Enteignungswelle 1972 Als die DDR die letzten Familienbetriebe verstaatlichte

Bis 1972 gibt es in der DDR noch über 11.000 private Betriebe. Oft stellen sie Nischenprodukte her, die aus dem Alltag aber nicht wegzudenken sind. Unter Erich Honecker ist Schluss mit dem Privatunternehmertum. Das bekommen auch die Sika Werke in Leipzig zu spüren.

Die Sika Werke in Leipzig, ein mittelständisches Unternehmen in privater Hand, produzieren Plastikfolien aller Art - Nischenprodukte, doch unerlässlich für den Alltag. Hier ist der Eigentümer auch der Chef. Bis 1972 läuft alles hervorragend. In jenem Schicksalsjahr aber wird Sika-Eigentümer Eberhard Kaps gezwungen, seine Firma an den Staat abzugeben.

Da ging es hart zur Sache. Es hat den Vater sehr mitgenommen, aber gegen das System der Diktatur hatten sie keine Chance.

Rainer Kaps, Sika Werke Leipzig

1972 ist das Jahr nach dem Machtantritt Honeckers. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in der DDR noch über 11.000 private Betriebe mit mehr als 50.000 Beschäftigten. Zusammen erwirtschaften sie immerhin 15 Prozent der Industrieproduktion und erleichtern vor allem mit Kleinprodukten das Leben im realen Sozialismus.

Honecker will das Ende des Privateigentums

Walter Ulbricht hatte die privaten und halbstaatlichen Betriebe durchaus geschätzt. Es war ein Element der Flexibilität, das er erhalten wollte. Doch nun soll plötzlich Schluss sein mit Privateigentum. Der neue Mann Honecker erzwingt die komplette Verstaatlichung. Unter dem ideologischen Vorwand der Vervollkommnung des Sozialismus betreibt er wirtschaftlichen Kahlschlag.

Wir werden die Macht der Arbeiterklasse und ihre führende Stellung wie unseren Augapfel hüten, um die weitere Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in unserer Deutschen Demokratischen Republik immer vollkommener auszuprägen.

Erich Honecker

Rückblick: In der sowjetischen Besatzungszone gab es schon 1946 die erste gesetzliche Grundlage zur Verstaatlichung von Privateigentum. Damals werden die Großbetriebe enteignet. Dann kauft sich der SED-Staat in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Beteiligungen in gut laufende Privatunternehmen ein. Schleichend aber stetig wird der Zugriff auf Plan-, Preis- und Produktvorgaben der Privaten ausgedehnt. Offiziell wird es als Solidaritätsakt verkauf, der den Unternehmen hilft, das eigene Angebot zu erweitern und zu verbessern.

Bessere Bedingungen mit staatlichem Geld

Diesen Weg beschreitet auch die Leipziger Firma Sika. 1959 darf sich der Staat bei den Kaps einkaufen. Zu dem Zeitpunkt ist das gut für die Firma. Inzwischen hat sie über hundert Mitarbeiter, mit dem Staatsgeld konnten die Löhne erhöht und vermehrt investiert werden.

Doch bereits mit dem Mauerbau 1961 und der Zwangsenteignung der Grundstücksbesitzer dort ahnt Vater Kaps, was auch auf sie zukommen kann. Als er versucht, sich zu wehren, bekommt er die Härte der Staatsmacht zu spüren. Er wird zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Keine Chance für die Eigentümer

Dann kommt das Jahr 1972. Die beschlossene Verstaatlichung der Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigen beginnt im Bezirk Leipzig. So stehen die Genossen eines Morgens Anfang April auch bei den Kaps vor der Tür.

Die greifen sich da jeden einzelnen und machen ihn fertig. Keine Chance hatten die Leute. Also mein Vater war bestimmt ein harter Typ, der hat gekämpft, aber er gegen die Leute, das wusste er, hatte keine Chance.

Rainer Kaps, Sika Werke Leipzig

Wie tausende Privatbetriebe erhalten auch sie an jenem Tag ein vorgedrucktes Schriftstück zur Unterschrift: „Wir erklären uns bereit, unseren privaten Anteil am Betrieb an den Staat zu verkaufen. Wir halten diesen Schritt [...] für richtig.“ Für die Kaps ist das ein Hohn. Auch die Entschädigungen für die gutlaufenden Familienbetriebe sind nicht angemessen. Sie werden heruntergerechnet und die Gelder auf Sperrkonten geparkt. Der Unternehmer bekommt nur eine bestimmte jährliche Summe zugeteilt.

Vater und ich wurden dann Leiter in zweiter Ebene, irgendwie haben wir unser Ding aber weiter gemacht und uns eingebracht. Im Innersten war es ja noch immer unsere Firma, deshalb haben wir sie nicht blockiert.

Rainer Kaps, SIKA-Werke Leipzig

17 Jahre später fällt die Mauer und plötzlich gibt es die Chance, den VEB zurückzukaufen. Doch wer im Osten hat schon das Geld dafür? Oft sind die Betriebe kaputt, es müssen Altschulden und Löhne gezahlt, Immobilien erworben werden. Vater und Sohn Kaps zögern zunächst, sich den Stürmen der Marktwirtschaft zu stellen. Aber dann werden aus einem kleinen Teil des abgewirtschafteten VEB Polyfol wieder die Sika Werke mit einem Kaps an der Spitze. Und Rainer Kaps denkt bereits daran, die Firma in guter Familientradition an den Sohn zu übergeben.

Über dieses Thema berichtet der MDR im Magazin ZEITREISE im: TV | 24.10.2017 | 21.15 Uhr