Innovation in der Geschichte der Verhütung "Antibabypille" vs. "Wunschkindpille"

Zu Beginn der 60er-Jahre führt die Bundesrepublik, gefolgt von der DDR, das erste hormonelle Verhütungsmittel ein. Bis die Pille den heute bekannten Erfolg erzielen kann, vergehen jedoch einige Jahre.

Verhütung vor der Pille

Die Pille wird zu Beginn der 60er-Jahre in Deutschland eingeführt. Davor gibt es für Frauen andere Methoden um nicht schwanger zu werden. Sie können die Kenntnisse über die fruchtbaren Tage nutzen und in dieser Zeit keinen Geschlechtsverkehr haben. Die Geschichte der mechanischen Verhütungsmittel beginnt im Jahr 1865. Das erste Kondom wird erfunden und kommt 1870 auf den Markt. Bis dahin verwendet man beispielsweise selbstgenähte Kondome aus Tierdarm oder Fischblasen. 1914 beginnt der Berliner Unternehmer Julius Fromm mit der Serienproduktion von Kondomen. Davor sind Kondome unerschwinglich. Die ersten Kondome haben auch nichts mit dem heutigen "Tragekomfort" zu tun. Ab 1882 können Frauen mit dem Scheiden-Diaphragma und ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Spirale verhüten. Aber auch diese Verhütungsmittel sind teuer. Die Geschichte der Pille beginnt in den 20er-Jahren.

Einführung der Pille "Anovlar" in der Bundesrepublik

Ab 1961 dürfen westdeutsche Apotheken die "Antibabypille" verkaufen. Aber nicht an alle Frauen. Die Bundesregierung legt fest, dass sie lediglich für verheiratete Mütter auf Rezept zu haben ist. Überhaupt wird das neue Verhütungsmittel von den Frauen in der Bundesrepublik mit Zurückhaltung betrachtet. Hintergrund ist die Skepsis der moralisch konservativ eingestellten Politik und Kirche gegenüber dem kleinen Dragee. Die Einführung der Pille ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan. Vor allem die Kirche lehnt die unnatürliche Verhütungsmethode ab. Sie sieht die "natürliche" Familienplanung beeinflusst. Am 25. Juli 1968 veröffentlicht Papst Paul VI. ein Rundschreiben. "Humanae Vitae" nennt er es. Darin weist er ausdrücklich auf die Eigenverantwortung von Mann und Frau bezüglich der Verhütung hin. Er lehnt rigoros alle Methoden der künstlichen Verhütung ab. Diese Haltung zur Verhütung löst bis heute Diskussionen unter den Christen aus und ist aktueller denn je. Die Firma Schering produziert die ersten Pillen für die Bundesrepublik. Um die Pille trotz der Diskussionen zu verkaufen, wirbt sie einfach mit der Regulierung der Menstruationsbeschwerden.

Die Einführung der Pille "Ovosiston" in der DDR

Die DDR führt die "Wunschkindpille" im November 1965 ein. Alleine, dass das neue Verhütungsmittel in der DDR – im Gegensatz zur Bundesrepublik – diesen positiv konnotierten Namen hat, lässt einen anderen Umgang mit der Pille vermuten. Aber auch hier sind die Frauen erstmal skeptisch. Die Propagierung der Pille als Mittel zur Gleichberechtigung der Frau nützt da auch nichts. In der DDR hält sich die Kritik an der Pille im Rahmen. Aber die Regierung selbst hat zwei Probleme, die sie gerne mit der Pille lösen möchte. Durch die Pille sollen die Geburten reguliert werden. Denn die DDR braucht die Frauen unbedingt um ihre Produktion zu steigern. Und vor allem sollen durch die Pille ungewollte Schwangerschaften vermieden werden. Die DDR hat nämlich zunehmend mit einer steigenden Zahl von Abtreibungen zu kämpfen. 

"Pillenknick"?

Bis vor ein paar Jahren haben Wissenschaftler auf den sogenannten "Pillenknick" bestanden. In der Bundesrepublik und in der DDR sollen die Geburtenzahlen mit der Einführung der Pille zurückgegangen sein. Heute sind sich Wissenschaftler einig, dass dieser Zusammenhang falsch ist. Durch die Industrialisierung ist die Gesellschaft im Wandel. Der Wohlstand und die Möglichkeiten der Selbstentfaltung der Frauen wachsen. In Ost und West gibt es immer mehr gebildete Frauen, die eigenes Geld verdienen wollen. Vor allem in der DDR werden die Frauen zur Arbeit aufgefordert. Dadurch verringert sich die Anzahl der Kinder. Insgesamt ist der Wunsch nach Kindern gesunken. Die Pille kommt wie gerufen um die Familienplanung selbst zu bestimmen.

Allmählicher Durchbruch der Pille bis heute

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR wird die Pille erst mit der Zeit angenommen. In der DDR sind 1966 Propagandamaßnahmen und die Preissenkung der Pille nötig, um die Verkaufszahlen des Verhütungsmittels in die Höhe zu treiben. Ab 1972 wird sie sogar kostenfrei verteilt. - Heute werden moralische Aspekte den gesundheitlichen Aspekten der Pilleneinnahme untergeordnet. Das hormonelle Verhütungsmittel kann zahlreiche Nebenwirkungen auslösen. Doch dominiert die verhütende Wirkung der Pille die möglichen Nebenwirkungen und die Pille hat sich als Verhütungsmittel weltweit durchgesetzt.

Geschichte hormonelle Empfängnisverhütung 1921: Der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberlandt legt ein Grundkonzept für erste orale hormonelle Verhütungsmittel vor.

1932: Tod Haberlandts, Entwicklung der künstlichen Hormone nicht vollendet

1951: Carl Djerassi stellt "Norethisteron" (verhindert den Eisprung) gemeinsam mit Gregory Pincus und John Rock vor.

1957: Die Pille "Envoid" kommt zur Regulierung von Menstruationsbeschwerden auf den US-Markt.

18. August 1960: Die Pille "Envoid" kommt als erstes hormonelles Verhütungsmittel in den USA auf den Markt.

1961: Einführung der Pille "Anovlar" in Australien und der Bundesrepublik

1965: Einführung der Pille "Ovosiston" in der DDR

"DDR-Pille" durch Spionage in der Bundesrepublik? Das Verfahren des ostdeutschen VEB Jenapharm zur Herstellung der Pille soll auf westdeutschen Spionageergebnissen basieren. Die Abteilung für Auslandsspionage der DDR soll zu Beginn der 60er-Jahre Spione in den Westen geschickt haben. Sie sollen chemische Formeln zur synthetischen Herstellung von Östrogen und Gestagen liefern. Angeblich wird bei der westdeutschen Firma Schering AG spioniert. Letztendlich soll sich der VEB aber am Rezept der Darmstädter Firma Merck orientiert haben.

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2015, 16:10 Uhr