Karl-Marx-Allee Berlin, 14.10.2010 Nach dem Vorbild der sowjetischen Monumentalarchitektur wurde mit der Gründung der DDR 1949 die Stalinallee als Repräsentationsmagistrale errichtet.
Nach dem Vorbild der sowjetischen Monumentalarchitektur wurde mit der Gründung der DDR 1949 die "Stalinallee" (heute Karl-Marx-Allee) als Repräsentationsmagistrale errichtet. Bildrechte: imago/Ulli Winkler

DDR-Prachtstraße Das sozialistische Paradies: "Stalinallee"

Pompöse Wohnhäuser, Köstlichkeiten und eine Flaniermeile: Die "Stalinallee" im Berliner Osten war eine Prachtstraße nach sowjetischem Vorbild. Am 21. Dezember 1949 erhielt sie ihren Namen. Ein Blick auf die Geschichte und das plötzliche Ende des Stalin-Kults.

von Ralf Lange

Karl-Marx-Allee Berlin, 14.10.2010 Nach dem Vorbild der sowjetischen Monumentalarchitektur wurde mit der Gründung der DDR 1949 die Stalinallee als Repräsentationsmagistrale errichtet.
Nach dem Vorbild der sowjetischen Monumentalarchitektur wurde mit der Gründung der DDR 1949 die "Stalinallee" (heute Karl-Marx-Allee) als Repräsentationsmagistrale errichtet. Bildrechte: imago/Ulli Winkler

Ende 1949, kurz nach Gründung der DDR, war es aus Sicht der neuen, sozialistischen Regierung das Logischste und Selbstverständlichste, dass zahlreiche Straßen und Plätze im neugegründeten Land nach den "Helden" des Kommunismus und Sozialismus benannt werden müssen. Nach und nach schossen deshalb Lenin-, Karl-Marx- und Ernst-Thälmann-Straßen und -plätze wie Pilze aus dem Boden.

Und das galt natürlich auch für Josef Stalin. Es war zwar nicht üblich, einen noch lebenden Menschen mit einem Straßennamen zu ehren, doch bei Stalin machte man eine Ausnahme. Er war als Nachfolger Lenins seit 1929 selbsternannter "Führer" der Sowjetunion und ließ sich in einem heute abnorm erscheinenden Personenkult als glorreiche Lichtgestalt des Sozialismus feiern. Natürlich musste deshalb auch in (Ost)-Berlin, der neuen Hauptstadt der DDR, eine Straße nach Stalin benannt werden. Aber welche?

Aus "Große Frankfurter Straße" wurde "Stalinallee"

Das Wiederaufbauprogramm der DDR nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges sah vor, die stark zerbombte "Große Frankfurter Straße" in Berlin zu einem Prachtboulevard nach sowjetischem Vorbild auszubauen. Sie verlief vom historischen Zentrum fast schnurgerade nach Osten und durchquerte dabei auch den Arbeiterbezirk Friedrichshain. Dieser hatte eine besondere Bedeutung für die Kommunisten, denn er war einer der wenigen, in denen die Nazis bei den Reichstagswahlen 1933 keine Mehrheit erzielen konnten. Am 21. Dezember 1949 - Stalins offiziellem 70. Geburtstag - erhielt die noch weitgehend zerstörte Straße in einer feierlichen Zeremonie offiziell ihren neuen Namen: "Stalinallee".

DDR - Baustelle auf der Stalinallee, 1552.
Deutsche Demokratische Republik, 1952: Baustelle auf der "Stalinallee" Bildrechte: imago/Marco Bertram

Ab 1951 wurden dort pompöse Wohnhäuser gebaut, die schnell unter dem Begriff "Arbeiterpaläste" bekannt wurden. Sie sollten suggerieren, dass eines Tages vielleicht alle Einwohner der sozialistischen Länder in modernen, komfortablen "Palästen" wohnen würden – im Gegensatz zu den schäbigen Mietskasernen, die bisher in der "Großen Frankfurter" standen.

Und als Symbolfigur für diesen Fortschritt kam nur ein Mann in Frage: Stalin. Aber die Straße führte nicht nur in die östlichen Arbeiterbezirke Berlins, sie führte im übertragenen Sinne auch Richtung Sowjetunion und damit in eine "goldene Zukunft". In die Zukunft des Sozialismus, dessen größtes Genie – zumindest nach damaliger Staatsmeinung – der Genosse Stalin war.

