Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
Friedrich Paulus Bildrechte: dpa

Generalfeldmarschall Paulus - Oberbefehlshaber der 6. Armee

Es ist der bis dahin größte Truppenaufmarsch der Weltgeschichte: Am 22. Juni 1941 überfällt die Wehrmacht die Sowjetunion. Aufmarsch- und Operationsplanung zum "Fall Barbarossa" stammen von einem Mann, der zur tragischen Figur dieses Krieges wird: Friedrich Paulus. Seine 6. Armee wurde in Stalingrad eingekesselt und kapitulierte am 31. Januar 1943. Wer war der Feldmarschall, der als Stratege galt und als gebrochener Mann endete?

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
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Friedrich Paulus kommt am 23. September 1890 im hessischen Breitenau (heute Guxhagen) bei Kassel als Sohn eines Beamten zur Welt. Nach dem Abitur 1909 will er zunächst Offizier der Kaiserlichen Marine werden, wird jedoch abgelehnt. Nach zwei Semestern Jurastudium tritt Paulus 1910 als Fahnenjunker in die Preußische Armee ein. Nach dem Besuch der Kriegsschule wird er 1911 zum Leutnant ernannt. 1912 heiratet der damals 22-Jährige die rumänische Adelstochter Constance Elena Rosetti-Solescu, mit der er drei Kinder bekommt. Paulus kommt während des Ersten Weltkriegs an verschiedenen Kriegsschauplätzen als Ordonanz- und Generalstabsoffizier zum Einsatz. Den Krieg beendet er 1918 als Hauptmann.

Schnelle Karriere in Reichswehr und Wehrmacht

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus
Generalfeldmarschall Friedrich Paulus (1890-1957) Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

1919 wird Paulus in die Reichswehr übernommen, wo er unter anderem als Generalstabsoffizier und Taktiklehrer Verwendung findet. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 und der damit verbundenen Aufrüstung macht auch Paulus schnell Karriere. So ist er unter anderem maßgeblich am Aufbau der Panzertruppe beteiligt. Vier Jahre später wird er zum Generalmajor ernannt. Mit der Mobilmachung 1939 wird er Chef des Generalstabs der 10. Armee in Leipzig, die nach dem Sieg über Polen im Oktober in 6. Armee umbenannt wird.

Vorbereitung des Russlandfeldzugs

Soldaten der Wehrmacht marschieren durch ein Dorf.
Deutsche Soldaten durchqueren ein Dorf: Die Hauptlast der Kämpfe trägt auch 1941 noch die Infanterie. Bildrechte: dpa

Im September 1940 übernimmt Paulus den Posten des für Truppenführung verantwortlichen Oberquartiermeister I beim Generalstab des Heeres in Wünsdorf bei Berlin. In dieser Funktion ist er maßgeblich an der Vorbereitung des Russlandfeldzugs beteiligt (Fall "Barbarossa"). Als stellvertretender Chefs des Generalstabs des Heeres bearbeitet er die Aufmarsch- und Operationsplanung gegen die Sowjetunion. Paulus setzt dabei auf den schnellen Vorstoß von Panzerverbänden, die den Abzug der gegnerischen Truppen verhindern und deren Einkesselung und Vernichtung vorbereiten sollen. Außerdem plädiert er für eine schnelle Einnahme des politischen und verkehrstechnischen Zentrums Moskau. Im Falle eines Scheiterns der Blitzkriegspläne sieht er einen langwierigen Abnutzungskrieg voraus, dem die Wehrmacht nur schwerlich gewachsen sei.

Oberkommandierender der 6. Armee

Infanterie bei den Strassenkämpfen um Stalingrad
Deutsche Infanterie im Straßenkampf um Stalingrad, Spätsommer 1942. Bildrechte: dpa

Nach einer Verwendung in Nordafrika 1941 wird Paulus im Januar 1942 mit dem Oberkommando über die 6. Armee betraut. Es ist das erste Truppenkommando des Generalstäblers. Dabei löst der 51-Jährige den als "truppennah" bekannten Generalfeldmarschall Walther von Reichenau ab, der als NS-Anhänger für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Paulus, der sich dem alten Offiziersethos verpflichtet fühlt, will damit nichts zu tun haben. Er nimmt zahlreiche verbrecherische Befehle seines Vorgängers zurück. Für ihn zählt allein der militärische Erfolg. Repressalien, die die Zivilbevölkerung unnötig aufstacheln, gefährden aus seiner Sicht die eigene Kriegführung. Und Erfolge feiert Paulus zunächst. So schlägt er kurz nach seiner Kommandoübernahme eine sowjetischen Großoffensive bei Charkow zurück. 240.000 sowjetische Soldaten gehen in deutsche Gefangenschaft.

