Günter Starke - der Fotograf der Dresdner Neustadt


Dresden Neustadt
1982 wird der volkswirtschaftliche Wert der Äußeren Neustadt noch mit 300 Millionen Mark beziffert. Obwohl insbesondere Baufachleute der TU Dresden diesen Bestandswert der Häuser immer wieder in die Waagschale werfen, findet der Wunsch nach Erhalt und bewahrender Erneuerung des Viertels kaum Gehör. Bildrechte: Günter Starke
Ein Mann hält historische Unterlagen in den Händen.
Günter Starke - das "Auge" der Neustadt. Der Fotograf gilt heute als wichtigster Bildchronist der Äußeren Neustadt vor der Wende. Einzigartig sind vor allem seine Serien über die Bewohner des Viertels. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Dresden Neustadt
Seit 1980 lebt Günter Starke zusammen mit seiner Frau Christine, ebenfalls Fotografin, in der Neustadt. Zunächst als sogenannter Schwarzmieter: "Ich hab mir einfach mal einen Dietrich geschmiedet, denn ich wusste ja durch meine Spaziergänge, dass viele Wohnungen frei sind. Ich hab geguckt, wo abends kein Licht ist und hab dann gesehen, im Haus Nummer 14 unterm Dach ist nie Licht. Geh ich mal gucken. Und ich bin fast umgefallen. Die Wohnung war picobello sauber, die Sicherungen standen noch auf dem Kasten, das Wasser lief..." Bildrechte: Günter Starke
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Bei Frau S., der Nachbarin, macht Günter Starke, der zuvor in einem Dresdner Neubaugebiet wohnte, Bekanntschaft mit den neuen Neustädter Wohnverhältnissen: "Das Dach war so kaputt, so dass aus den Dachschrägen die Ziegel rausbrachen, weil alles verfault war." - Bereits 1983 sind von den etwa 8.260 Wohnungen im Gebiet 1.130 wegen Schwervermietbarkeit oder baupolizeilicher Sperrung leerstehend. Sechs Jahre später sind es bereits 1.600. Mehr als 20 Prozent. Bildrechte: Günter Starke
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Frau S. hat ihre Möbel mit Planen abgedeckt. "Wenn sie mir einen Kaffee gebrüht hatte, griff sie unter die Plane nach Tasse und Teller. Eine notdürftige Sanierung des Hauses 1986 hat Frau S. nicht mehr miterlebt." – Frau S. ist eine von vielen alten Frauen, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Viertel leben. Bildrechte: Günter Starke
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35 Prozent der Wohnungen in der Äußeren Neustadt sind Mitte der 1980er-Jahre von Rentnern bewohnt, die trotz zunehmend unwirtlicher Wohnbedingungen ihrem Quartier die Treue schwören. Als das DDR-Fernsehen 1984 zum ersten Mal die Wohn-und Lebensverhältnisse im Viertel thematisiert, bringt eine 75-jährige "Ur-Einwohnerin" die Angst vor einem Umzug so auf den Punkt: "Ich habe mir gewünscht, dass ich hier, wo mein ganzes Leben stattfand – meine Kinder sind hier geboren, meine Eltern hier gestorben - dass auch ich hier sterben möchte." Bildrechte: Günter Starke
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Ein Kindergeburtstag 1982: Grund für die immens ausgeprägte Bindung ist das im Viertel tief verankerte Zusammengehörigkeitsgefühl: "Man ist in die Höfe gegangen und in den Höfen saßen welche und machten sozialismusfreie Zone oder züchteten Karnickel" erinnert sich Günter Starke. "Das war hier so eine Vielfalt und die war lustig. Du hast von großer Solidarität bis Aggressivität alles gehabt. Dieselben Leute, die dir besoffen eine auf die Klappe hauen wollten, die haben dir dann die Kohlen mit reingeschaufelt. Das war was Neues für mich. Und das war ein Leben, was ich spannend fand." Bildrechte: Günter Starke
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Hof Raskolnikoff – eines der ältesten Häuser der Neustadt: "Du konntest in alle Höfe gehen und immer war irgendwas anderes", sagt Günter Starke. "Als ich das Raskolnikoff entdeckt hab, war da hinten eine kleine Werktstatt drin für erzgebirgische Holzschnitzerei. Beim nächsten biste reingegangen, da wurden Klaviere gebaut." Die außerordentlich starke gewerbliche Nutzung war seit der Gründerzeit ein Alleinstellungsmerkmal der Äußeren Neustadt. 70 Prozent der Erdgeschosse besaßen hier eine "gesellschaftliche Nutzung", wie es in der DDR hieß. Bildrechte: Günter Starke
