Der Fotograf Karl Heinz Mai Im Rollstuhl durch das Nachkriegs-Leipzig

Im Krieg verliert Karl Heinz Mai beide Beine, ist danach auf den Rollstuhl angewiesen. Doch er will eigenständig bleiben und beginnt zu fotografieren. Es entsteht eine einzigartige Dokumentation der Entwicklung Leipzigs nach dem Krieg. Mai, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, verarbeitet dadurch seine Erlebnisse und hinterlässt seinem Sohn Karl Detlef eine Mahnung.

Karl Mai
Karl Heinz Mai Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Meinem Sohn Detlef, damit er sich selbst ein Bild von der Sinnlosigkeit des Krieges machen kann und daraus lernt, Menschenwerte zu erhalten statt zu vernichten.

Diese Widmung steht in einem der vielen Fototagebücher von Karl Heinz Mai. Sie ist eine Mahnung und ein schweres Erbe, das Karl Detlef Mai seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1964 begleitet.

Nachkriegsgeschichte

Rund 25.000 Aufnahmen und 500 Diapositive umfasst Mais Nachlass. Bilder aus knapp 20 Jahren deutscher Nachkriegsgeschichte. Dass er einmal einer der wichtigsten Fotografen seiner Zeit werden sollte, danach sah es zunächst nicht aus. Karl Heinz Mais Leben beginnt eigentlich ganz gewöhnlich. Er wird am 28. Februar 1920 in Leipzig geboren, geht hier zur Schule, macht eine Ausbildung zum Kaufmannsgehilfen. Er ist kaum fertig, da wird er eingezogen, muss an die Front. Da ist er 19 Jahre alt.

Karl Heinz Mai wird im Krieg schwer verwundet

Der junge Soldat kommt nach Polen, nach Tschechien und schließlich nach Russland, wo er schwer verwundet wird. Eine Handgranate zerstört ihm beide Beine. Nach zwei Jahren im Lazarett darf er 1943 wieder nach Hause. Von nun an ist alles anders. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen, bekommt einen sogenannten Selbstfahrer – ein Gefährt mit drei Rädern, das über zwei Armhebel fortbewegt wird.

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Mannes in einem Rollstuhl
Karl Heinz Mai Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

In seinem Beruf arbeiten kann er nicht mehr. Überhaupt tobt in Deutschland noch der Krieg und so beginnt Mai, vom Zimmerfenster aus, das Geschehen draußen zu fotografieren - zunächst in Niederwiesa, wo die in Leipzig ausgebombte Familie zu diesem Zeitpunkt untergebracht ist. Die endlosen Flüchtlingstrecks, Panzer der Alliierten, die zu Ende des Krieges durch Mitteldeutschland rollen. "Andere haben geschrieben oder gedichtet. Mein Vater hat fotografiert", sagt Karl Detlef Mai. "Das war seine Art der Bewältigung der Kriegserlebnisse."

Im Rollstuhl durch die Trümmer zu fahren, war Schwerstarbeit

Ein Film pro Woche, mehr konnte sich Mai nicht leisten. Schließlich war nicht nur der Film teuer, sondern vor allem auch die Entwicklung der Bilder. "Er hatte nicht die Möglichkeit, sich eine Dunkelkammer einzurichten. Und so gab er die Filme immer ins Labor. Dabei lernte er auch meine Mutter kennen, die im selben Haus arbeitete", so Karl Detlef Mai. Die beiden heiraten, 1949 kommt Sohn Detlef zur Welt. Keine Selbstverständlichkeit. "Mein Vater hatte viele Freundinnen, habe ich im Nachhinein herausgefunden. Die fanden ihn alle ganz toll, weil er so lieb war. Aber einen ohne Beine zu heiraten, das ging damals nicht." Nur seine Mutter, die habe sich daran nicht gestört. Die habe immer gesagt: "Das ist mein Mann."

Siegesdenkmal (abgerissen 1946) vor der zerstörten Nordseite des Marktes, 1945, Leipzig, Sachsen, DDR
Der Leipziger Markt 1945 Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Karl Heinz Mai versucht Zeit seines Lebens, seine Eigenständigkeit zu bewahren. Lässt es das Wetter zu, schnappt er seine Aktentasche, verstaut seine Kamera darin, packt alles unter die Plane seines Selbstfahrers und rollt los. Vier Kilometer sind es jedes Mal von der Wohnung der Familie in der Leipziger Dantestraße bis in die Innenstadt. Bus oder Bahn kann Mai nicht nutzen. Manchmal fährt er sogar über Land. "Er hat dann zum Teil lang an einer Bahnbrücke gewartet, bis jemand vorbeikam und ihn auf die andere Seite schieben konnte."

