Hauswald in Ausstellung
Bildrechte: Harald Hauswald

Interview Ohne Presseausweis zum Konzert - der Fotograf Harald Hauswald

Harald Hauswald hatte die internationale Musikstars, die in der DDR Konzerte geben durften, vor seiner Kamera. Aber auch die Fans und ihre Emotionen hat Hauswald auf seinen legendären Konzertfotos festgehalten.

Hauswald in Ausstellung
Bildrechte: Harald Hauswald

Herr Hauswald, Sie hatten zu DDR-Zeiten nicht mal einen Presseausweis, weil die DDR-Obrigkeit ihnen diesen verboten hatte. Wie sind sie auf all diese Konzerte gekommen?

Der Tontechniker von der FDJ war in meine Freundin verliebt und daher hat er mir immer Pressekarten zugesteckt. Dafür hat er allerdings immer wieder vom FDJ-Obersten einen Anraunzer bekommen. Trotzdem habe ich immer wieder von ihm Karten bekommen. Es gab eine einzige Ausnahme: Für Bruce Springsteen hatte ich einen Presseausweis von der ARD, um die Bilder zu machen, die von der Kamera nicht eingefangen werden konnten.

Warum haben Sie auch das Publikum fotografiert und wie haben Sie die Fans bei den Konzerten wahrgenommen?

Mich interessiert immer die Reaktion von Menschen, besonders wenn Ektase rüber kommt. Vom Fotografengraben war es bombig, die erste Reihe zu sehen. Die waren alle hellauf begeistert, endlich mal ein Ventil, endlich mal Rock-Musik richtig live erleben! Die Konzerte sind fast explodiert. Bei Springsteen waren offiziell 160.000 Zuschauer zugelassen aber inoffiziell waren es bestimmt 220.000, weil die Menschen hinten die Zäune eingerannt haben. Es war ein unglaublicher Moment als die vielen Jugendliche "Born in the USA" mitgesungen haben und das ein Jahr vor Mauerfall. Ich hatte Gänsehaut!

Das hört sich nach Ekstase an! Wie haben sie selbst diese Konzerten erlebt?

Genauso wie das Publikum, kein Unterschied! Einmal bei Fischer-Z, einer Band, die rhythmische-englischen Folkrock spielen, da wippten alle Teleobjektive von den Fotografen mit. Bei mir natürlich auch.

Wer hat sie am meisten bei all den Konzerten beeindruckt und was war ihr Highlight?

Bruce Springsteen! Die Stimmung war gigantisch, wenn da 200.000 Menschen mitmachen und riesengroße Ami-Fahnen schwenken, das ist unglaublich. Wenn die mit den Fahnen über den Alexanderplatz gerannt wären, das wären zwei Jahre Knast gewesen. Springsteen selbst hat vor einiger Zeit bei einem Konzert in Deutschland gesagt, das sei sein bestes Konzert gewesen. Wegen des Geldes haben sie es nicht gemacht. Die Künstler wurden in Naturalien bezahlt, wie mit Meißner Porzellan oder einer Segeljacht.

Ost Fotograf "Like a Rolling Stone": Wie Weststars im Osten die Wende ins Rollen brachten

Rolling Stones, Bob Dylan, Joe Cocker – schon zwei Jahre vor der Wende durften die Stars in Ost-Berlin auftreten. Harald Hauswald hat die Momente festgehalten und weiß, wie viel die Konzerte zur Wende beigetragen haben.

