Friseure in der Krise DDR-Friseure konnten improvisieren

Das Friseurhandwerk befindet sich durch den Corona-Lockdown in einer Krise ungekannten Ausmaßes. Nach zweieinhalb Monaten Zwangspause dürfen die Salons am 1. März 2021 wieder öffnen. Aber auch in der DDR hatten es die Haarkünstler nicht immer leicht, wenn auch aus anderen Gründen. Mal fehlte es an Haarfarbe, mal an Haarspray. Doch DDR-Friseure konnten improvisieren!

Porträts von den beiden Kunden vorher und nachher. Porträt Inhaber. Fotos von den Kunden in Arbeit (Melanie Lauer mit Jo West und Manuel Thomas mit Andrea Hoffmann). Die Azubi Viviane putzt Sessel und spült Andrea Hoffmann die Farbe raus. Details aus dem Laden
In Zeiten der Pandemie sind körpernahe Dienstleisungen, wie das Frisieren, nur mit Mundschutz möglich. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wohl die meisten von uns gehen gern zum Friseur. Ab 1. März ist es endlich wieder soweit: Es gibt die ersten Lockerungen im Corona-Lockdown und die Salons dürfen wieder öffnen. Die Friseure müssen sich etwas einfallen lassen, um sich und die Kunden vor Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen. Doch Einfallsreichtum und Improvisieren in diesem Handwerk hat in Mitteldeutschland Tradition.

Salon Astoria International in Leipzig

Mitte der 60er-Jahre soll in Leipzig der größte und modernste Friseursalon der DDR entstehen – mit fast 1.000 Quadratmetern Fläche. Über die Eröffnung des Salons PGH Astoria International am 4. Dezember 1967 berichtet sogar die Aktuelle Kamera. In diesem Laden lassen sich auch DDR-Stars wie Gaby Seifert, Dagmar Frederic und Margot Ebert gern frisieren.

Kult-Friseure der DDR

Frank Schäfer in seinem Frisörgeschäft
Der Westen hatte Udo Walz - im Osten war Frank Schäfer, Sohn von Schauspieler Gerd E. Schäfer, ein Berliner Original und Kultfriseur. Er galt als schrille Stilikone des Ostens. Bildrechte: Anne Kurras

In Berlin entwickelte sich Frank Schäfer, der Sohn des Schauspielers Gerd E. Schäfer, zum Kultfriseur. In Leipzig war Rolf Fischer der Star des Astoria International - viele kamen seinetwegen. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt: Schon bald setzt Kalk die Rohre zu, es fließt kein warmes Wasser. Mit Tauchsiedern wurde also in großen Eimern Wasser erhitzt. Wenn das Haarspray knapp war, wurde eben mit Zuckerwasser fixiert. Improvisationstalent hält den Laden am Laufen und tut der Beliebtheit keinen Abbruch.

DDR-Mangelwirtschaft: Zuckerwasser statt Haarspray

Solche Tricks kennt auch Cornelia Scheuer-Barthel, ehemalige Landesinnungsmeisterin des sächsischen Friseurhandwerks und Obermeisterin der Friseurinnung in Zwickau. Sie erzält im Interview mit MDR ZEITREISE, dass Bier statt Festiger oder Spülungen aus Olivenöl und Eigelb in der DDR zum Alltag vieler Kundinnen gehört habe. Allerdings sei das in Zeiten des Mangels vor allem Zuhause gemacht worden, weniger in den Salons.

Not macht erfinderisch: Föhnen mit Flaschenputzer

Aber auch in den Friseurgeschäften musste der Mangel kreativ ausgeglichen werden. Das gelang den Mitarbeitern erstaunlich gut. So erzählt Scheuer-Barthel, dass es immer ein Problem gewesen sei, Ware und Zubehör zu bekommen. Das Farbsortiment sei vor allem sehr klein gewesen. Man musste daher nehmen, was es gab. Es waren zum Beispiel oft keine Wasserstoffperoxydtabletten erhältlich, also wurde flüssiges Wasserstoffperoxyd in der Apotheke gekauft. Ein Klassiker war die fehlende Strähnchenhaube. Weil es die nicht gab, sei eine Badekappe genommen worden und die Strähnen wurden mit der Häckelnadel herausgezogen. Besonderer Erfindungsgeist war bei Fönfrisuren gefragt: Runde Flaschenputzer seien zur Föhnbürste umfunktioniert worden, indem von einem Drechsler ein Griff angebracht worden sei.

Schüttelfrisur und Angela-Davis-Look

Spezielle Ost-Trends bei den Haarschnitten gab es nach ihrer Erfahrung nicht. Sie erinnert sich vielmehr an Kundinnen, die mit Bildern von Stars gekommen sind und einen solchen Haarschnitt wünschten. Ehrlicherweise seien das aber eher Künstler aus dem Westen gewesen, wie zum Beispiel Mireille Mathieu oder die in der DDR sehr populäre Bürgerrechtlerin Angela Davis. Aber natürlich erinnert auch sie sich an die typisch ostdeutschen lila Spülungen im weißen Haar.

Frisurentrends der DDR

Wer in der DDR auffallen wollte, musste nicht nur mutig, sondern auch erfindungsreich sein. Fußpilzmittel aus der Apotheke färbte die Haare bunt - das wissen wir spätestens seit Enie van de Meiklokjes.

