Der Golf - das erste Westauto fürs Volk

Für die Menschen in der DDR war es eine Sensation: 10.000 VW Golf sollten 1977 in die DDR geliefert werden - der erste Import von Autos aus dem westlichen Ausland für die Bevölkerung. Bis dahin war das Privileg, Westautos zu fahren, der Staatsführung vorbehalten. Zunächst jedoch war der Absatz nicht so reißend, wie man vermutet hatte.

von Katharina Beck

Eberhard Kittler war damals Objektbauleiter in Berlin-Marzahn und einer der Auserwählten, dem so ein Golf angeboten wurde. Aber er lehnte ab. Vor allem, weil der Golf dem damals 22-Jährigen zu teuer war. 35.000 Ost-Mark sollte das Westauto kosten. Das waren 15.000 Ost-Mark mehr, als ein Wartburg Tourist und 25.000 mehr als ein Trabant. Besserverdiener wie Professoren, Betriebsdirektoren oder selbständige Handwerksmeister wären die erste Zielgruppe gewesen. Da lauerte die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Offenbar versuchte die DDR-Führung eine Verteilung der begehrten Westautos. Denn das Dilemma war offensichtlich.

Würde es auch Ersatzteile für den Golf geben?

Klaus Zwingenberger war damals Redakteur bei der Zeitschrift „Straßenverkehr“ in Ost-Berlin. Auch er hatte zunächst seine Bedenken. Denn die Frage war, ob es Werkstätten und Ersatzteile geben würde. Doch es war sein Traumauto. Als er sich darum bemühte, einen der 10.000 Golf zu ergattern, stellte er fest: So einfach war das nicht. Eine Auto-Anmeldung reichte nicht, um an das begehrte Vehikel zu kommen. Man musste auch als Arbeiter in der sozialistischen Produktion tätig sein.

Ein Auto auf 100 Einwohner

Bei seinem Machtantritt 1972 hatte Erich Honecker der Bevölkerung eine Steigerung des Lebensniveaus versprochen. Das Konsumgut Auto gehörte dazu. Doch wie "Die Zeit" 1977 recherchierte, standen in jenem Jahr für die gesamte DDR nur 164.000 PKW zur Verfügung. Das war ein Auto auf 100 Einwohner. Selbst die Importe aus den sozialistischen Staaten deckten den Bedarf nicht. Wenigstens 12 Jahre mussten DDR-Bürger auf ein Auto warten. Kurzfristig konnten gegen die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung nur Westimporte helfen.

Westautos gegen Bratwürste und ein Planetarium

Volkswagen baute den Golf seit 1974 und verkaufte ihn für knapp 8000 DM. Nach der Ölkrise  1973 war der erste Golf aufgrund seines sparsamen Motors und der kompakten Form im Westen von Anfang an ein Verkaufsschlager.

Ein Verkauf in die DDR war als weitere Öffnung des Marktes in den Osten interessant. Es war aber wohl die DDR, erzählt Klaus Zwingenberger, die zuerst auf VW zukam, weil sie im westlichen Ausland einen Absatzmarkt für ihre renommierten Blechpressen suchte. So entschied man sich für ein "Kompensationsgeschäft": Ware gegen Ware - im Wert von 80 Millionen DM. Volkswagen wollte nur Produkte, die der Konzern auch selbst verwerten konnte. Die Einkäufer von VW bereisten die DDR und begutachteten alles, was ihnen hätte nützlich sein können. Die DDR lieferte Blechpressen, Werkzeugmaschinen, Fahrzeugelektrik, Heizkohle, Heizöl und Pneumant-Reifen. Und das Highlight: Ein Planetarium vom VEB Carl-Zeiss Jena. Sogar Naturalienpakete mit Dresdner Stollen und Thüringer Bratwürsten für die Wolfsburger Kantine gehörten zum Deal.

Die VW rollten mit dem Zug in die DDR

Schon sechs Wochen nach der Bestellung rollten am 13. Januar 1978 die ersten 200 VW Golf per Zugtransport in die DDR. Und jeden Monat 1.000 weitere. Der Golf kam in den Varianten mit 50 und 75 PS an, als Zwei- und Viertürer und in exotisch anmutenden Farben: In "Panama-Braun", "Miami-Blau", "Malaga-Rot", "Dakota-Beige" und "Manila-Grün". Als wollte VW mit seinen Autos auch das Fernweh befördern. "Aber die hießen auch im Westen so", sagt Eberhard Kittler.

