Servatiusschrein
Ein Prunkstück des Quedlinburger Domschatzes - der Servatiusschrein. Bildrechte: IMAGO

Wie der Schatz der deutschen Kaiser in Texas landete Der Raub des Quedlinburger Domschatzes

In den Wirren des Zweiten Weltkriegs verschwand einer der bedeutendsten Schätze Deutschlands - der Domschatz von Quedlinburg. Nach einem wahren "Krimi" fand ihn ein Kunstdetektiv in Texas wieder. Vor 25 Jahren kehrte der Schatz in seine Heimat zurück.

Servatiusschrein
Ein Prunkstück des Quedlinburger Domschatzes - der Servatiusschrein. Bildrechte: IMAGO

In der texanischen Provinzstadt Whitewright am 20. Juni 1990: Im Tresorraum der First National Bank versammelt sich eine Gruppe von Anwälten, US-Marschalls, Kunstexperten und der deutsche Kunstdetektiv Willi Korte. Sie wollen herausfinden, ob sich in einem der Safes der seit dem Zweiten Weltkrieg verschollene Domschatz von Quedlinburg befindet. Und tatsächlich werden sie in einem der Schließfächer fündig: Der Schatz der deutschen Kaiser wurde in zwei Pappkartons gestopft und stümperhaft mit Klebeband umwickelt. Doch wie kam er dorthin?

Der Quedlinburger Domschatz Der Domschatz von Quedlinburg gilt als der bedeutendste Kirchenschatz des Mittelalters. Gestiftet wurde er im 10. Jahrhundert von den Ottonen, einer deutschen Herrscherdynastie, aus der die Kaiser hervorgingen. Der Damenstift in Quedlinburg war unter anderem für die Memoria, die Erinnerung an die Verstorbenen der ottonischen Herrscherfamilie, verantwortlich.

Dicke Mauern gegen Bomben

Nachdem im Sommer 1942 die ersten Bomben der Alliierten auf Deutschland niedergingen, veranlasste der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, die Evakuierung vieler bedeutender Kunstgegenstände. Darunter befand sich auch der Quedlinburger Domschatz. In mehreren Kisten verpackt wurde er vor den Toren der Stadt in der Altenburg-Höhle ausgelagert. Deren dicke Mauern sollten die Kostbarkeiten vor Schäden schützen.

Geschichte

Ein Blick in den Domschatz von Quedlinburg

Burgberg mit Stiftskirche St. Servatius
Der Burgberg in Quedlinburg mit der Stiftskirche St. Servatius. Bildrechte: IMAGO
Burgberg mit Stiftskirche St. Servatius
Der Burgberg in Quedlinburg mit der Stiftskirche St. Servatius. Bildrechte: IMAGO
Stiftskirche mit Domschatz
In der Domschatzkammer der Stiftskirche wird der Domschatz aufbewahrt, der aus etwa 50 Exponaten besteht. Bildrechte: IMAGO
Stiftskirche mit Domschatz Quedlinburg
Das Samuhel-Evangeliar (links) ist das bedeutendste Stück des Kirchenschatzes. Die aus 191 Pergamentseiten bestehende und mit goldener Tinte geschriebene Schrift stammt aus der Karolingerzeit. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen deutschen Handschriften. Bildrechte: IMAGO
Servatiusschrein
Das Servatius-Reliquiar ist ein mit goldenen Filigranarbeiten verzierter Kasten aus Elfenbein. Er entstand vermutlich um das Jahr 870 am Hofe Karl des Kahlen im Westfränkischen Reich und zeigt Jesus im Gespräch mit elf seiner Apostel. Bildrechte: IMAGO
Kamm
Der Heinrichskamm ist ebenfalls aus Elfenbein gearbeitet und geht vermutlich auf das 7. oder 8. Jahrhundert zurück. Die goldenen Verzierungen stellen zwei Pferdehälse dar, die Pferdeköpfe sind nicht mehr erhalten. Bildrechte: IMAGO
Stiftskirche mit Domschatz
Der aus Alabaster gefertigte Kana-Krug ist das älteste Stück der Sammlung. Seine Ursprünge reichen wahrscheinlich auf das 1. Jahrhundert zurück. Er soll an die Hochzeit zu Kana in der biblischen Geschichte erinnern. Bildrechte: IMAGO
Domschatz Quedlinburg
Das Otto-Adelheid-Evangeliar besteht aus Elfenbein und Gold. Die Schnitzereien stellen Szenen aus dem Leben Jesu dar. Bildrechte: IMAGO
Domschatz Quedlinburg
Ein Bergkristallgefäß aus Konstantinopel. Weil es als unzerbrechlich galt, hatte es großen Wert für die Aufbewahrung von Reliquien. Bildrechte: IMAGO
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Mit der Feldpost in die USA

Dort fand ihn im April 1945 der US-Amerikaner Joe Thomas Meador, der als Oberleutnant in Quedlinburg stationiert war. Der studierte Kunsthistoriker war für seine Beutezüge von Kunstgegenständen berüchtigt. Dafür wurde er sogar vor ein Kriegsgericht gestellt. Auch der Schatz von Quedlinburg kam ihm unter die Finger. Per Feldpost schickte Meador ihn zu seiner Mutter ins texanische Kleinstädtchen Whitewright.

Millionen-Schatz in einer Privatwohnung

Wieder in seine Heimat zurückgekehrt, bewahrte Meador die Altertümer in seiner Wohnung auf. Dort stellte er sie zur Schau, wie einige seiner engsten Freunde berichteten. In Deutschland galt der Schatz als verschollen. Erst als Meador 1980 starb und seine Erben die Gegenstände gewinnbringend verkaufen wollten, tauchten sie auf dem Kunstmarkt auf - und gab dem deutschen Juristen und Historiker Willi Korte die Chance, ihn wiederzufinden.

Schatzsuche mit Hindernissen

Willi Korte, Provenienzforscher des Stern-Projekts.
Der Fund des Quedlinburger Domschatzes machte ihn bekannt - der Provenienzforscher Willi Korte im Jahr 2018. Bildrechte: dpa

Ein Hinweis von Klaus Goldmann, dem Oberkustus der Museen in West-Berlin, hatte Korte Ende der 1980er-Jahre auf die Spur des Schatzes gebracht. Goldmann hatte als Beamter der Stiftung preußischer Kulturgüter Wind vom Verkaufsangebot eines der wichtigsten Stücke des Schatzes, dem Samuhel-Evangeliar, bekommen. Doch die Namen der Verkäufer - und damit auch das Versteck des Schatzes - blieben im Dunkel.

Korte begab sich auf eine jahrelange Spurensuche, die ihn über viele Umwege letztendlich ins texanische Whitewright führte. Nachdem 1990 klar war, dass es sich tatsächlich um den Schatz handelte, stand der Wiederbeschaffung noch ein zäher Streit zwischen den Erben und deutschen Behörden bevor. Letztendlich einigte man sich auf einen außergerichtlichen Vergleich, bei dem die deutsche Seite fast drei Millionen Dollar Lösegeld für den Rückkauf zahlte.

Rückkehr nach 48 Jahren

Zehn von zwölf gestohlenen Gegenständen konnte Korte so ausfindig machen. Nachdem einige Stücke in Berlin und München ausgestellt wurden, kehrte der Quedlinburger Domschatz 1993 in die Stiftskirche St. Servatius zurück. Seitdem 19. September 1993 kann man ihn dort wieder besichtigen.

(man)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 06.03.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 11:39 Uhr