Kampf gegen Epidemien Die Geschichte der Quarantäne

Die Unbelehrbaren wurden eingemauert

Die Pest, die Cholera, die Spanische Grippe - Europa hat schon viele Epidemien gesehen. Und bereits im Mittelalter war die Quarantäne das Mittel der Wahl, um sie einzudämmen. Damals wie heute war es schwer, die Menschen vom Sinn der Quarantäne zu überzeugen. Die Strafen für die, die dagegen verstießen, waren allerdings deutlich drastischer als heute.

Ein Arbeiter im Schutzanzug desinfiziert die Piazza Duca d'Aosta vor dem Bahnhof Milano Centrale.
Mailand im Kampf gegen das Corona-Virus Bildrechte: dpa

"Fast alle strebten zu ein und demselben grausamen Ziele hin, die Kranken nämlich und was zu ihnen gehörte, zu vermeiden und zu fliehen, in der Hoffnung, sich auf solche Weise selbst zu retten. Einige waren der Meinung, ein mäßiges Leben, frei von jeder Üppigkeit, vermöge die Widerstandskraft besonders zu stärken. Diese taten sich in kleineren Kreisen zusammen und lebten, getrennt von den Übrigen, abgesondert in ihren Häusern, wo sich kein Kranker befand, beieinander." Und so kommt das öffentliche Leben in der Stadt Florenz um das Jahr 1350 fast vollständig zum Erliegen. Denn die Pest geht um.

Italien hat Erfahrung mit Seuchen und die Regierung von heute bekämpft die modernste, das Corona-Virus, mit denselben Mitteln, die der Dichter und Erzähler Giovanni Boccaccio schon im Mittelalter in seinem Werk "Decamerone" beschreibt: mit Kontaktsperren. Doch damals wie heute ist es schwer, die Menschen davon zu überzeugen, zu Hause zu bleiben. So schreibt Boccaccio: "Andere aber waren der entgegengesetzten Meinung zugetan und versicherten, viel zu trinken, gut zu leben, mit Gesang und Scherz umherzugehen, in allen Dingen, soweit es sich tun ließe, seine Lust zu befriedigen und über jedes Ereignis zu lachen und zu spaßen, sei das sicherste Heilmittel für ein solches Übel."

Quarantäne leitet sich vom Wort "Vierzig" ab

Ob die Unbelehrbaren der Grund waren, warum vermutlich etwa vier Fünftel der Florentiner in dieser Zeit an der Pest starben, ist nicht überliefert. Was Historiker jedoch wissen ist: Quarantäne ist seit jeher das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, Pandemien zu beherrschen. Die reine Quarantäne, also das Isolieren von Menschen, die möglicherweise von einer Krankheit befallen sind, hat wohl die Stadtverwaltung von Ragusa erfunden, dem heutigen Dubrovnik an der kroatischen Küste. Ragusa gehört im Jahr 1377 zur Republik Venedig. Die Pest grassiert noch immer in Europa und kostet nicht nur Menschenleben, sondern vor allem viel Geld. Denn aus Angst vor der Seuche, die vorrangig in Handelsstädten auftritt, schließen viele Städte ihre Tore und der Handel, die wichtigste Einnahmequelle, kommt zum Erliegen.

Ragusa kann und will sich das nicht mehr leisten und ordnet an: Alle ankommenden Schiffe müssen 30 Tage an einer vorgelagerten Insel ankern. Händler, die über Land in die Stadt kommen wollen, müssen 40 Tage warten, ob sie Symptome der Pest entwickeln. Dem Beispiel folgen auch die anderen Völker des Mittelmeerraums, wie die Franzosen oder Spanier. Ihre Bezeichnung für 40 - "quaranta", "quarante" oder "cuarenta" - wird noch heute für diese Art der Isolation verwendet. Nur, dass die sich heute nach der Erkenntnis richtet, wie lange eine Krankheit braucht, bis sie ausbricht. Die 40 Tage waren damals wohl eher aus Aberglauben und Religiosität festgelegt worden.

