Verbrannte Erde für den Feind Endphasenverbrechen des Zweiten Weltkrieges

Am 18. April 1945 verlieren im KZ Abtnaundorf bei Leipzig mindestens 80 Menschen ihr Leben - ausgeführt durch SS- und SA-Männer. Es ist der Tag der "Befreiung von Leipzig" durch die Amerikaner. Nach ihrer Ankunft fertigen die amerikanischen Streitkräfte umfangreiches Dokumentationsmaterial von Abtnauendorf an - als Zeugnis der Greultaten der Nazis. Denn Abtnaundorf ist nicht das einzige Verbrechen, was in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs verübt wurde. Diese Taten werden von Historikern als Endphasenverbrechen bezeichnet.

Davidsterne und Kreuze  auf dem Gräberfeld der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen.
Davidsterne und Kreuze auf dem Gräberfeld der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen. Bildrechte: dpa

Abtnauendorf. Römhild. Gardelegen. Diese – und noch viele andere Orte – werden in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges zum Schauplatz willkürlicher und brutaler Morde von Mitgliedern der SS, SA oder Gestapo. Die von ihnen zu Feinden erklärten Menschen werden verbrannt, erschossen oder auf Todesmärschen "eliminiert". Wenn die Kriegsgegner Deutschlands einmarschieren, sollten sie keine KZ-Häftlinge finden, die vom Holocaust und anderen Verbrechen der Nazis berichten könnten. Das einzige, was man den West-Alliierten und der Roten Armee hinterlassen will, ist "verbrannte Erde".

Das Lager am Großen Gleichberg: "Es fielen 50 Schüsse – oder mehr"

Am 1. April 1945 werden die Insassen des Arbeiterziehungslagers am Basaltsteinbruch im thüringischen Römhild zum Appell gerufen. Das Lager soll geräumt werden. Gefangene mit Fußbeschwerden sollen aus den Baracken heraustreten und im Lager verbleiben. Der lauffähigen Lagerinsassen sollen – so der Befehl – von den herannahenden Alliierten weggeführt werden. Doch bevor der Marschbefehl für gut 350 Menschen erteilt wird, führen die Aufseher des Lagers die fußlahmen Häftlinge in den Steinbruch. Kurz darauf fallen "mindestens 50 Pistolenschüsse", wie es der Überlebende Dolf van de Ven berichtet.

Er ist einer der wenigen Überlebenden, die den Marsch von Römhild in Richtung KZ Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz, unbeschadet übersteht. Im Buch von Gert Stoi "Das Arbeitserziehungslager Römhild 1943 1945" erzählt er: "Ich kam bis 50 Schüsse, es können aber wesentlich mehr gewesen sein, denn es fielen auch Schüsse fast zeitgleich." Zuvor waren rund 90 Insassen in den Steinbruch geführt worden. Das Massengrab wird erst im Februar 1947 gefunden.

Die Bevölkerung mit den Schandtaten konfrontiert

Ähnlich wie in Römhild sind auch die SS-Männer und andere NS-Organisationen in Gardelegen vorgegangen. Am Abend des 13. April 1945 trieben sie 1.016 Häftlinge an den Stadtrand. Dort wurden sie in die Scheune des Gutes Isenschnibbe gedrängt, alle Tore verriegelt und das Gebäude mittels benzingetränktem Stroh in Brand gesetzt. Wer der Scheune entkommen konnte, wurde mit Schüssen niedergestreckt. Nach Beendigung des Infernos versuchten Täter und Feuerwehr, die Spuren zu beseitigen, und hoben Massengräber aus, in denen sie die Ermordeten verscharren wollten.

Dem kam das Eintreffen der amerikanischen Truppen in die Quere, welche die Verschleierung des Verbrechens sofort unterbanden. Oberbefehlshaber der 102. US-Infanterie-Division, General Frank A. Keating, ordnete die Exhumierung und pietätvolle Beisetzung der Opfer durch die Stadtbevölkerung an. Konfrontiert mit den Untaten der NS-Getreuen, legten die Bürgerinnen und Bürger von Gardelegen nahe der Scheune einen Friedhof für die Ermordeten an. Lediglich 305 Menschen konnten identifiziert werden.

Vernagelt, getränkt, angezündet

Auch in Abtnaundorf bei Leipzig versuchen die Nazis, die Spuren des Arbeitslagers mitsamt den Gefangenen zu beseitigen. Der Flugzeughersteller Erla Maschinenwerk GmbH baut an dem Standort Jagdflugzeuge und beherbergt seine Zwangsarbeiter im Außenlager Leipzig-Thekla, welches organisatorisch zum Konzentrationslager Buchenwald gehört.

Holocaust-Gedenktag in Sachsen an der Gedenkstätte Abtnaundorf
Gedenkstätte in Abtnaundorf Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Überlieferte Berichte von mindestens 67 Überlebenden geben den Ablauf des Massakers von Abtnauendorf wieder: So müssen die Häftlinge die Fenster einer Baracke zunageln, bevor Mitglieder der SS und des Volksturms kranke und schwache Insassen darin einsperren. Die benzingetränkte Baracke wird mit Panzerfäusten und Pistolen in Brand geschossen. Flüchtende Häftlinge, die teilweise brennend davonrennen, werden niedergeschossen.

Mindestens 80 Menschen sterben an diesem 18. April 1945 – dem Tag der Besetzung Leipzigs durch die Amerikaner. Nach ihrer Ankunft fertigen die amerikanischen Streitkräfte umfangreiches Dokumentationsmaterial von Abtnauendorf an. Dieses wird später im Dokumentarfilm Nazi Concentration Camps sogar bei den Nürnberger Prozessen verwendet. Der Personalchef der Erla-Werke und SA-Führer Walter Wendt bekommt beim Buchenwaldprozess 15 Jahre Haft. Das Strafmaß wird später auf fünf Jahre reduziert. Von anderen Verurteilungen ist in diesem Zusammenhang nichts bekannt oder reproduzierbar.

Die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Leipzig-Abtnaundorf.
Die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Leipzig-Abtnaundorf. Bildrechte: dpa

410 Urteile zu den "Verbrechen der Endphase"

Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Kroatien und Jugoslawien zieht sich die Spur der Endphasenverbrechen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Bis zum Schluss begehen Anhänger des Nationalsozialismus Gräueltaten im Namen ihrer Ideologie und ermorden Menschen, die dem faschistischen Kriegstreiben oder dessen Vertuschung im Weg stehen. Insgesamt werden nach 1945 etwa 410 Urteile zu den "Verbrechen der Endphase" gesprochen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Der Osten - Entdecke wo du lebst | 07.04.2020 | 21:00 Uhr