Geschichte

Streifzüge durch eine Stadt im Wiederaufbau

Jeden Tag streifte der Fotograf Karl Heinz Mai in den Nachkriegsjahren in seinem Rollstuhl durch die Straßen von Leipzig, um die Zerstörung der Stadt, doch auch deren stetigen Wiederaufbau zu dokumentieren.

Bayerischer Platz
Bayerischer Platz, Blick durch die Windmühlenstraße zum Neuen Rathaus, 1946 Tag für Tag streifte Karl Heinz Mai mit seinem "Selbstfahrer" durch die Straßen von Leipzig, auf der Suche nach den kleinen Momenten des Alltags. Etwa wie sich eine Frau mit Blick auf die Ruinen der Windmühlenstraße auf dem Bayerischen Platz ausruht. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Bayerischer Platz
Bayerischer Platz, Blick durch die Windmühlenstraße zum Neuen Rathaus, 1946 Tag für Tag streifte Karl Heinz Mai mit seinem "Selbstfahrer" durch die Straßen von Leipzig, auf der Suche nach den kleinen Momenten des Alltags. Etwa wie sich eine Frau mit Blick auf die Ruinen der Windmühlenstraße auf dem Bayerischen Platz ausruht. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Studenten beim Naturstudium
Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst beim Naturstudium, um 1947 Hier hat er Kunststudenten beim "Naturstudium" ertappt. Sie zeichnen die Trümmerberge. Er selbst konnte nicht auf die Ruinen klettern. Seine Bilder sind daher immer ein bisschen untersichtig, wirken, als hätte ein Kind sie aufgenommen. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Universitätsstraße Nikolaikirche
Universitätsstraße: Blick zur Nikolaikirche, um 1946 Die Streifzüge durch die Stadt waren Schwerstarbeit für Karl Heinz Mai. Hohe Bordsteine, kaputte Straßen, Trümmer auf den Wegen machten das Durchkommen auf drei Rädern schwierig. Allein sein "Arbeitsweg" bis in die Innenstadt war vier Kilometer lang. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Trümmerfrau
Trümmerfrau Doch nur so konnte Karl Heinz Mai den Menschen in Leipzig ganz nah kommen. Er hatte die Gabe, dass die Menschen ihm ein Lächeln schenkten, auch inmitten der schwersten Arbeit, wie das Foto dieser Trümmerfrau zeigt. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Schwarzmarkt
Schwarzmarkt an der Richard-Wagner-Straße, um 1946 Oft bemerkten die Leute den Fotografen und seine Kamera gar nicht. So ging es vermutlich auch den Menschen auf diesem Schwarzmarkt an der Richard-Wagner-Straße im Jahr 1946. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Frau mit Schippe
Frau mit Schippe Und auch wenn sie manchmal so wirken: Seine Bilder waren nie gestellt oder inszeniert. Es waren Schnappschüsse, die das Lebensgefühl der Stadt einfangen sollten. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Albert Schmidt
Albert Schmidt, Apparate und Gerätebau, Sophienstraße (Shakespearestraße), 1946 Karl Heinz Mai stand den neuen Machthabern skeptisch gegenüber. Die Losungen der DDR-Führung, die allgegenwärtige Propaganda der SED gehörten zu den Lieblingsmotiven Mais. Hier portraitiert er Albert Schmidt vor dessen Laden in der heutigen Shakespearestraße. Das Foto wurde 1946 aufgenommen. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Sprengung St. Trinitatis
Sprengung der katholischen Kirche St. Trinitatis an der Rudolphstraße, 1954 Die Fotografien von Karl Heinz Mai sind auch eine Dokumentation dessen, wie die junge DDR mit dem architektonischen Erbe der Stadt Leipzig umging. Die Erhaltung der unzähligen beschädigten Gebäude überforderte die DDR. Also wurden sie, wie hier die Kirche St. Trinitatis an der Rudolphstraße, abgerissen. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Trümmerschutt St. Trinitatis
Trümmerschutt von St. Trinitatis, Weststraße, 1954 Aus der Rollstuhlperspektive wirkt der Schuttberg der Kirche noch mächtiger. Das war 1954. Diese Sprengung erlebte Karl Heinz Mai persönlich mit. Bei vielen anderen Bauwerken konnte er nicht ahnen, dass seine Bilder die letzten von ihnen sein würden. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Roßstraße, Ringbebeauung
Roßstraße (Auguste-Schmidt-Straße), Blick zur neuen Ringbebauung am Roßplatz, 1956 (teilweise abgerissen 1955-1985) Die DDR wollte Platz machen für die Moderne. Wohnhäuser wie hier in der heutigen Auguste-Schmidt-Straße boten nicht genug Wohnraum für die wachsende Stadt. Zudem herrschte ein neuer Baustil vor, wie der Blick auf den Roßplatz hier zeigt. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Großbaustelle
Großbaustelle der Ringbebauung am Roßplatz, 1954 Kaum eine Großbaustelle dieser Zeit, die Karl Heinz Mai nicht fotografiert hat. Dieses Bild zeigt den Roßplatz, der 1954 umgestaltet wurde. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Neumarkt
Neumarkt an der Ruine des Städtischen Kaufhauses, 1954 Jahr für Jahr kehrte ein bisschen mehr Leben in die Stadt zurück, wuchs der Wohlstand der Bevölkerung. Sichtbar wurde das vor allem in Zeiten, wenn die Messe in Leipzig stattfand. In diesen Tagen stand alles im Zeichen der Leipziger Messe, wie hier am Neumarkt 1954. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Messeparkplatz
Messeparkplatz, Blick vom Hotel "Astoria" zur Straße am Hallischen Tor, 1955 Hier ein seltener Blick von oben auf die Stadt. Der Messeparkplatz, fotografiert aus dem Hotel "Astoria". Normalerweise war Mai durch seinen Rollstuhl gezwungen, auf dem Boden zu bleiben. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Karl-Marx-Universität
Karl-Marx-Universität und Paulinerkirche am Karl-Marx-Platz (Augustusplatz), 1961 (abgerissen 1968) Oft war Karl Heinz Mai einer der letzten, der historische Bauwerke in Leipzig noch fotografisch festhielt, bevor sie Neubauten weichen mussten. Die Universität auf dem heutigen Augustusplatz fotografierte Mai 1961. Sieben Jahre später wurde sie abgerissen. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Gewandhaus
Neues Gewandhaus an der Beethovenstraße Ecke Mozartstraße, 1962 (abgerissen 1968) Auch das beschädigte Neue Gewandhaus an der Beethovenstraße konnte oder wollte die DDR nicht erhalten. Karl Heinz Mai fotografierte es im Jahr 1962. Das Gewandhaus wurde 1968 abgerissen. Das erlebte Mai aber nicht mehr. Er starb 1964 im Alter von 44 Jahren. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
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Mais Fotos sind dokumentarisch, aber nicht neutral