Die Medien in der sozialistischen Republik verloren kein Wort über das Geschäft. Aber es war bekannt, dass es den Golf I gab. Und dass er entweder komplett oder wenigstens zu großen Teilen nur über den IFA-Betrieb in Berlin verkauft wurde. "Berlin", so Eberhard Kittler, "war das Aushängeschild zum Westen. Da sollte das Straßenbild international sein."

Der Golf zum Preis eines Trabis

Und dann passierte etwas Unglaubliches: Bereits im Februar 1978 wurde der Preis des Golf um etwa 10.000 Ost-Mark gesenkt. Er kostete nun zwischen 22.000 bis 26.000 Ost-Mark, war also dem Niveau eines Mittelklassewagens der DDR angepasst. Was war passiert? War er der Zielgruppe, der Arbeiterklasse, zu teuer?

Das ist gut möglich, meint Klaus Zwingenberger. Aber vielleicht zögerten einige auch vor allem mit dem Kauf, weil sie Sorge hatten, dass sie Ersatzteile dann aus dem Westen besorgen müssten. Und es ja in der DDR schwierig war, überhaupt einen Werkstatttermin zu bekommen. Welche Werkstatt würde sich mit der Westtechnik auskennen? "Vielleicht wurde der Preis gesenkt, damit der Golf auch bei normal Verdienenden ankommen konnte", überlegt er.

Den Anstoß dazu könnten aber auch die schlechte Stimmung in der Bevölkerung gegeben haben, mutmaßt Ilko-Sascha Kowalczuk, Fachkoordinator bei der Stasi-Unterlagen-Behörde. "In der DDR wurde ein Auto mit Bargeld bezahlt. Aber wer hatte so schnell so viel Bargeld zur Verfügung? Das verärgerte sicher viele." Auch der "Spiegel" glaubte, dass die Preissenkung zurückzuführen sei auf die "offenbar massiven Proteste von DDR-Werktätigen, die beim Partei- und Staatsapparat gereizt nachfragten, ob der Golf denn wirklich nur für Reiche und Bonzen importiert werde".

Gebrauchter Golf für 100.000 Ost-Mark

Klaus Zwingenberger, der Redakteur, kam nach langem Suchen über ein Sonderkontingent für transportgeschädigte Autos an einen Golf Diesel, in "miami-blau": "Stoßstange vorn eingedrückt, eine Delle in der hinteren Stoßstange und ein Knick im linken hinteren Kotflügel – 25.000 Ost-Mark minus 150 für die Schäden." Er drückte glatt, was ging und konnte sogar in einer speziellen Golf-Werkstatt alle 15.000 Kilometer seinen Wagen durchchecken lassen. Und er erhielt zahlreiche Angebote zum Verkauf. Auf dem Gebrauchtmarkt war der Golf I noch teurer als neu. Hier kostete er 80.000 bis 100.000 Ost-Mark. Denn dort war er ohne Anmeldung zu bekommen.

Inzwischen rare Sammlerstücke

Trotz guter Beziehungen zwischen dem VW-Konzern und dem Ost-Berliner Außenhandelsministerium und obgleich sogar eine Lizenzfertigung des Golf I in der DDR im Gespräch war – es blieb bei den 10.000 Golf der ersten Generation.

Als Klaus Zwingenberger 1985 in die BRD ausreiste, durfte er seinen Golf nicht mitnehmen und vermacht ihn seinem Sohn. Einige Jahre später fuhr dieser das geliebte "miami-blaue" Vehikel über die Grenze. "Dann stand er am Morgen des 11. November 1989 in Stuttgart vor meinem Fenster", erinnert sich Klaus Zwingenberger. ("Welt" vom 6.11.2009)

Mittlerweile gibt es nur noch einige wenige Golf I aus der DDR-Lieferung - sie sind längst rare Sammlerstücke.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Die Außenhändler" 21.05.2013 | 22.05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2017, 11:33 Uhr