Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk (1918)
Bild des Originaldokumentes: Friedensvertrag von Brest-Litowsk Bildrechte: IMAGO

Weder Krieg noch Frieden

Als man dem sowjetischen Revolutionsführer Lenin den Friedensvertrag von Brest-Litowsk vorlegte, sagte er: "Ich werde ihn weder lesen, noch seine Klauseln erfüllen." Mit der Unterzeichnung am 3. März 1918 endeten die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs in Osteuropa. Der Vertrag legte Sowjetrussland, das gerade entstand, kaum hinnehmbare Bedingungen auf – zugunsten Deutschlands und seiner Verbündeten. Doch später zeigte das "Friedensdiktat" ganz andere Folgen.

von Johannes Christof

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk (1918)
Bild des Originaldokumentes: Friedensvertrag von Brest-Litowsk Bildrechte: IMAGO

Seit Kriegsbeginn hatte die deutsche Seite intern einen separaten Frieden mit Russland diskutiert – schließlich galt es, sobald wie möglich aus dem bedrohlichen Zweifrontenkrieg herauszukommen. Aber eine Verständigung von Kaiser- und Zarentum war angesichts der starren Bündnislage zwischen den Mittelmächten um Deutschland und der so genannten Entente mit Russland und den westlichen Alliierten letztlich nicht zu erwarten. Der Sturz des Zaren durch die Februarrevolution 1917 brachte die Verhandlungsoption wieder auf den Tisch – aber erst der erfolgreiche Putsch der sozialistischen Bolschewiki um Lenin im "Roten Oktober" führte tatsächlich zu konkreten Gesprächen.

Wunsch nach Frieden

Ende 1917 musste sich das wilhelminische Deutschland zusehends auf seine Westfront konzentrieren. Dort waren nach dem Kriegseintritt der USA verstärkt gegnerische Offensiven zu erwarten. Dagegen war im Osten die Front etwa entlang der Westgrenzen der Ukraine und Weißrusslands festgefahren. Auf russischer Seite herrschte nach der Oktoberrevolution weiter innenpolitische Unruhe und vor allem war die Bevölkerung kriegsmüde. Die Bolschewiki versprachen den Menschen Frieden und brauchten eine Atempause, um ihre Macht zu festigen.

Geschacher um Osteuropa

Unter diesen Voraussetzungen schlossen Deutschland und das verbündete Österreich-Ungarn im Dezember 1917 einen Waffenstillstand mit dem russischen Gegner im weißrussischen Brest-Litowsk. Dort folgten auch die Gespräche über einen Friedensvertrag.

Der deutschen Delegation – angeführt vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes des Kaiserreichs, Richard von Kühlmann – ging es vor allem um den Status der bis dato russisch kontrollierten Ukraine, mit der man schließlich im Februar des neuen Jahres einen separaten "Brotfrieden" schloss – vor allem um sich Getreidelieferungen zu sichern, die aber nie im gewünschten Umfang erfolgten.

Dem russischen Kernreich gegenüber strebte man vor allem die Abtretung baltischer Gebiete und Weißrusslands an sowie die dauerhafte Klärung der Unabhängigkeit Polens. Die sowjetrussische Abordnung unter Verhandlungsführer Adolf Joffe und danach Außenminister Leo Trotzki forderte dagegen beständig einen Frieden ohne Gegenleistungen.

Verhandlungsgefecht der Ideologien

Zudem wollte sie die Verhandlungen als Bühne nutzen, um das neue Russland vor der Welt als Hort einer gerechten Sache zu präsentieren, und so die sozialistische Weltrevolution anzuschieben. Dementsprechend ließ Trotzki die Öffentlichkeit an den Gesprächen teilhaben und versuchte, diese schließlich unter der Losung "Weder Krieg noch Frieden" zu verschleppen, also dem Beenden des Kriegszustands ohne Abschluss eines Friedensvertrags.

Über den Jahreswechsel 1917/18 entspann sich ein wahres Verhandlungsgefecht der Ideologien zwischen Revolutionären und Konservativen – mit den großen Figuren Lenin und Ludendorff im Hintergrund. Denn seitens der deutschen Obersten Heeresleitung nahm General Erich Ludendorff zusehends Einfluss auf die Gespräche – und ließ letztlich auch die entscheidenden Fakten schaffen.

Erzwungener Frieden

Im Februar 1918 besetzten Truppen der Mittelmächte durch die "Operation Faustschlag" die Ukraine, Weißrussland sowie das noch russisch kontrollierte Baltikum und rückten dadurch bedrohlich nahe zum sowjetischen Regierungssitz Petrograd vor. Die längst in Auflösung befindliche Zarenarmee konnte diesen Vormarsch nicht mehr stoppen - Außenminister Trotzki hatte den Gegner unterschätzt.

Notgedrungen ließ Lenin nun am 3. März den Friedensvertrag zu den deutschen Bedingungen – also der dauerhaften Loslösung des Baltikums, der Ukraine, Weißrusslands und Polens – im Weißen Palast der Festung Brest unterzeichnen.

