicht eine Stadt oder eine Landschaft, sondern der sozialistische Staat. Auch aus diesem Grunde wurden die Heimatvertriebenen in der DDR verharmlosend "Umsiedler" genannt. Und 1955 galt die Integration der Umsiedler in der DDR als erfolgreich beendet.

Christel Köhler 4 min
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Haus, Hof, Heimat: Für immer verloren

Mit dem "Görlitzer Vertrag" schaffte der sozialistische Staat 1950 aber auch politische Fakten. Er erkennt die "Oder-Neiße-Grenze" an und setzte damit ein wichtiges politisches Signal in Richtung Polen – die neue Grenze wird Bestand haben. Für die ehemaligen Bewohner der Ostgebiete des "Deutschen Reiches", die in der DDR lebten, hieß das: Die Heimat ist für immer verloren.

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Schleier des Schweigens: Vertreibung bleibt Tabu

Flucht und Vertreibung waren in der DDR bis zum Schluss kein Thema. Die Umsiedler durften sich nicht organisieren, ihre Lieder und Trachten waren unerwünscht. Nur im Privaten oder in kirchlichen Kreisen gab es die Möglichkeit für Begegnungen und gemeinsames Erinnern. "Kein Mensch wusste in der DDR etwas von Ostpreußen", erinnert sich "Umsiedler" Gerhard Neumann aus Mecklenburg, "es gab keine Bücher, nichts. Das war alles tabu."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Vertreibung - Odsun: Das Sudetenland | 01. Dezember 2020 | 22:10 Uhr