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Ein Paar legt im Hof ein Beet an. Günter Starke erinnert sich: "Bei manchen bin ich hingegangen und hab gefragt: Kann ich mal kommen? Dann durfte ich rein. Und bei manchen hat‘s ein paar Jahre gedauert. Man hat miteinander gesprochen, hat die Kohlen zusammen reingeschafft, hat beim Einkauf geholfen. Da ergab sich das so, dass eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut wurde. Heute ist sowas sehr schwierig." Bildrechte: Günter Starke
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Hof des Hauses Martin-Luther-Platz: Von 1972 bis 1989 verzichten etwa 45 Prozent der Hauseigentümer in der Dresdner Äußeren Neustadt auf ihr Eigentum. Ohne Aussicht auf staatliche Unterstützung bei der Instandhaltung und in Folge eines seit 1936 (!) geltenden Mietendeckels von ca. 80 Pfennig pro Quadratmeter haben sie kaum eine andere Wahl. Auch das beschleunigt den Verfall. Waren 1982 noch 73 Prozent der Gebäude in einem guten bis ausreichenden Zustand, sind es 1989 nur noch 40 Prozent. Bildrechte: Günter Starke
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1982 wird der volkswirtschaftliche Wert der Äußeren Neustadt noch mit 300 Millionen Mark beziffert. Obwohl insbesondere Baufachleute der TU Dresden diesen Bestandswert der Häuser immer wieder in die Waagschale werfen, findet der Wunsch nach Erhalt und bewahrender Erneuerung des Viertels kaum Gehör. Bildrechte: Günter Starke
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Im Gegenteil: 1986 sickern Pläne der Dresdner Stadtplanung durch, dass ab 1989 das Viertel zu einem großen Teil abgerissen werden soll. Günter Starke: "Ich hab das auch bloß durchgestochen gekriegt, weil ich für die Sprengtechnik als Fotograf gearbeitet habe. Und da hat einer von denen mich mal zur Seite genommen: Wo wohnst Du? – Lutherplatz. - Welche Seite? – Südseite. - Haste Glück gehabt!" Bildrechte: Günter Starke
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1989 erkämpft die Bürgerinitiative IG Äußere Neustadt einen Abrissstop für das Viertel. Und später gar den Status Sanierungsgebiet. In der Folge werden Verkaufswerte für Immobilien in der Neustadt durch einen Gutachterausschuss festgelegt. Die Schätzung der Sanierungskosten für die Äußere Neustadt belaufen sich seinerzeit auf 700 Millionen DM. Bildrechte: Günter Starke
Zwei Männer stehen vor einem Laden.
In den 1990er-Jahren dokumentieren Günter und Christine Starke viele Gebäudesanierungen im Viertel. So auch die des Familienwohnhaus Otto. (Im Bild Günter Starke und Jan Otto.) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer stehen vor einem Laden.
Tischler Jan Otto, ein echtes Kind der Neustadt, hat hier zusammen mit seinem Vater, der im Gebäude fast 30 Jahre lang einen Lebensmittelladen betrieb, von 1993-1995 das Haus saniert. Die Chance dazu hatte er nur dank bereitgestellter Städtebaufördermittel.   Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Ära Lebensmittelladen Otto ist heute Geschichte. Die Erinnerung an diesen besonderen Ort aber noch immer höchst lebendig. Günter Starke: "Ich war vor allem ganz fasziniert von der Kaffeerösterei im Laden. Ich habe einmal aus dem Urlaub eine Tüte Rohkaffee mitgebracht. Wieder in Dresden angekommen, ging es zu Ottos. Und dann roch die ganze Strasse schön nach Kaffee." (Günter Otto Anfang der 1990er-Jahre in seinem Geschäft)
(Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in MDR Zeitreise | 30.6.2019 | 22:00 Uhr)
Bildrechte: Günter Starke
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