Leben in den "Arbeiterpalästen"

Karl-Marx-Allee, Berlin
Wohngebäude auf der "Stalinallee" Bildrechte: imago/Rolf Zöllner

Und diejenigen, die eine Wohnung in den "Arbeiterpalästen" an der Stalinallee zugewiesen bekamen, fühlten sich wahrscheinlich wirklich wie in einem kleinen, sozialistischen Paradies: Die Wohnungen waren hell und geräumig, hatten Heizung und fließendes Wasser (sogar warmes) und im Hauseingang begrüßte einen freundlich ein Portier und händigte die Post aus. Vor den Häusern luden breite, mit Bäumen gesäumte Gehwege zum Bummeln ein. Spezialitätenrestaurants wie das "Café Moskau" oder das "Haus Bukarest" lockten mit kulinarischen Köstlichkeiten und in den Geschäften gab es eine Warenfülle, von der die meisten DDR-Bürger nur träumen konnten.

Der Namensgeber der Allee wurde natürlich auch mit einem Denkmal geehrt: 1951 wurde eine 4,80 Meter hohe Bronzestatue enthüllt, die auf einem 3 Meter hohen Sockel thronte. Am 5. März 1953 starb Stalin. Anlässlich seiner Beerdigung vier Tage später zogen Zigtausende Menschen bei einem Trauermarsch durch die Allee. Aber auch der Volksaufstand von 1953 begann am Vorabend des 17. Juni mit Unruhen auf einer Baustelle der "Stalinallee".

Plötzliches Ende der "Stalinallee"

Acht Jahre später war es mit der Verehrung von Stalin dann urplötzlich vorbei: Ohne, dass die Bevölkerung davon etwas wusste, rückten in der Nacht zum 14. November 1961 Soldaten der Nationalen Volksarmee an und stießen das Stalin-Denkmal mit einer Planierraupe vom Sockel. Es wurde auf einem Tieflader in eine Baufirma transportiert und dort bis zur Unkenntlichkeit zerkleinert. Als die Anwohner am Morgen zur Arbeit gingen, war nicht nur das Denkmal verschwunden, auch sämtliche Straßenschilder waren ausgetauscht worden: Der westliche Teil hieß nun plötzlich "Karl-Marx-Allee", der östliche "Frankfurter Allee".

Symbolischer Ort
1969: Festumzug am Straußberger Platz, in den die "Karl-Marx-Allee" (früher "Stalinallee") mündet. Anlass waren die Feierlichkeiten des 20. Jahrestages der DDR. Bildrechte: imago/Stana

Damit folgte die DDR-Regierung wieder einmal dem großen Vorbild Sowjetunion: Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow hatte schon 1956 in einer "Geheimrede" auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) die Verbrechen Stalins angeprangert. Dabei wurde klar, dass Stalin nicht eines der größten Genies der Geschichte war, sondern einer der größten Verbrecher. In seiner Regierungszeit hatte er durch seine Politik den Tod mehrerer Millionen Menschen verschuldet und sogar persönlich die Ermordung zahlloser Menschen angeordnet.

Abkehr von der Stalin-Verehrung

Nach der Geheimrede, von der die Bevölkerung nichts wusste, wurde der Personenkult um den toten Führer schrittweise eingedämmt. Doch erst Ende Oktober 1961 Beschloss die KPdSU auf ihrem 22. Parteitag die völlige Abkehr von der Stalin-Verehrung. Seine einbalsamierte Leiche wurde aus dem Mausoleum in Moskau entfernt und an der Kreml-Mauer beerdigt. Die nach Stalin benannten Städte, Berge, Institutionen und Betriebe, Straßen und Plätze in der Sowjetunion erhielten neue Namen. Zwei Wochen später reagierte dann auch die DDR-Regierung mit der Umbenennung der "Stalinallee". Gleichzeitig wurde "Stalinstadt" im heutigen Bundesland Brandenburg in "Eisenhüttenstadt" umbenannt.

Über dieses Thema berichtete der MDR im: TV | 30.10.2018 | 23.56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 12:43 Uhr