Alois Mock und Gyula Horn
Die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock (l.) und Gyula Horn, durchschneiden am 27. Juni 1989 den "Eisernen Vorhang", der ihre Länder teilt. Bildrechte: dpa

Vor 30 Jahren Als sich der "Eiserne Vorhang" öffnete

In der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 fiel der "Eiserne Vorhang" zwischen Ungarn und Österreich endgültig. Aber bereits am 27. Juni 1989 schrieben die Außenminister von Österreich und Ungarn Geschichte, als sie den Grenzzaun durchtrennten. Die Bilder dieses symbolischen Aktes gingen um die Welt. Mit der Demontage des Grenzzauns hatte Ungarn bereits am 2. Mai 1989 begonnen. Es war der Tag gewesen, an dem sich der "Eiserne Vorhang" erstmals öffnete.

Alois Mock und Gyula Horn
Die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock (l.) und Gyula Horn, durchschneiden am 27. Juni 1989 den "Eisernen Vorhang", der ihre Länder teilt. Bildrechte: dpa

Die Genossen in Ostberlin hatten der Nachricht, die sie Ende Februar 1989 aus dem "sozialistischen Bruderland" Ungarn erreichte, offenbar keine größere Bedeutung beigemessen. Man war auch gerade vollauf mit ernsten Angelegenheiten im eigenen Land beschäftigt: Die Opposition eroberte zunehmend die Straßen und Bürgerrechtler riefen zum Boykott der Kommunalwahlen am 7. Mai auf.

Und so informierte Verteidigungsminister Heinz Kessler erst am 6. Mai 1989 seinen Chef Erich Honecker pflichtschuldig darüber, dass Ungarn "im Zuge der europäischen Entspannung planmäßig" mit der "Demontage des Grenzsignalzauns" an der ungarisch-österreichischen Grenze begonnen habe. Kessler betonte, dass es sich dabei aber lediglich um eine "kosmetische Maßnahme" handele und Ungarn die Sicherheit der Grenze auch weiterhin gewährleisten würde.

Ungarische Soldaten durchtrennen den Grenzzaun

Die Demontage des Grenzzauns nahe Nickelsdorf (Österreich) und Hegyeshalom (Ungarn). Angehörige der ungarischen Grenztruppe haben am 02. Mai 1989 damit begonnen, die Sperranlagen an der ungarisch-österreichischen Grenze zu entfernen. Bis 1990 sollen alle Grenzsperren an der rund 350 Kilometer langen Grenze abgebaut sein.
Ein ungarischer Grenzsoldat bei der Demontage des "Eisernen Vorhangs" im Mai 1989 Bildrechte: dpa

Am Morgen des 2. Mai 1989 begannen ungarische Grenzsoldaten tatsächlich mit der Demontage des Grenzsignalzauns. An vier Grenzübergangsstellen zur Republik Österreich wurde jeweils ein Kilometer des Zauns, der selbst noch zweieinhalb Kilometer von der eigentlichen Grenzlinie entfernt lag, durchschnitten. Ende des Jahres werde man mit den Demontagearbeiten fertig sein, verkündete der Chef der Grenztruppen auf einer Pressekonferenz stolz.

Kein Geld für einen neuen Grenzsignalzaun

Die Überlegungen, den insgesamt 270 Kilometer langen Grenzzaun abzubauen, gab es bereits 1987 in Ungarn. Damals hatte eine Überprüfung der von der UdSSR Mitte der 60er-Jahre gelieferten Grenzanlagen ergeben, dass diese hoffnungslos verrottet waren: Die Drähte waren rostig, ständig gab es Fehlalarm. Einen neuen Zaun wollte die UdSSR aber nicht liefern und Ungarn dafür kein Geld mehr ausgeben. Warum auch? Zwar registrierten die ungarischen Grenzbehörden jedes Jahr etwa 2.000 Fluchtversuche, allerdings nicht von ungarischen Staatsbürgern. Die meisten stammten aus der DDR. Jeder Ungar hatte nämlich einen sogenannten "Weltpass" und konnte problemlos reisen wohin er wollte.

Gorbatschow gab sein Einverständnis

Die Grenze ist "historisch, technisch und politisch überholt", sagte der Reformpolitiker Imre Pozsgay Ende 1988. Im März 1989 reiste schließlich der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth nach Moskau. Er informierte Michail Gorbatschow darüber, dass Ungarn beabsichtige, den Grenzzaun zu Österreich abzubauen. Gorbatschow versprach, sich nicht einzumischen. Und er hielt Wort.

DDR-Bürger reisten nach Ungarn

Eine Mutter und ihr Kind schlafen in einem Trabbi
Warten auf die Gelegenheit zur Flucht: eine Mutter und ihr Sohn im Sommer 1989 in Ungarn. Bildrechte: dpa

Die DDR-Bürger erfuhren vom Abbau der Grenzanlagen in Ungarn aus dem Westfernsehen, denn die Medien ihres Landes verloren über die spektakulären Vorgänge kein einziges Wort. Doch sofort machten sich die ersten Ausreisewilligen auf den Weg, um über den Umweg Ungarn in den Westen zu entkommen. Und zwar ohne Mühe und gefahrlos, wie sie glaubten. Doch sie irrten sich: Zwar hatte Ungarn etliche Kilometer des Grenzzauns demontiert, die Grenzpatrouillen hingegen verschärft. Kaum einem gelang die Flucht. Die ungarischen Grenzer schickten sie ins Landesinnere zurück. Das SED-Politbüro in Ostberlin wähnte sich in Sicherheit.

Am 21. August 1989 wird Kurt Werner Schulze bei der Flucht mit der Familie über die ungarisch-österreichische Grenze erschossen. Seine Frau schildert die schreckliche Nacht. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

27. Juni 1989 - ein Schnitt, der die Welt veränderte

Am 27. Juni 1989 durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, symbolisch ein Loch in den Grenzzaun, der beide Länder einst getrennt hatte. Die Bilder dieses Ereignisses gingen um die Welt und wurden zum Symbol für den Fall des "Eisernen Vorhangs". Dabei war das Durchtrennen des "Eisernen Vorhangs" durch die beiden Minister ein sorgfältig inszenierter Termin für die internationale Presse. Den Grenzzaun gab es zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr. Er war in den Wochen nach dem 2. Mai bereits abgebaut worden. Aber an jenem 2. Mai waren keine Kameras dabei gewesen und auch keine Minister. Und so ging halt der 27. Juni 1989 in die Geschichtsbücher ein.

Flucht von DDR-Bürgern

Einige Wochen später, am 19. August 1989, nutzten etwa 600 DDR-Bürger das von Imre Pozsgay und Otto von Habsburg organisierte "Paneuropäische Picknick" an der ungarisch-österreichischen Grenze zur Flucht. In der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 wurde die Grenze schließlich geöffnet. Der "Eiserne Vorhang" war nun tatsächlich gefallen. In den folgenden drei Wochen flüchteten mehr als 25.000 DDR-Bürger nach Österreich. Die DDR verbot daraufhin Reisen nach Ungarn. Aber das war nur noch eine Randnotiz. Die Fluchtwelle war nicht mehr zu stoppen.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "MDR Zeitreise" 21.07.2019 | 22.05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 10:31 Uhr