Die Niederlage bei Stalingrad

Die Grafik zeigt wichtige Punkte der Schlacht um Stalingrad.
Die Lage der 6. Armee Anfang Januar 1943 Bildrechte: dpa

Mit seiner Armee greift Paulus am 7. August 1942 auch Stalingrad an. Er tut dies, obwohl er weiß, dass die 6. Armee zu schwach ist, um Stalingrad allein einzunehmen. Doch Paulus folgt den Befehlen Hitlers. Nach zähem und verlustreichem Häuserkampf gelingt es seinen Soldaten, die Wolgametropole im November fast vollständig zu erobern. Doch am 19./20. November erfolgt die sowjetische Gegenoffensive. Drei Tage später sind über 300.000 deutsche, italienische und rumänische Soldaten im Kessel von Stalingrad eingeschlossen. Paulus weiß, dass er schnellstmöglich ausbrechen muss, wenn er die Armee retten will. Doch Hitler verbietet einen Ausbruch und Paulus gehorcht. Er vertraut dabei auf die Versprechen Hitlers und seines vorgesetzen Heeresgruppen-Chefs, Generalfeldmarschall Erwin von Manstein, die einen Entsatz der 6. Armee fest zugesagt haben. Ein solcher Vorstoß scheitert allerdings wenig später. Die 6. Armee ist damit zum Untergang verurteilt. Lediglich 35.000 Verwundete und Kranke können ausgeflogen werden.

Gefangennahme gegen Hitlers Order

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus
Paulus begibt sich am 31. Januar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Bildrechte: dpa

Paulus, der Ende Januar 1943 von Hitler noch zum Generalfeldmarschall ernannt wird, folgt der damit de facto verbundenen Order zum Selbstmord nicht. Stattdessen lässt er sich wenige Tage später, am 31. Januar, von der Roten Armee gefangennehmen. Da besteht seine Armee nur noch aus rund 90.000 Soldaten. Der Historiker Torsten Dietrich erklärt, warum Paulus so lange an Hitlers Befehlen zum Durchhalten festhält:

Paulus imponierten Persönlichkeiten, die scheinbar immer das Richtige taten, willensstark waren und keine Skrupel hatten. Natürlich war er, der nicht so entschlussfreudig war, von einer Figur wie Hitler, wie natürlich viele im Nationalsozialismus, als solche begeistert: der rhetorisch sehr, sehr stark war, der als Persönlichkeit zu beeindrucken wusste. Paulus lernte ihn persönlich kennen und glaubte durchaus, dass Hitler sowohl politisch, als auch militärisch große Fähigkeiten habe.

Torsten Dietrich Geschichte Mitteldeutschlands

Auftreten gegen Hitler

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation 1943
Gehorsam bis zum Ende: Nach seiner Gefangennahme in Stalingrad verweigert Paulus eine Kapitulation für die gesamte 6. Armee. Bildrechte: dpa

Paulus begibt als erster Feldmarschall in der deutschen Kriegsgeschichte in Gefangenschaft. Nach langem Zögern arbeitet er später in den von den Sowjets auf den Weg gebrachten Widerstandsorganisationen "Nationalkomitee Freies Deutschland" und "Bund deutscher Offiziere" mit. Diese Gruppen versuchen auf die Soldaten der deutschen Ostfront einzuwirken. Allerdings mit so gut wie keinem Erfolg. Sie werden von ihren ehemaligen Kameraden als Verräter betrachtet. Das blinde Vertrauen in Hitler und die Angst vor der sowjetischen Kriegsgefangenschaft halten die meisten deutschen Soldaten bis zuletzt vom Überlaufen ab. Das Engagement in den Widerstandsgruppen hat für Paulus auch persönliche Konsequenzen. Sein Sohn kommt in Festungshaft, seine Frau wird im das KZ Dachau inhaftiert. Dort wird sie körperlich so in Mitleidenschaft gezogen, dass sie 1949 verstirbt, ohne dass Paulus sie je wiedergesehen hat.

Zeuge in Nürnberg und Rückkehr in die DDR

Blick in den Verhandlungssaal der Nürnberger-Prozesse (Archivbild von 1945).
Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess tritt Paulus als Zeuge der Anklage auf. Bildrechte: dpa

Zwar kehrt Paulus Anfang 1946 kurzzeitig nach Deutschland zurück, aber nur, um als Zeuge gegen die als Hauptkriegsverbrecher angeklagten ehemaligen Wehrmachtgrößen Keitel, Jodl und Göring auszusagen. Nach seiner späten Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft lebt der ehemalige Oberbefehlshaber der 6. Armee ab 1953 in Dresden. Noch im seben Jahr tritt er in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft ein. Im Mai 1954 hält er Vorträge an der Hochschule für Offiziere der Kasernierten Volkspolizei (KVP) und tritt als Galionsfigur der von der SED inititierten "Gesamtdeutschen Offizierstreffen" auf, die gegen eine Wiederbewaffnung Westdeutschlands Stimmung machen sollen.

Keine Aussagen zu Stalingrad

Ausdrücklich vermeidet es Paulus in den folgenden Jahren, Stellungnahme zu den Ereignissen von Stalingrad abzugeben. Erst drei Jahre nach seinem Tod gibt der Publizist Walter Görlitz den Nachlass des ehemaligen Generalfeldmarschalls mit dem Titel "Ich stehe hier auf Befehl" heraus. Allerdings lassen die Aufzeichnungen noch viele Fragen offen. Der Titel des Buches - "Worte aus dem letzten Brief Paulus' aus Stalingrad" - mag das Dilemma, in dem sich der Feldmarschall befand, beschreiben.

Am 1. Februar 1957 stirbt Friedrich Paulus als schwer kranker und gebrochener Mann in Dresden.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Aktuell" 07.05.2015 | 21.45 Uhr

Hintergründe