Hintergrund Reinhard Gehlen privat

Reinhard Gehlen, ein kluger Kopf, der es schafft, sowohl in den Geheimdiensten des Dritten Reiches, als auch in der Bundesrepublik Karriere zu machen. Wie er als Privatmann war, darüber geben nur wenige Quellen Aufschluss. Immer wieder haben Journalisten versucht, sich seiner Person anzunähern. Für den Film "Reinhard Gehlen - Der Meisterspion und die Nazis" interviewte Autor Christian Schulz zwei seiner Kinder. 

Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Auf dem ehemaligen Gelände der NS-Reichssiedlung Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

"Er fährt mit Wohnwagen und Segelboot in die Ferien und verschickt Glückwunschkarten zu Neujahr", so beschreibt Marion Gräfin Dönhoff den BND-Chef Gehlen 1963 im Wochenblatt "Die Zeit". Sie könne sich kaum einen Mann vorstellen, der weniger geheimnisumwittert erschiene als Gehlen. Ein ganz gewöhnlicher Bürger also? Die Jugend von Gehlens vier Kindern zumindest verläuft alles andere als normal:

1947 schlägt die Organisation Gehlen bei München ihr Lager auf, in Pullach, einem beschaulichen Örtchen im idyllischen Voralpenland in Oberbayern. Gehlens Familie zieht mit und lebt fortan auf dem ehemaligen Gelände der NS-Reichssiedlung Rudolf Heß in einer hermetisch abgeschotteten Hochsicherheitsanlage. Ein vier Kilometer langer Ring von Stahlzäunen und meterhohen Mauern trennt das Geheimdienstareal streng von der Außenwelt ab.

Um den Kontakt nach draußen möglichst gering zu halten, werden auf dem Gelände nicht nur eine Schule und ein Kindergarten gebaut, sondern auch Dienstleister wie Friseur, Schneider und Schuhmacher angesiedelt. Geheimhaltung ist in allen Bereichen oberstes Gebot.

Mauern gegen Spione und den Nachkriegs-Hunger

Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Christoph Gehlen Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Die hohen Mauern schützen nicht nur vor feindlichen Spionen, sondern auch vor den alltäglichen Sorgen der Nachkriegszeit. Die Familien auf dem Gelände werden von den Amerikanern versorgt - von Trümmern, Hunger und Versorgungsnotstand erleben Gehlens Kinder nichts: "Wir hatten große Spielfelder, Wald, Wiese, ein Schwimmbad, eine eigene Schule, und das war für uns Kinder eine sehr, sehr schöne Zeit", beschreibt Gehlens Sohn Christoph seine Kindheit. Für ihn gab es in diesem Idyll nur wenige Risse:

Es gab irgendwo im Gelände ein Stück Zaun, wo man von außen reinschauen konnte. Und dort waren manchmal andere Leute, die uns Deutsche, die sie darin sahen, als Verräter beschimpften.

Christoph Gehlen Geschichte Mitteldeutschlands

"Ein ausgesprochener Familienmensch"

Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Dorothee Gehlen Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Ihren Vater Reinhard Gehlen, der zu dieser Zeit damit beschäftigt ist, in Windeseile einen bundesdeutschen Nachrichtendienst aufzubauen, erleben die Kinder als ausgesprochenen Familienmenschen. Seine Tochter Dorothee erinnert sich an einen toleranten, humorvollen Vater, an den sie sich auch mit ihren Problemen wenden kann. Ihre Mutter Herta, eine geborene von Seydlitz-Kurzbach, sei da schon strenger gewesen.

Szene aus "Reinhard Gehlen - Der Topspion und die Nazis" in der MDR-Reihe zur Geschichte Mitteldeutschlands 2012
Geheimgänge führen nach draußen Bildrechte: MDR/Geschichte Mitteldeutschlands

Aber Gehlen ist sich auch bewusst, welche Gefahren sein Job für die Familie mit sich bringt. So lässt er die Familienvilla in Pullach unterkellern und einen Geheimgang bauen, der nach draußen führt. Aus Sicherheitsgründen erfahren die Kinder auch nur wenig über die Arbeit des Vaters. Viele Absonderlichkeiten ihres Lebens erscheinen ihnen ganz normal - zum Beispiel, dass sie je nach Aufenthaltsort unterschiedliche Nachnamen haben:

Ich kann mich sogar erinnern, dass wir gefragt haben: 'Wie heißen wir da?' Und dann wurden wir instruiert, und dann war das eben so.

Dorothee Gehlen Geschichte Mitteldeutschlands

Mit dem Namen Gehlen kann sie sich zunächst gar nicht anfreunden: "Ich dachte: Mensch, was ist denn das für ein Name, kenne ich gar nicht. Gefiel mir auch nicht auf Anhieb so besonders gut mit diesen vielen "e" drin. Aber das war dann halt so", sagt sie.

Später zieht die Familie Gehlen in ein Landhaus am Starnberger See. Laut einem "Spiegel"-Bericht aus dem Jahr 1954 wohnt sie in einem zweigeschossigen braunen Holzhaus. Hausmädchen, Gärtner und Chauffeur gehören dazu, was in der wohlhabenden Gegend nicht ungewöhnlich sei. Im Starnberger Realgymnasium soll der Meisterspion zeitweise dem Elternbeirat angehört haben. Auf die Frage nach seinem Beruf habe er angegeben, ein Kaufmann zu sein, der im Interesse der Bundesregierung arbeitet.

Ein älteres Ehepaar auf einer großen Wiese vor einem zweistöckigen Haus.
Reinhard Gehlen mit seiner Frau auf ihrem Privatgrundstück am Starnberger See. Bildrechte: IMAGO