Die Mannschaft der Sowjetunion aufgenommen vor dem Spiel.
Die Nationalelf der UdSSR bei der WM 1966. Die sogenannte "Sbornaja" galt damals als eines der besten Teams der Welt. Bildrechte: dpa

Im Glanz einstiger Erfolge: Russlands Nationalelf

Einst galt die sowjetische Fußballnationalelf als eine der besten der Welt. Ihre größten Erfolge feierte sie in den 60er- und 70er-Jahren. Bei der WM 1966 in England wurde sie Vierter. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR ging aber der Glanz der "Sbornaja" verloren.

von Denis Kliewer

Die Mannschaft der Sowjetunion aufgenommen vor dem Spiel.
Die Nationalelf der UdSSR bei der WM 1966. Die sogenannte "Sbornaja" galt damals als eines der besten Teams der Welt. Bildrechte: dpa

In der Sowjetunion galt Fußball nicht gerade als das Maß aller sportlichen Dinge - diese Rolle nahm eindeutig Eishockey ein. Hier konnten die Auswahlmannschaft, die "Sbornaja", und mit ihr auch die Kommunistische Partei, Erfolge feiern. Die stärksten Gegner waren neben Kanada und der ČSSR die USA - umso wertvoller waren hier die Siege. Und da umgekehrt im Fußball die Nordamerikaner zweitklassig waren, interessierte dieser Sport die Parteispitze in der UdSSR auch weniger, zumindest auf internationaler Ebene.

Fußball war beliebt in der UdSSR

Portrait des sowjetischen Fußballspielers Oleg Blochin
Der legendäre sowjetische Fußballer Oleg Blochin. Bildrechte: dpa

Allerdings war Fußball unter der Bevölkerung durchaus beliebt und konnte gut für den "inneren Gebrauch" genutzt werden. Die Spiele boten ein Ventil für Leidenschaften und die Klubs eine gute Identifikationsfläche. Zumal fast jeder Klub einer Institution oder einem Produktionsbetrieb angegliedert war: Dynamo Moskau etwa war ein Polizeiklub, ZSKA gehörte zur Armee. Diese Klubs mussten auch nicht auf dem "Transfermarkt" um interessante Spieler buhlen, sie konnten sie einfach dienstverpflichten. Spartak Moskau dagegen war einer der wenigen "freien" Klubs, hatte auch die meisten Fans – und den leisen Ruch der Opposition.

Wildes Jahrzehnt

In den 1990er-Jahren veränderte sich alles. In Russland war gerade das wilde Jahrzehnt angebrochen, auch der Fußball musste sich nun den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen. In den allermeisten Fällen bedeutete das, den Gürtel enger zu schnallen. Die Klubs konnten teilweise keine Gehälter zahlen, von den heutigen Summen waren die Spieler damals sowieso Lichtjahre entfernt. Gehälter von mehreren Tausend Dollar galten schon als riesig.

Erfolge liegen weit zurück

Lew Jaschin
In den 1960er-Jahren bester Torwart der Welt: Lew Jaschin. Bildrechte: IMAGO

Auch das Niveau der "Sbornaja" sank. Die Sowjetunion zerbrach und mit ihr auch die sowjetische Nationalmannschaft. 1992 wurde als deren Nachfolgerin die "Sbornaja" der Russischen Föderation neu gegründet. Die goldenen Jahre lagen weit zurück - 1960 mit einem ersten Platz sowie mehreren Zweitplatzierungen (1964, 1972, 1988) bei Europameisterschaften. Die Situation verbesserte sich lediglich in den 2000ern und erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt, als Russland unter Guus Hiddink die Niederlande schlug und das Halbfinale der EM 2008 erreichte. Dort schied die Mannschaft gegen den späteren Europameister Spanien aus.

Fußball und Politik

Spieler von Zenit St. Petersburg feiern 2008
Zenit St. Petersburg feiert 2008 den Gewinn des UEFA-Cups. Bildrechte: dpa

Unter Putin wurde der Fußball für politische Ziele wiederentdeckt. Schließlich ist der weltweit populäre Sport bestens geeignet, um Imagepflege zu betreiben. Auf Großereignisse wie Champions League oder internationale Turnieren blickt die Welt. 2005 übernahm der staatlich kontrollierte Konzern "Gazprom" die Mehrheit an Zenit St. Petersburg, dem Lieblingsklub von Putin und Medwedew. Heute zählt "Gazprom" außerdem Schalke 04, den serbischen Rekord-Meister Roter Stern Belgrad und Chelsea London zu seinen Partnern.