Die britische Rockband The Rolling Stones.
Sie sind das Highlight für viele Rockfans im Osten! Die britische Rockband "The Rolling Stones". Bewusst treten sie zum Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1990 auf. Auf der Radrennbahn Weißensee lassen sie das Set ihrer Urban Jungle Tour "Steel Wheels" aufbauen, es wurde extra aus den USA eingeflogen. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Die britische Rockband The Rolling Stones.
Sie sind das Highlight für viele Rockfans im Osten! Die britische Rockband "The Rolling Stones". Bewusst treten sie zum Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1990 auf. Auf der Radrennbahn Weißensee lassen sie das Set ihrer Urban Jungle Tour "Steel Wheels" aufbauen, es wurde extra aus den USA eingeflogen. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Bruce Springsteen (hier mit Sängerin und Gattin Patti Scialfa)
Zuvor hatten schon viele andere den Osten gerockt. Zwei Jahre vorher, am 19. Juli 1988 begeisterten Bruce Springsteen und seine E-Street Band offiziell 160.000 junge Menschen in Berlin. Auf dem Bild ist er mit seiner Ehefrau, der Sängerin Patti Scialfa, zu sehen. "Das Konzert wäre fast explodiert vor Zuschauern" sagt der Fotograf Harald Hauswald. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
US-Flagge im Publikum, Konzert des US-amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen.
Fast undenkbar! Im Publikum werden beim Springsteen Konzert US-Flaggen geschwenkt. Wenige Jahre zuvor oder in einer anderen Umgebung hätte das sicher zur Verhaftung durch die Volkspolizei geführt. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Bier-Ausschank beim Konzert des US-amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen.
Der Bierausschank ließ das letzte Quäntchen Mut reifen beim Springsteen Konzert. "Es ist schön, in Ostberlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock ’n’ Roll für euch zu spielen" sagte Springsteen seinen Fans. Seitdem wird er auch als "Diplomat in Lederweste" bezeichnet. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Joe Cocker auf seiner Pressekonferenz.
Viele hatten zuvor den Weg geebnet. Er war einer der ersten Weststars im legendären Rocksommer der DDR: der amerikanische Sänger Joe Cocker. Am 1. Juni 1988 heizte er in Weißensee 85.000 Menschen ein. Zuvor gab er eine Pressekonferenz im Hotel "Stadt Berlin". Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Rio Reiser, Idol der linksalternativen Szene West-Berlins
Wenige Monate später, am 1. Oktober 1988, sang Rio Reiser in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle. Reiser ist Idol der linksalternativen Szene West-Berlins und hatte auch viele Fans im Osten.
Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Die deutsche Rockband Die Toten Hosen.
Bis heute setzten sich die Toten Hosen für die Demokratie bei vielen Festivals ein. Im August 1990 leisteten sie ihren Beitrag zur Wiedervereinigung beim Open Air Festival Weißensee auf der Radrennbahn. Der Titel ihrer Tournee hieß wegweisend "Auf dem Kreuzzug ins Glück". Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Fans beim Konzert der britischen Rockband The Rolling Stones.
Als Fotograf interessierte sich Hauswald nicht nur für die Bands sondern auch für die Ost- Fans. Sie wirkten befreit wie hier beim Konzert der Rolling Stones. Dieses Stück gefühlte Freiheit solle vielen Mut gemacht haben, dass man Freiheit auch friedlich bekommen könne, meint Hauswald. Bildrechte: Harald Hauswald/OSTKREUZ
Harald Hauswald steht vor Foto
Der Fotograf ist auch sonst ein politischer Mensch. Legendär, ist er für seine Bilder vor der Wende. Er zeigte die DDR, so wie sie auch war aber nicht von der DDR-Obrigkeit gezeigt werden sollte. Nach der Wende gründete Harald Hauswald mit anderen Fotografen die bis heute bestehende Ostberliner-Agentur "Ostkreuz". Bildrechte: Bibiana Barth/MDR
Hauswald in Ausstellung
Im Moment ist seine Ausstellung mit Bildern aus dem Osten in Sachsen zu sehen. "Voll der Osten" wird noch bis November in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul gezeigt. Bildrechte: Harald Hauswald
Buchcover des Bildbandes Like a Rolling Stone von Harald Hauswald
Das Buch "Like a Rolling Stone" erscheint Anfang November im Jaron Verlag.

Über dieses Thema berichtete der MDR am 14.02.2018 um 21:45 Uhr in MDR aktuell
Bildrechte: Jaron Verlag
Alle (11) Bilder anzeigen

Bob Dylan war auch gigantisch, obwohl er voll besoffen war. Der war so betrunken, das er drei Titel gar nicht erst gespielt hat, die auf der Liste standen. Das hat mir ein Redakteur von der Wochenzeitung "Sonntag" gesteckt. Zugabe hat er auch keine gemacht. Der wusste glaube ich, nicht mal wo er gerade auftritt. Dylan sollte eigentlich in der Waldbühne in West-Berlin spielen und dann wurden zu wenige Karten verkauft. Da hat die FDJ das Konzert abgekauft und er hat, glaube ich eine Segeljacht dafür bekommen.

Durften Sie jedes Bild aufnehmen oder gab es Kontrollen?