Eine Komparse am Rande von Dreharbeiten zum Film "Black Death" im Großen Schloss in Blankenburg.
Pestmasken wurden im 17. Jahrhundert erstmals in Frankreich und Italien getragen. Sie sollten vor allem Ärzte vor Ansteckung schützen. Bildrechte: dpa

Im Laufe der Jahrhunderte ziehen verschiedene Epidemien über Europa hinweg. Und mit jeder weiteren machen Ärzte und Wissenschaftler Beobachtungen, die helfen, Leben zu retten. So beschreibt etwa die Medizinhistorikerin Marion Ruisinger von der Universität Ingolstadt, dass Ärzte in Frankreich und Italien im 17. Jahrhundert zum ersten Mal Schutzmasken gegen die Pest trugen. Sie waren aus Leder und hatten eine Art Rüssel, in dem sich ein Schwamm befand, der mit Kräutern und Gewürzen getränkt war. Denn, so die Annahme, die Pest verbreitet sich über schlechte Luft. Auch nahm man an, dass die Krankheit an Oberflächen haftet. Daher trugen Ärzte in dieser Zeit erstmals ein bodenlanges Gewand aus gewachstem Stoff oder glattem Leder.

Mangelnde Hygiene machte die Menschheit verwundbar

Nur in einem Punkt scheint die Menschheit lange keine Fortschritte zu machen: die Hygiene. Und so ist es ein Leichtes für das Cholera-Bakterium, Ende des 19. Jahrhunderts Städte wie Hamburg fast auszulöschen. Als der Arzt und Entdecker des Cholera-Erregers, Robert Koch, in die Hansestadt reist, die ihn um Hilfe gebeten hatte, traut er seinen Augen kaum: "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungsstoff angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat. Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde", schreibt Koch in der Hamburger Freien Presse vom 26. November 1892. Hamburg handelt, ruft ein Hygiene-Institut ins Leben, untersucht das Trinkwasser, verteilt sauberes Obst und Gemüse. Die Verbreitung von Bakterien, so scheint es einige Jahre später, hat man gut im Griff.

Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt eine neue Bedrohung: die Spanische Grippe, ausgelöst durch ein Virus. Und wieder steht die Medizin vor einem großen Rätsel. Das Ärzteblatt schreibt Ende 1918: "Der Gesundheitszustand des Volkes ist geschwächt; neben den furchtbaren Verlusten an Menschenleben und Manneskraft im Felde haben Entbehrungen, Unterernährung und die Folgen einer schweren Epidemie die Volkskraft zerrüttet." Klar ist, die Krankheit tritt vermehrt dort auf, wo viele Menschen zusammen waren; etwa in Rekruten- und Gefangenenlagern. Auch damals wissen sich die Staaten nicht anders zu helfen: Sie setzen auf Abschottung. Die Kranken werden isoliert, die Verdachtsfälle kommen in Quarantäne, Grenzen werden geschlossen, damit keine Fremden einreisen. Maßnahmen, die auch heute, über 100 Jahre später, das Mittel der Wahl im Kampf gegen Corona sind und schon im Mittelalter praktiziert wurden. Trotzdem sterben an der Spanischen Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit zwischen 27 und 50 Millionen Menschen, schätzen Historiker.

Mailand war schon im Mittelalter erfolgreich bei der Seuchenbekämpfung

Dabei hatte es eine Stadt schon viele Jahrhunderte zuvor vorgemacht, wie man effektiv mit Ansteckungskrankheiten, damals der Pest, umgeht: Mailand. Nicht nur, dass man Ärzte abstellte, um jeden einzelnen Pestverdachtsfall den Behörden zu melden und aus dem Verkehr zu ziehen. Auch wurde die Quarantäne streng überwacht. Denn vermutlich gab es auch in Mailand Unbelehrbare, ähnlich wie in Boccaccios "Decamerone"-Beschreibungen aus Florenz. Es drohten drastische Strafen. Half das alles nichts und die Menschen wollten sich partout nicht an die Ausgangssperre halten, griff die Stadtverwaltung zur letzten Maßnahme: Die unteren Stockwerke eines Hauses, in dem ein vermutlich an Pest Erkrankter lebte, wurden zugemauert. Eine drastische, aber wohl nützliche Maßnahme. Während in Florenz schätzungsweise vier Fünftel der Einwohner starben, waren es in Mailand nur 15 Prozent.

Italien: Zwei Bewohner applaudieren an den Fenstern ihrer Wohnungen in der Innenstadt von Mailand für vorbeifahrende Einsatzfahrzeuge, Ärzte und Sanitaeter
Mailand war schon im Mittelalter recht erfolgreich bei der Seuchenbekämpfung. Damals wie heute macht die Stadt einfach dicht. Die Bewohner bleiben zu Hause. Bildrechte: imago images / ULMER Pressebildagentur

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 26. März 2020 | 21:00 Uhr

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