Putins Coup

Wladimir Putin
Wladimir Putin im Juni 2018 auf dem FIFA-Kongress in Moskau. Bildrechte: IMAGO

Putins größter Coup war die Vergabe der WM 2018 an Russland: Im Lichte des FIFA-Korruptionsskandals galt diese Wahl zwar als umstritten, doch Russland konnte die Ausrichtung des Turniers nicht streitig gemacht werden. Die Korruption in der FIFA ist zwar im Zusammenhang mit der WM mittlerweile in den Hintergrund gerückt, allerdings ist im Vorfeld des Turniers immer wieder die russische Außenpolitik thematisiert worden – von der Krim-Annexion und dem Abschuss des Flugs "MH17" über der Ostukraine bis hin zu Vorwürfen im Zusammenhang mit mutmaßlich russischen Hackerangriffen weltweit. Vielfach war die Forderung nach einem politischen Boykott der WM zu hören. Das macht sich auch an der Liste der Staatschefs bemerkbar, die zur Eröffnung in Moskau kommen wollten. Laut Dmitri Peskow, dem Pressesprecher des Präsidenten, sind es Vertreter von Aserbaidschan, Armenien, Belarus, Bolivien, Kasachstan, Kirgisien, Nordkorea, Libanon, Republik Moldau, Panama, Paraguay, Ruanda, Saudi-Arabien, Tadschikistan, Usbekistan sowie die beiden international nicht anerkannten Staaten Abchasien und Südossetien.  

"Sbornaja" werden kaum Chancen eingeräumt

Ob nun von der internationalen Gemeinschaft bejubelt oder nicht – politisch ist die WM längt ein Erfolg für Putin. Was man aus sportlicher Sicht kaum erwarten dürfte. An einen Erfolg der russischen Nationalmannschaft scheint kaum einer mehr zu glauben. Die "Sbornaja" konnte in den letzten sieben Spielen keinen Sieg feiern und rutschte auf Platz 70 der FIFA-Weltrangliste ab.

Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow
Trainer der "Sbornaja": Stanislaw Tschertschessow Bildrechte: dpa

Überhaupt hat es das Team um den Trainer Stanislaw Tschertschessow alles andere als leicht: Im Netz werden auf Kosten der Mannschaft Witze gemacht und Wetten darauf abgeschlossen, wie schnell sie ausscheidet. Der russische Komiker und Liedermacher Semjon Slepakow hat sogar ein Lied daüber geschrieben. Darin schlägt er aufgrund der aussichtslosen Lage vor, den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow zum Trainer zu berufen. Der würde schon die richtigen "Argumente" finden, um den talentlosen Kickern Beine zu machen. Doch auch unter Kadyrow verliert die "Sbornaja", so geht es im Song weiter, ihr Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien und bringt damit selbst den härtesten Mann der Russischen Föderation zum Weinen. Das Lied hat auf "Youtube" bereits nach zwei Tagen fast fünf Millionen Aufrufe verzeichnet. Bleibt nur zu hoffen, dass die russische Nationalmannschaft in der Realität besser abschneidet und für eine positive Überraschung im Turnier sorgen kann.

Über dieses Thema berichtete der MDR in: MDR Aktuell | 29.05.2018 | 17:45 Uhr
MDR KULTUR | 14.06.2018 | 10:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018, 16:49 Uhr

Luftaufnahme einer Straßenkreuzes in Moskau, 2017
Moskau – Herrin der Ringe. Eine weitere Umgehungsstraße der Superlative soll um Moskau entstehen,  520 Kilometer lang und weit vor den Toren der Hauptstadt. Denn es gibt schon mehrere Ringautobahnen um die Metropole herum. Vom neuen Ring sind aber bisher nur Teilstücke fertig. Bildrechte: dpa