Wenn man einmal drin war, war es kein Problem, da durfte man das ganze Konzert durch fotografieren. Erst nach dem Mauerfall durfte man bei einigen nur noch drei Titel fotografieren, wie es heute üblich ist. Bei David Bowie war es so: Zuerst ist er rumgerast wie ein Blöder, aber leider bei wenig Licht. Aber Titel vier, als wir nicht mehr fotografieren durften, da hat er sich total verändert. Da ist er auf einmal zu einer Salzsäule erstarrt.

Gab es einen Unterschied zwischen den Konzerten, wenn Ost-oder Westmusiker spielten?

Buchcover des Bildbandes Like a Rolling Stone von Harald Hauswald
Der Bildband "Like a Rolling Stone" von Harald Hauswald, erschienen im Jaron Verlag. Bildrechte: Jaron Verlag

Die allgemeine Ausrichtung der Rock-Jugend war Richtung West-Musik. Am Anfang hat die DDR richtig gewettert gegen alles was aus dem Westen kam und hat versucht dagegen vorzugehen zum Beispiel mit der Singe-Bewegung. Aber die Ostbands haben zum Teil auch Westmusik nachgespielt. Dann wurde von der DDR die 60/40 Regel eingeführt, so dass bei Konzerten und im Radio mindestens 60 Prozent Ost-Musik gespielt werden mussten. Aber mit der Westmusik strömte das West-Lebensgefühl rüber. "Born to be wild" von Steppenwolf, "Child in Time" von Deep Purple – das Lebensgefühl war der Drang nach Freiheit. Ostmusiker haben sich Mühe gegeben, "Am Fenster" das waren große Hits, aber es ist nicht an das was aus Westen kam rangekommen.  

Sie sind bekannt für Bilder, die ein kritisches Bild der DDR zeichnen. Welche Kritik verbirgt sich hinter den Bildern bei den Konzerten?

Ich denke das einzige Foto ist das, auf dem zwei FDJ-ler bei einem Springsteen Konzert in der ersten Reihe zu sehen sind und dabei abgehen, obwohl sie aufpassen sollten. Damit habe ich die Ordnungsmacht veräppelt. Der Rest der Bilder ist eigentlich sehr zeitlos und bis heute aktuell. Gut, einige Losungen der FDJ sind auch zu sehen wie "Friedenskonzert für Nicaragua". Das hat keinen so wirklich interessiert. Heute würde an der Stelle Werbung hängen.   

Wieviel haben die Konzerte zur politischen Wende beigetragen?

Ich würde nicht sagen, dass sie zur politischen Wende in dem Sinne beigetragen haben. Sondern plötzlich wurden Gefühle zugelassen, für etwas was bis dato verboten war, nämlich Westmusik zu mögen. Und das wurde plötzlich auch noch vom Staat zugelassen! Man hatte das Gefühl, jetzt ist auf einmal eine Freiheit da, die einen ermutigt hat, auch politisch tätig zu werden. Ein kleiner Auslöser für die Wende mag da schon drin gesteckt haben. Wenn etwas streng verboten war und jetzt plötzlich akzeptiert wurde, dann hat man das Gefühl: Wir haben uns Freiheit erobert! Die FDJ hatte gemerkt, dass der Drang nach der Westmusik da ist und wollte mit den Konzerten ein Ventil aufbauen. Aber wenn man den kleinen Finger reicht, wollen viele die ganze Hand.

Der Redakteur Alexander Osang behauptet im Spiegel, dass die Konzerte mehr dazu beigetragen haben, dass die Wende friedlich verlaufen ist, als Kohl. Stimmen Sie zu?

Das ist durchaus möglich, weil da schon so eine Art Freiheitsdrang war, der gedeckelt wurde. Wenn der Freiheitsdrang einmal friedlich befriedigt wurde, dann kann es auch friedlich weitergehen.

Harald Hauswald, geboren in Radebeul, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und einer der bedeutendsten Fotochronisten der späten DDR. Der Fotograf lebt in Berlin und ist Mitbegründer der international bekannten Ostkreuz-Fotoagentur. In seinem neuen Buch "Like a Rolling Stone" (Jaron Verlag) zeigt er seine Fotografien bei Konzerten von Weststars im Osten.

Über dieses Thema berichtete der MDR am 14.2.2018 um 21:45 Uhr in MDR aktuell

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 10:45 Uhr