Deutsch-russische Beziehungen Russland: Die späte Liebe der Ostdeutschen

Seit sechs Jahren bestehen inzwischen die Sanktionen der EU gegen Russland, nachdem Putin die Krim annektiert hatte. Besonders aus Ostdeutschland werden immer wieder Stimmen laut, diese Sanktionen zu beenden. Es gibt offenbar ein besonderes Verhältnis der Ostdeutschen zu Russland. Dabei war die Liebe zum "Großen Bruder" damals, als die Freundschaft zwischen DDR und Sowjetunion Staatsraison war, meist wenig innig. Woran lag das? Und warum hat sich das heute teilweise geändert?

Gorbatschow Honecker
Bruderkuss: Gorbatschow und Honecker im April 1986 Bildrechte: DRA

Der Kuss zwischen den sozialistischen Brüdern: Im April 1986 übertünchte er bereits die offenen Spannungen zwischen der Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika und der DDR, die von Reformen nichts wissen wollte. "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" und die Dankbarkeit für die Befreier vom Faschismus – das war selten mehr als Staatsräson und wohlinszenierte Kulisse mit Ritualen, die sich über die Jahrzehnte glichen.

Dabei gab es Begegnungen im Alltag – etwa in der Landwirtschaft, bei Pioniernachmittagen oder Besuchen in der benachbarten Kaserne. Doch allzu nah sollten sich die stationierten Truppen und Einheimischem dann bitte doch nicht kommen, das belegen Untersuchungen: "Denn je näher sie sich kamen, desto mehr stellten sie Fragen, ob der Kommunismus in Russland wirklich zukunftsweisend ist", so Silke Satjukow, Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Halle-Wittenberg. Die deutsch-sowjetische Freundschaft wurde deshalb von Moskau und Ostberlin bewusst formal und unpersönlich gehalten.

Osteuropa

DDR, 20 Pfennig Briefmarke 15 min
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Schwierigkeiten einer Zwangsehe

Dabei sollte eine eigene Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF), die 1947 als Studiengesellschaft gegründet worden war, Brücken bauen zum einstigen Feind.

Prof. Dr. Silke Satjukow, Historisches Institut der Universität Halle-Wittenberg
Prof. Silke Satjukow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den DDR-Kindergärten und Schulen beschäftigten sich schon die Kleinsten mit der Sowjetunion. Russisch war seit 1951 Pflichtfach und erste Fremdsprache. Besonders beliebt aber war "die Sprache der Besatzer" wohl zu keiner Zeit. "Natürlich ist es im Russischunterricht um Lenin und den Komsomol gegangen – blutleere Themen, die die Jugend überhaupt nicht interessiert haben", so die Historikerin Satjukow.

Dabei gab es durchaus Gelegenheiten, das Schulrussisch auch anzuwenden. Etwa auf einer Reise in die Sowjetunion, als Belohnung für rege Mitarbeit in der Gesellschaft und organisiert von der DSF. 1989 waren rund 6,5 Millionen DDR-Bürger in diversen Grundeinheiten, Brigaden und Betrieben der Gesellschaft organisiert. Deutsch-sowjetische Begegnungen waren möglich, aber nicht unbedingt nötig.

Prämien für leere Worte

Seit den 1970er-Jahren wurde aus der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft ein berechen- und abrechenbares Unternehmen. "Man konnte jede unsinnige Maßnahme abrechnen. Mir fällt da ein Fleischereigeschäft ein. Anstatt Freundschaft zu pflegen, haben sie jedes Jahr eine Postkarte von einem Kosmonauten in das Brigadetagebuch eingeklebt und gesagt: 'Wir grüßen Genossen Leonow'. Diese blutleere Aktion hat am Ende gereicht, um eine Prämie zu bekommen", so Satjukow.

Zum 40. Geburtstag der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, im Sommer 1987, gibt es den Karl-Marx-Orden für die gesamte Gesellschaft.

Die Deutsch-Sowjetische Freundschaft hat einen hervorragenden Beitrag dafür erbracht, dass die Verbindung mit dem Lande Lenins für unser Volk Herzenssache wurde.

DDR-Staatschef Erich Honecker, 1987

Bildergalerie Abzug der Sowjetarmee

Truppenübungsplätze, Panzer, Wohngebäude: Als die sowjetische Armee aus Ostdeutschland abzog, hinterließ sie manch schwierige Erbschaft.