Russland verlor demnach rund ein Viertel seines europäischen Machtbereichs, gut ein Drittel seiner Bevölkerung, über die Hälfte seiner industriellen Anlagen sowie einen Großteil seiner wichtigsten Rohstoffquellen. Es war eine nationale Katastrophe und gleichzeitig der Höhepunkt deutscher Machtpolitik im Osten Europas.

Blick auf die Delegationen am Verhandlungstisch in der weißrussischen Stadt Brest-Litowsk im Jahr 1917.
Am 3. März 1918 unterzeichneten die Sowjetregierung und die Mittelmächte den ersten Friedensvertrag des Ersten Weltkriegs. Bildrechte: dpa

Widersprüchliche Interessen

Schnell wurde der Vertrag "Raubfrieden" und "Friedensdiktat" genannt – in Russland wie auch bei den westlichen Alliierten Frankreich, Großbritannien und USA. Diesen war  daran gelegen, die russische Front zur Schwächung der Mittelmächte  weiter offen und gleichzeitig ein Ausbreitung des Sozialismus verhindert zu sehen.

Letzterem entsprach, dass die Mittelmächte auch nach dem Friedensschluss weitere Vorstöße in russisches Gebiet unternahmen. Die andauernde Präsenz im Osten und der Versuch, dort Vasallenstaaten zu formen, sollten aber gerade für Deutschland letztlich zur Belastung werden.

Permanente Revolution

Wladimir Iljitsch Lenin
Gründer der Sowjetunion: Wladimir Iljitsch Lenin Bildrechte: imago/Russian Look

In einem Ergänzungsvertrag vom August 1918 verpflichtete sich Sowjetrussland letztlich auch noch zur Zahlung von sechs Milliarden Goldmark an das Deutsche Kaiserreich. Im Gegenzug versicherte die deutsche Seite, sich nicht gegen die Bolschewiki im beginnenden Russischen Bürgerkrieg einzumischen.

Dieses Entgegenkommen erwiderte die Sowjetführung später nicht – nachdem die weitgehende Entlastung im Osten die militärische Niederlage Deutschlands im Westen am Ende des Jahres nicht verhindert hatte. Denn danach mischten sich die Bolschewiki in deutsche Belange ein: Die deutsche Novemberrevolution gegen den Kaiser und seine Heerführer unterstützten Lenin und seine Genossen aus der Ferne finanziell – in der andauernden Hoffnung auf Deutschland als Motor der Weltrevolution.

Scherben eines Friedens

Die deutsche Kapitulation gegenüber den Westmächten und der daraufhin abgeschlossene Friedensvertrag von Versailles machten den Vertrag von Brest-Litowsk letztlich in weiten Teilen hinfällig, auch wenn viele seiner Grenzziehungen in Osteuropa bis heute sichtbar sind.

Der entstehenden Sowjetunion gelang es aber, sich den Großteil ihres verloren geglaubten Einflussbereiches nach und nach wieder einzuverleiben: Die Ukraine und Weißrussland wurden von Anfang 1919 an zu Sowjetrepubliken geformt, gut zwei Jahrzehnte später – zu Beginn des Zweiten Weltkriegs – wurden unter Stalin das Baltikum und Ostpolen besetzt.

Annäherung angestoßen

Im Vergleich mit dem auf deutscher Seite oft als "Schmachfrieden" der westlichen Siegermächte bezeichneten Versailler Vertrag war der Vertrag von Brest-Litowsk Russland gegenüber kaum weniger hart gewesen. Doch trotz dieses Tiefpunkts im deutsch-russischen Verhältnis kam es nach dem Ersten Weltkrieg schließlich zu einer langjährigen Annäherung zwischen der Ende 1922 gegründeten Sowjetunion und der neu entstandenen Weimarer Republik. Die Gegnerschaft des Westens zum Bolschewismus hatte für das zunächst geächtete Deutschland Spielräume gen Osten entstehen lassen.

Partnerschaft auf Zeit

Der im Frühjahr 1922 geschlossene Vertrag von Rapallo brachte zunächst eine Normalisierung der Beziehungen und führte schließlich sogar zu einer militärischen Zusammenarbeit in der Zwischenkriegszeit. Um die Beschränkungen seiner Reichswehr nach Versailles zu umgehen, lieferte Deutschland der Sowjetunion neue Technologie zu Testzwecken, an der auf sowjetischen Anlagen Soldaten beider Seiten gemeinsam und unter Geheimhaltung ausgebildet wurden. Erst die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 führte zum Ende dieser Kooperation und letztlich zum hasserfüllten deutsch-sowjetischen Krieg ab 1941.

Vertrag verschaffte Atempause

Rückwirkend betrachtet ist der bis heute immer wieder diskutierte und oft verurteilte Friedensvertrag von Brest-Litowsk trotz seiner harten Bedingungen vor allem der sowjetrussischen Seite zugutegekommen. Denn der Friedensschluss hat Lenin und seinen Genossen die dringend benötigte Atempause vom Krieg verschafft, um ihre Macht zu sichern. Sie konnten somit die Sowjetunion gründen. Dementsprechend sehen manche Historiker den Friedensvertrag von Brest-Litowsk auch als Saat des späteren Kalten Kriegs.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im: Fernsehen | 11.03.1998 | 23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 17:38 Uhr