Ernährung in der DDR "Keine leichte Kost!"

Kalter Hund, Jägerschnitzel mit Nudeln, Quarkkeulchen und vieles mehr. In der DDR gibt es einige Leckereien, die den Gaumen verwöhnen. Doch was lecker schmeckt, ist oftmals nicht unbedingt gut für unseren Körper. Wenn ungesunde Ernährung überwiegt, kommt es schnell zu gesundheitlichen Folgen, wie Übergewicht oder Bluthochdruck. Ein Grund für uns zu fragen: Haben die Menschen in der DDR zwischen Broiler und Fassbrause eigentlich auf ihre Ernährung geachtet?

Das beliebt DDR-Kochbuch "Wir kochen gut". Im Bild ein Nachdruck der Original-Ausgabe von 1968.
Bildrechte: Buchverlag für die Frau/ MDR

Waren die DDR-Bürger zu dick? Dazu schrieb die damals westdeutsche Wochenzeitung "Die Zeit" im Jahr 1976, dass 40 Prozent aller Frauen, 20 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder in der DDR "erhebliches Übergewicht" auf die Waage bringen. Auch im Osten war das ein Thema. So berichtete ein Leser in einer Umfrage der DDR-Frauenzeitschrift "Für Dich":

Tagtäglich beobachte ich viele Schüler aller Altersgruppen, die sich vor Schulbeginn beim Bäcker Kuchen und Brötchen kaufen.

"Die Zeit" 5. März 1976

Der Verdacht damals: Schon bei DDR-Schülern schleicht sich eine ungesunde Ernährung im Schulalltag ein. Doch stimmt das oder wurde die kleine Nascherei zu vorschnell kritisiert?

"Filinchen" Packung
Das Filinchen ist ein dünnes Waffelbrot aus Thüringen. In der DDR war es sehr bekannt. Bildrechte: IMAGO

Ungesunde Ernährung in der DDR

Erst einmal: Gesunde Ernährung wird überhaupt erst ein gesellschaftlich verbreitetes Thema in den 70er-Jahren. Davor war man in Ost und West froh, zu essen zu haben und genoss es in vollen Zügen. Nun aber schlugen Ärzte Alarm: Fettsucht, Verkalkung, Schlaganfall und das nur wegen zu viel, zu fettem und zu süßem Essen und Trinken, gepaart mit zu wenig Bewegung.

In der DDR lag das vor allem daran, dass gerade die Lebensmittel nicht immer verfügbar waren, die heute als gesund gelten: Obst, Gemüse, Vollkornprodukte.

Der Ost-West-Vergleich

Ganz genau hat sich das Robert-Koch-Institut die Unterschiede in Ost und West seit 1990 hinsichtlich Ernährung und Gesundheit angesehen. "Zu Beginn der 1990er-Jahre unterschied sich der Lebensmittelkonsum zwischen den neuen und alten Bundesländern: Die Ostdeutschen konsumierten mehr Butter, Brot und Wurst, aber weniger Milch, Milchprodukte, rohes Gemüse, Zitrusfrüchte, Nudeln und Reis als die Westdeutschen."

Im Ergebnis stellte der Bericht fest, dass es mehr adipöse Erwachsene Anfang der 1990er-Jahre in den neuen Bundesländern gab als in den alten. Allerdings traf das nicht auf die Jugend zu: Kinder und Jugendliche im Osten waren nicht dicker als im Westen, so die Forscher.

Eine Kundin steht im Konsum an der Kasse und unterhält sich mit der Kassiererin, DDR 1981
Verkäuferin und Kundschaft im Konsum von Schenkenberg - DDR 1981 Bildrechte: IMAGO

Wohin geht der Trend?

Heutzutage geht der Trend geht jedoch nach oben - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Seit 1980 hat sich die Zahl adipöser und übergewichtiger Menschen verdoppelt, so das Robert-Koch-Institut. Das heißt: Ost und West passen sich auf ungesunde Weise an. Angeglichen haben sich bis heute auch die Ernährungsgewohnheiten, vor allem bei den Jüngeren. Inzwischen isst man in Ost und West Müsli zum Frühstück.

Inwiefern die Ernährung mit der Lebenserwartung zu tun hat, ist immer schwer abzuleiten. Was wir wissen ist, dass Ostdeutsche 1990 noch rund drei Jahre früher starben als Westdeutsche. Dass es diesen Unterschied nicht mehr gibt, hat viel mit der medizinischen Versorgung zu tun. Vor allem bei Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen war die BRD der DDR voraus.

Kleinere Männer, aber weniger Allergien

Aufgrund der Ernährung waren die Menschen im Osten auch kleiner als im Westen - das will John Komlos, Anthropometriker an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, herausgefunden haben, wie der Spiegel 2004 berichtet. Seinen Studien zufolge waren ostdeutsche Männer durchschnittlich 1,5 cm kleiner als die Männer im Westen.

Und es gab noch einen Unterschied, der allerdings weitaus signifikanter war. Als nach der Wende die Allergieforscher in den Osten kamen, um sich die hohe Zahl von Allergien aufgrund der Luftverschmutzung anzuschauen, wurden sie enttäuscht. Im Osten gab es nur halb so viele Bürger mit Allergien wie im Westen. "Wir dachten zuerst: In Westdeutschland spricht man halt mehr über Allergien, da glaubt man dann auch öfter, sie wirklich zu haben", sagte Bärbel-Maria Kurth vom Robert-Koch-Institut dem Tagesspiegel 2009. Aber es stimmte: Allergien waren in Ostdeutschland in allen Altersgruppen seltener. "Das begann mit dem Jahrgang 1949 und ging dann immer weiter auseinander", so Kurth. Aber schon innerhalb weniger Jahre nach der Wende hat sich Zahl der Allergien gesamtdeutsch auf das vorherige Westniveau angeglichen.

Soljanka mit Toasscheiben
Der Geschmack des Ostens: Soljanka. Die säuerlich-scharfe Suppe war ein typisches Gericht aus der Sowjetunion. Bildrechte: dpa

Warum es in der DDR weniger Allergien gab, weiß man bis heute nicht. Gemutmaßt wird, dass es mit den Keimen zu tun hatte, denen die Kinder in der Krippe ausgesetzt waren. Auch die Ernährung könnte eine Rolle gespielt haben. Denn in zwei Punkten waren die Lebensmittel in der DDR so wie es sich heute viele wünschen: Ohne Geschmacksverstärker oder chemische Zusatzstoffe und sie kamen meist aus der Region.

Über dieses Thema berichtete der MDR im ZEITREISE-Magazin im TV: 20.09.2020 | 22:20 Uhr

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