Militärschrott aus der Sowjetunion
Nauen bei Berlin, 1991: Bei ihrem Abzug aus den neuen Bundesländern hinterlassen die sowjetischen Truppen Tonnen von Metall- und Sondermüll. Bildrechte: dpa
Militärschrott aus der Sowjetunion
Nauen bei Berlin, 1991: Bei ihrem Abzug aus den neuen Bundesländern hinterlassen die sowjetischen Truppen Tonnen von Metall- und Sondermüll. Bildrechte: dpa
Russische Soldaten räumen 1994 Quartiere.
Oranienburg, 1994: Soldaten der sowjetischen Armee räumen ihre Quartiere. Insgesamt wurden durch den Abzug des Militärs 22.000 Wohnungen in Brandenburg geräumt. Bildrechte: dpa
Russische Soldaten entsorgen Bücher im Müll
Oberkommando der Westgruppe der russischen Streitkräfte in Wünsdorf, 1994: Soldaten entsorgen Bücher. Mit auf dem Müll landet eine Tafel mit der Aufschrift: "Ohne Bücher können wir weder leben noch kämpfen, weder leiden noch uns freuen, weder siegen noch zuversichtlich in jene vernünftige und herrliche Zukunft schreiten, an die wir unerschütterlich glauben." Bildrechte: dpa
Sowjetkaserne nach Abzug in Fürstenberg/Havel
Ehemalige Sowjetkaserne in Fürstenberg/Havel: 1993: Nach dem Abzug der russischen Soldaten verfallen die Unterkünfte, vor den Häusern stapeln sich Schuttberge und Schrott - nicht nur der ehemaligen Benutzer des Geländes. Das Areal war schon 1991 von den Militärs geräumt worden. Bildrechte: dpa
Militärschrott, wie alte Panzerketten und ausrangierte Lastwagen, stapeln sich neben dem sojetischen Kasernenkomplex in Neu-Fahrland bei Berlin
Neu-Fahrland bei Berlin, 1991: Militärschrott wie alte Panzerketten und ausrangierte Lastwagen stapeln sich neben dem sowjetischen Kasernenkomplex. Was nicht mehr gebraucht wird, "entsorgen" die Soldaten auf dem Areal neben den Militärgebäuden. Bildrechte: dpa
Abriss der früheren russischen Funkmeßstation auf dem 978 m hohen Schneekopf zwischen Gehlberg und Oberhof
Bei Oberhof in Thüringen, 1995: Abriss der früheren russischen Funkmessstation auf dem 978 Meter hohen Schneekopf zwischen Gehlberg und Oberhof. Bildrechte: dpa
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Besatzer, keine Freunde?

Private Kontakte zwischen den hier stationierten Sowjetsoldaten und den Einheimischen gab es durchaus – sogar Hochzeiten. Doch die Russen in der DDR blieben bis zu ihrem Abzug in den Augen vieler vor allem eins: Besatzer. Mit Truppenübungen, zerfahrenen Straßen und Feldern sowie Offiziersfrauen, die schon vormittags die Geschäfte leerkauften. Als sie dann endlich gingen, war die sogenannte  "Freundschaft" längst vergessen.

"Aber schon Ende der 90er Jahre passierte etwas Interessantes. Die Ostdeutschen begannen nachzudenken, wer sie sind. Und sie besannen sich darauf, was sie besonders gut können. Und ihnen fiel ein, dass Ihre Nähe zu Russland besonders ist, dass sie Russisch können, ein bisschen zumindest, dass sie die russische Seele kennen. Und immer, wenn heute etwas eintritt, ein Krieg, eine Wahl, dann reagieren Ostdeutsche mehrheitlich anders als Westdeutsche. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun", so Silke Satjukow. Einer Geschichte, die aus vielen Gemeinsamkeiten und Erinnerungen besteht – und die bis heute prägt.

Zur Historikerin Prof. Dr. Silke Satjukow, geboren 1965 in Weimar, studierte von 1991 bis 1995 Geschichte, Germanistik, Philosophie, russische Sprache und Literatur in Moskau, Berlin, Erfurt und Jena. 2011 bis 2017: Professur für Geschichte der Neuzeit an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Seit 2018 ist sie Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie forscht zur Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, zu Propaganda sowie zu Fremd- und Feindbildern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 17. Mai 2020 | 22:20 Uhr

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MDR FERNSEHEN So, 29.11.2020 22:20 22:50

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MDR FERNSEHEN Mo, 23.11.2020 22:10 23:10

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