DDR-Mikroelektronik Mega-Schwindel um Megabit-Chip

Am 12. September 1988 wurde in Berlin mit großem Pomp eine vermeintliche technologische Sensation präsentiert: der Ein-Megabit-Chip, made in GDR. Aber der Volksmund spottete schon bald, es handle sich um den "ersten begehbaren Chip der Welt". Tatsächlich war die Entwicklung des Chips eine große Leistung für die DDR-Wissenschaftler, allerdings wäre eine Massenproduktion niemals möglich gewesen.

Erich Honecker war begeistert, als ihm der Generaldirektor des VEB Carl Zeiss Jena, Wolfgang Biermann, das Muster des Ein-Megabit-Speicherchips feierlich überreichte: "Eure Leistungen sind ein hervorragender Beitrag im Wettlauf mit der Zeit", würdigte der SED-Chef die Arbeit der Wissenschaftler. "Sie sind ein überzeugender Beweis dafür, dass die DDR ihre Position als entwickeltes Industrieland behauptet."

"Der erste begehbare Chip der Welt"

Der knapp sieben Millimeter große Chip sollte demonstrieren, dass die DDR auch auf dem Feld der Mikroelektronik durchaus zur Weltspitze gehöre. "Der Chip hat zwei Millionen Bauelemente. Und diese zwei Millionen Bauelemente sind in 17 Ebenen untergebracht", erklärte eine sichtlich beeindruckte Reporterin des DDR-Fernsehens in einer halbstündigen Sondersendung. "Wir können uns das Ganze wie eine Stadt vorstellen, mit Millionen Hochhäusern, die miteinander verbunden sind, mit Straßen und Autobahnen." 35 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten könne der Ein-Megabit-Chip mühelos speichern. Doch aller fröhlichen Propaganda zum Trotz: Die DDR-Bürger hatten sofort ihre Zweifel. Den Ein-Megabit-Chip verspotteten sie umgehend als den "ersten begehbaren Chip der Welt".

Rückstand von vielen Jahren

Der Rückstand der DDR zur internationalen Spitze der Mikroelektronik, die damals vor allem Japan verkörperte, betrug Mitte der 1980er-Jahre, wie das ZK der SED betrübt konstatieren musste, wenigstens vier Jahre. Das solle sich, so forderte die Staatspartei, aber nun schleunigst ändern. Eine verzweifelte Aufholjagd begann, denn die SED sah in der Mikroelektronik die einzige Hoffnung auf eine Zukunft der DDR als Industrienation. Rund eine Milliarde DDR-Mark wurden in den Aufbau des "Zentrum Mikroelektronik Dresden" (ZMD) gepumpt. Die DDR musste auf diesem Gebiet ganz von vorn beginnen, denn an westliche Hochtechnologie kam man nicht heran. Die stand damals auf der vom Westen erstellten "Cocom"-Liste: Ausfuhr in die sozialistischen Staaten verboten. Und Hilfe aus der Sowjetunion stand nicht zu erwarten. Der "große Bruder" war auf dem Gebiet auch nicht weiter als die DDR.

Weltniveau in nur drei Jahren

Im Februar 1986 beschloss die Führung der SED, dass die DDR binnen drei Jahre das Weltniveau im Bereich Mikroelektronik erreicht haben müsse. Das Hauptaugenmerk sollte dabei auf die Entwicklung eines Ein-Megabit-Speicherchips gelegt werden. Ein Chip also, der eine Million Dateneinheiten speichern kann. Die Computerfirma IBM hatte einen solchen Chip allerdings bereits im Mai 1984 vorgestellt. Wolfgang Biermann, ZK-Mitglied und mächtiger Generaldirektor des VEB Carl Zeiss Jena, übernahm die Führung bei der Entwicklung des so ehrgeizigen wie prestigeträchtigen Projekts. Die Wissenschaftler des ZMD, das zu Biermanns Kombinat gehörte, standen unter enormem Druck. Stets war von einem "Wettlauf" die Rede, der in höchstem Tempo zu absolvieren sei. Zwei Jahre später jedenfalls konnte Biermann vermelden, dass mit "einem Zeitvorsprung von einem Jahr" ein funktionstüchtiges Exemplar eines Ein-Megabit-Chips hergestellt sei.

Von Anfang an veraltet

Was Generaldirektor Biermann und das Fernsehen der DDR jedoch verschwiegen: Der Ein-Megabit-Speicherchip war bereits bei seiner Übergabe an Erich Honecker hoffnungslos veraltet - im Westen wurden in jenen Tagen schon die ersten Vier-Megabit-Speicher produziert. Immerhin sprachen in der Sondersendung des DDR-Fernsehens ZMD-Forscher das größte Problem freimütig an: "Ein Ende des Wettlaufs" sei erst dann erreicht, wenn der Chip in großen Mengen bereitgestellt werden würde. Davon aber konnte überhaupt keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Eine Massenproduktion war schlicht unmöglich. Etwa 35.000 Ein-Megabit-Chips wurden 1988 und 1989 auf einer Versuchsstrecke im ZMD hergestellt. Ab 1990 sollten, so die Planvorgaben der SED, jährlich 100.000 Chips im Kombinat Mikroelektronik in Erfurt gefertigt werden. Eine lächerlich geringe Menge - die Firma "Toshiba" etwa stellte so viele Chips an nur einem einzigen Tag her. Doch selbst die Herstellung einer so geringen Stückzahl wäre unmöglich gewesen. Die nötigen Produktionsanlagen gab es nur im Westen - und sie unterlagen dem Cocom-Embargo.

Bemühungen waren nicht ganz umsonst gewesen

Den Planvorgaben der SED bereitete der Untergang der DDR ein jähes Ende. Der Ein-Megabit-Chip ging nie in Serienproduktion. Doch auch wenn der Chip vor allem ein ideologischer Bluff war - ganz unbestritten ist die Leistung der Wissenschaftler und Ingenieure des "Zentrum Mikroelektronik Dresden". Sie hatten den Chip immerhin selbständig entwickelt, denn auf westliche Basistechnologie hatten sie schließlich nicht zurückgreifen können. Vergeblich waren ihre Bemühungen aber auch nicht gewesen. Denn nach dem Ende der DDR siedelten sich vor allem ihretwegen zahlreiche Mikroelektronik-Firmen im sogenannten "Silikon Saxony" in Dresden an. Das ZMD gibt es sogar heute noch. Der Ein-Megabit-Chip hat mittlerweile eine Bleibe im Deutschen Museum Berlin gefunden.

Information: DRA. Das aktuelle Ereignis.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR um 2" 25.10.2017 | 14:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 10:39 Uhr