Was ihm unterwegs interessant erscheint, fotografiert Mai. Kinder, die auf Trümmern spielen, Kriegsheimkehrer, die am Bahnhof ankommen, Bettler, denen man die Strapazen des Wehrdienstes ansieht. Mais Bilder sind untersichtig, weil sie aus dem Rollstuhl heraus aufgenommen sind. Sie wirken immer ein bisschen naiv, wie durch die Augen eines Kindes. Sie sind dokumentarisch, aber keineswegs neutral. Mai hatte einen klaren Fokus auf Alltagsszenen, zufällig aufgenommen, nicht gestellt. Sie sollten die Atmosphäre der Nachkriegszeit in der Stadt einfangen, wie etwa den Schwarzmarkt an der Richard-Wagner-Straße. Niemand nimmt Notiz von dem Mann im Rollstuhl.

Geschichte

Leipziger Kinder in der Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit porträtierte Karl Heinz Mai viele Kinder in Leipzig. Es sind subtile Bildnisse, die anderen Fotografen so wohl nicht gelungen wären. Die Kinder fassten schnell Vertrauen zu dem Mann im Rollstuhl.

Waisenjunge
Waisenjunge, um 1945 Karl Heinz Mai gelangen viele subtile Portraits, die anderen Fotografen vermutlich so nicht gelungen wären. Die Menschen fassten Vertrauen zu ihm, vor allem die Kinder. Vielleicht, weil er ihnen immer auf Augenhöhe begegnete. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Waisenjunge
Waisenjunge, um 1945 Karl Heinz Mai gelangen viele subtile Portraits, die anderen Fotografen vermutlich so nicht gelungen wären. Die Menschen fassten Vertrauen zu ihm, vor allem die Kinder. Vielleicht, weil er ihnen immer auf Augenhöhe begegnete. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
ein Kind sammelt Brennholz
Sammeln von Brennholz aus Trümmergrundstücken, 1948 Mai war auf der Suche nach Alltagseindrücken von einem Leben in einem neuen Land, das zu Anfang so beschwerlich war. Das kleine Mädchen hier sammelt Brennholz in den Ruinen der Häuser. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
zwei Teenager
Teenager, 1949 Doch es gab auch glückliche Momente, denn die Ruinen waren ein großer Abenteuerspielplatz. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Kinder auf dem Schulweg
Auf dem Schulweg, Dr. Kurt-Fischer-Straße (Pfaffendorfer Straße), 1948 Kindern war es damals eigentlich strikt verboten, in den Trümmern herum zu klettern. Viel zu groß die Gefahr, dass die Häuser zusammenfallen und die Kinder unter sich begraben. Überall in der Stadt standen wie hier in der heutigen Pfaffendorfer Straße Schilder, die vor den Gefahren warnten. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Kinderkarussell
Handbetriebenes Kinderkarussell im Rosenthal, 1947 Viele Alternativen zu den Trümmern gab es nicht für Kinder. Dinge wie dieses handbetriebene Karussell im Rosenthal waren eine Seltenheit im Jahr 1947. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Sowjetischer Soldat
Hoch dekorierter sowjetischer Soldat, 1946 Fotos wie diese existieren quasi nicht aus der Zeit: Mai durfte sowjetische Soldaten fotografieren, die 1946 überall in Leipzig zu finden waren. Normalerweise war das verboten. Doch vermutlich sahen die Besatzer in dem versehrten Mai keine Bedrohung. Viele der Soldaten waren im Prinzip noch Kinder, aber bereits hoch dekoriert. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