Enie van de Meiklokjes bei der MDR - Spielshow: Damals war s - Die Show, 2014
Enie van de Meiklokjes hat sich nach eigener Aussage zu DDR-Zeiten die Haare mit einem Fußpilzmittel aus der Apotheke gefärbt. Sie ist ihrem Look bis heute treu geblieben, auch wenn das Färbemittel mittlerweile ein anderes sein dürfte. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
Enie van de Meiklokjes bei der MDR - Spielshow: Damals war s - Die Show, 2014
Enie van de Meiklokjes hat sich nach eigener Aussage zu DDR-Zeiten die Haare mit einem Fußpilzmittel aus der Apotheke gefärbt. Sie ist ihrem Look bis heute treu geblieben, auch wenn das Färbemittel mittlerweile ein anderes sein dürfte. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
Tamara Danz, 1991
Tamara Danz war wild und unangepasst. Das unterstrich sie mit ihrer Frisur. Ihre Löwenmähne soll mit Sprühpflaster gehalten haben ... Bildrechte: IMAGO
Angela Davis
Die Frisur von Angela Davis war Kult und wurde oft nachgefragt. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Margot Honecker vor der Volkskammer
Und selbst die ungeliebte First Lady der DDR, Margot Honecker, konnte mit ihren lila Haaren einen Trend setzen. Viele ältere weißhaarige Damen kamen stolz mit ihrer lila Haarpracht vom Friseur. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
1974, Musikerin Nina Hagen
Zunächst konnte Nina Hagens Frisur noch als harmlos durchgehen. Doch auch damals setzte ihre Pony-Frisur Trends. Bildrechte: IMAGO / Gueffroy
Mein Typ, dein Typ. 1979. Bärbel Wachholz
Die wasserstoffblonde Frisur von Bärbel Wachholz fand ebenfalls viele Anhängerinnen. Bildrechte: MDR/Deutsches Rundfunkarchiv/Klaus Winkler, honorarfrei
Mireille Matthieu, 1968
Auch die sogenannte Schüttelfrisur von Mireille Mathieu hatte viele Fans. Bildrechte: imago images / United Archives
Reinhard Lakomy
Reinhard Lakomy hatte Zeit seines Lebens einen eigenen Look. Ob er damit einen Trend gesetzt hat, ist nicht überliefert. Bildrechte: MDR
Dagmar Frederic
Eine Zeitlang trug Dagmar Frederic das Deckhaar wasserstoffblond und den Rest dunkel. Dieser Look wurde in der Republik oft nachgefragt. Böse Zungen sprachen von der "Parteisekretärinnen-Frisur", weil offenbar diese Damen häufig die Frisur wählten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Schlagersängerin Chris Doerk
Die Kurzhaarfrisur von Christ Doerk löste vor allem nach dem Kinofilm "Heißer Sommer" einen Ansturm auf Friseursalons aus. Bildrechte: Lieder aus dem fahrenden Zug/DRA
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Friseurin Ulrike Lindner
Ulrike Lindner bereitet sich in ihrem Salon in Aue auf die Eröffnung nach dem Lockdown vor. Bildrechte: Ulrike Lindner

Ulrike Lindner, Friseurmeisterin aus Aue-Bad Schlema, erinnert sich wiederum daran, dass regelmäßig Modeveranstaltungen des Zentralverbands Friseurhandwerk stattfanden. Dort seien sogenannte Modeempfehlungen ausgesprochen worden, nach denen dann eben frisiert worden sei. Prominente der DDR hätten diese Frisuren natürlich zuerst getragen - wie z.B. Dagmar Frederic ihre Zwei-Farben-Frisur - und damit dann einen gewissen Trend gesetzt. An die lila Spülung im weißen Haar erinnert sie sich selbstverständlich ebenfalls. Lachend sagt sie: "Es gab eben nichts anderes."

Selbständig in der DDR: Wenig Gleichberechtigung

Cornelia Scheuer-Barthel hat ihr Handwerk 1973 erlernt und damit einen damaligen Traumberuf ergriffen. Der Weg zum eigenen Salon sei in der DDR jedoch sehr steinig gewesen. Nach ihrer Erfahrung gab es fast nur Ehepaare, die ein privates Geschäft führen durften, wobei die Männer die Besitzer waren. Scheuer-Barthel ist nur ein Fall bekannt, bei dem eine Tochter allein das elterliche Geschäft weiterführen durfte. Es habe also vor der Wende in ihrem Umfeld kaum selbstständigen Unternehmerinnen gegeben. In der DDR seien die privaten Friseure von Staatsseite nicht gerne gesehen worden.

Die sogenannten PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) seien besser angesehen gewesen. Auch hätten die ihre Mitarbeiter besser bezahlen dürfen, denn auch der Lohn war ebenso wie die Preise staatlich geregelt. Ehefrauen von selbständigen Friseuren durften bis 1961 von ihren Männern nicht bezahlt werden. Sie waren "mithelfende Ehefrauen". Das wirkt bis heute nach: Die betroffenen Frauen erhalten sehr geringe Renten.

PGH Eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) war sozialistische Genossenschaft der DDR. Mitglieder waren Handwerker oder Gewerbetreibende mit Eintrag in der Handwerks- oder Gewerberolle. Auch Beschäftigte oder mithelfende Ehepartner konnten Mitglieder einer PGH sein. Der Zusammenschluss hatte das Ziel, Gemeineigentum an den Produktionsmitteln zu bilden.

Schwarzarbeit: Schon in der DDR ein Problem

Den Zusammenhang mit der derzeitigen Krise sieht Scheuer-Barthel in der Schwarzarbeit: Nach ihrer Einschätzung sei die immer das größte Problem im Friseurhandwerk gewesen. Besonders jetzt während des Lockdowns habe die floriert. In ihren Augen wirke die derzeitige Pandemie wie ein Brennglas. Alles, was es schon vorher an Problemen gab - auch zu DDR-Zeiten - werde jetzt in der Krise noch deutlicher sichtbar.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 01. März 2021 | 21:45 Uhr