Konfirmation
Konfirmation vor der Auferstehungskirche in Möckern, um 1952 Anfangs nutzte Karl Heinz Mai den Fotoapparat vor allem, um eine Art Tagebuch der Nachkriegszeit zu führen. In seinen Beruf als Kaufmann konnte er nicht zurückkehren. Im Laufe der Jahre nahm er dann aber immer mehr Auftragsarbeiten an, fotografierte zum Beispiel Konfirmationen wie hier in Möckern im Jahr 1952. Dadurch besserte er das Familieneinkommen auf. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai
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Andere "Motive" spricht Mai ganz bewusst an, die Frauen etwa, die versuchen, der nicht kleiner werdenden Schuttberge in den Straßen Herr zu werden. Sie posieren in Arbeitskleidung mit Schippe vor ihm, den Blick in die Kamera gerichtet, trotz der Strapazen ein Lächeln auf den Lippen.

Und so dokumentiert Mai Tag für Tag, Jahr für Jahr den Wiederaufbau Leipzigs, zeigt, wie die junge DDR der Stadt ein neues Gesicht gibt. Wie die allgegenwärtige Propaganda der SED das Straßenbild prägt. Eine Veränderung, der Mai kritisch gegenübersteht. Jede Art der Propaganda ist ihm nach den Jahren unter Hitler suspekt.

Trümmerfrauen - wie man sie selten gesehen hat - für Karl Heinz Mai posieren sie vor der Kamera.
Trümmerfrau in Leipzig Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Sohn Karl Detlef stößt zu DDR-Zeiten auch auf Ablehnung

Karl Heinz Mai
Karl Heinz Mai Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Anfangs nutzt er seine Kamera als Instrument der Verarbeitung dieser Zeit. Ab 1946 aber beginnen die Leute, den Wert einer solchen Kamera zu entdecken. Nur wenige besaßen eine eigene in den Nachkriegsjahren - wer sein Hab und Gut über den Krieg gerettet hat, musste gerade Kameras häufig bei den Besatzungstruppen abgeben. Und so bekommt Mai immer mehr Aufträge. Er tauscht Fotos gegen Lebensmittel. Später wird er bezahlt, vom Stadtarchiv in Leipzig, vom heutigen Stadtgeschichtlichen Museum, von Zeitungen und Verlagen - aber auch von Privatleuten, für die er Familienfeiern fotografiert.

Karl Heinz Mai stirbt am 09. Mai 1964 mit gerade einmal 44 Jahren an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung. Sohn Karl Detlef ist damals 15 und erbt den dokumentarischen Schatz. "Die meisten Bilder habe ich erst nach seinem Tod gesehen und war erstmal völlig überwältigt von der Menge", sagt Karl Detlef Mai. Es brauchte Zeit, Energie, Geld und Durchsetzungsvermögen, diesen Schatz zu bergen und für die Öffentlichkeit nutzbar zu machen. "In der DDR habe ich oft gehört 'Ach, jetzt kommt der schon wieder mit seinen alten Fotos an!' Es ist vielen Einzelnen zu verdanken, dass ich mich nicht habe entmutigen lassen." Oft wusste Mai nicht, was oder wer auf den Bildern zu sehen ist. Doch mit jeder Veröffentlichung, mit jeder Ausstellung kamen Puzzleteile hinzu. "Da kam dann plötzlich ein Mann zu mir und sagte: 'Danke, jetzt weiß ich endlich, wen ich damals über die Bahnbrücke geschoben habe.'"

Ruine von Kochs Hof, im Hintergrund der Turm der Nikolaikirche, 1945
Ruine von Kochs Hof, im Hintergrund der Turm der Nikolaikirche, 1945 Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 08. Mai 2020 | 19:30 Uhr