DDR-Grenzstein
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das "Grüne Band": Todesstreifen und Biotop

Die innerdeutsche Grenze stand für Trennung und Tod. In ihrem Schatten fanden aber viele bedrohte Tiere und Pflanzen ein Zuhause. Heute gehört das "Grüne Band" zum "Nationalen Naturerbe". Doch um das Grüne Band gibt es Streit.

von Josefa Kny

DDR-Grenzstein
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"Wenn im Sommer alles schön grünte und blühte, sah auch die Grenze gar nicht so schlimm aus", erinnert sich der Fotograf Jürgen Ritter. "Als ich die Strecke im November lief, war die Tristesse ganz offensichtlich und beißend." In den 1980er-Jahren wanderte der Niedersachse entlang der deutsch-deutschen Grenze. Seine Fotos zeigen unberührte Landschaften hinter endlosen Stacheldrahtzäunen und Überreste gesprengter Brücken, die ins Nichts zu ragen scheinen. Auf anderen Bildern verschwinden Einfamilienhäuser fast komplett hinter Betonmauern und Wachtürme stören den Blick auf saftige Wiesen.

Fast unberührte Grenze

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Durch Auwälder und Moore, Streuobstwiesen und Buschlandschaften zog sich die 1.393 Kilometer lange Grenze von der Ostsee bis an die tschechische Grenze quer durch Deutschland. Der schwer bewachte Grenzstreifen erstreckte sich über eine Breite von bis zu 200 Metern. Schon fünf Kilometer vor den Grenzanlagen begann auf der Ostseite das Sperrgebiet, das nur Grenzsoldaten betreten durften. Fast unberührt vom menschlichen Einfluss entstand so ein Streifen grüner Landschaften. Zahlreiche Biotope konnten sich natürlich entwickeln: Seltene Orchideen blühten auf verlassenen Feuchtwiesen, im dichten Unterholz nisteten Braunkehlchen und Neuntöter und anderswo längst ausgestorbene Schmetterlinge flatterten durch die Luft.

Der ökologische Wert der Grenze

In den 1980er-Jahren erkannten Umweltschützer den immensen ökologischen Wert des Grenzstreifens. Der Landesverband Bayern des BUND (Bund für Umwelt und Natur Deutschland) formulierte damals ein zynisches Paradoxon: Einige bedrohte Tierarten könnten nur deshalb überleben, weil es den Todesstreifen gebe. Ähnlich sah das auch der Biologe und Tierfilmer Heinz Sielmann. 1988 zeigte er in seinem Aufsehen erregenden Dokumentarfilm "Tiere im Schatten der Grenze" den ökologischen Reichtum im Grenzgebiet. Sollte die Mauer einmal fallen, so Sielmann, müsse der Todesstreifen unter allen Umständen in einen Nationalpark umgewandelt werden.

Das Grüne Band entsteht

Im Dezember 1989, einen Monat nach dem Fall der Mauer, trafen sich 400 Naturschützer aus Ost- und Westdeutschland im bayrischen Hof. Eine freie Entfaltung der Natur entlang der deutsch-deutschen Grenze lag ihnen am Herzen. Sie gründeten das Projekt "Grünes Band" und verabschiedeten eine Resolution: "Der Grenzstreifen zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik ist als grünes Band und als ökologisches Rückgrat Mitteleuropas vorrangig zu sichern." Der BUND übernahm die Koordination des Projektes. Den grünen Grenzstreifen zum Naturschutzgebiet zu erklären, stellte sich jedoch schnell als schwieriges Unterfangen heraus.

Deutschlandkarte mit Verlauf des Grünen Bandes
Bildrechte: BUND

Wem gehört das Grüne Band?

Die quasi rechtsfreien Wendejahre nutzten viele für ihre eigenen Interessen. Landwirte erweiterten nach dem Abbau der Grenzanlagen ihre Anbauflächen, Gemeinden vergaben Genehmigungen an gut bietende Gewerbe und neue Straßen wurden quer durch die Natur gezogen. Das größte Problem stellen bis heute aber die Eigentumsrechte im Grenzgebiet dar. Ein Großteil der Flächen fiel nach der Wiedervereinigung dem Bund zu. Dieser verwaltete die Flächen, konnte sie jedoch nicht als Naturschutzgebiet ausweisen - Naturschutz ist in Deutschland Ländersache. 2003 bot die Bundesregierung den ostdeutschen Ländern die Übertragung der Flächen an, doch diese sträubten sich. Sie fürchteten die Folgekosten, die für die Unterhaltung der Flächen auf sie zu kämen. Mittlerweile haben die meisten aber einen Großteil des "Grünen Bandes" übernommen.

Gleiche Motive, andere Bilder

Für den Naturschutz gesichert ist, mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, gerade einmal die Hälfte des einstigen Grenzstreifens. 15 Prozent des "Grünen Bandes" sind bereits durch Landwirtschaft, Gewerbegebiete und Straßen unwiederbringlich zerstört. Der Fotograf Jürgen Ritter hat sich 2010 erneut auf eine Wanderung entlang der ehemaligen Grenze begeben. Die Motive von damals fotografierte er noch einmal. Die Perspektiven sind fast dieselben, die Eindrücke ganz andere: "Ich bin immer noch der glücklichste Mensch, wenn ich sehe, wie sich der Grenzstreifen verändert hat. Als wäre es immer so gewesen."

Osteuropa

Der Grenzstreifen damals und heute

Dort, wo bis 1989 Grenzzaun und Sperrgraben den Weg nach Westdeutschland abriegelten, hat sich das Landschaftsbild seit damals gewandelt. Der Fotograf Jürgen Ritter hat diese Entwicklung dokumentiert.

Elbbrücke Dömitz 1982 und 2011
Die Elbbrücke Dömitz war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Da die Brücke die innerdeutsche Grenze überquert hätte, wurde sie nach 1945 nicht wieder aufgebaut, Aufnahme von 1982. Erst 1992 wurde die Dömitzer Elbbrücke als erster Brückenneubau über die Elbe wieder für den Verkehr freigegeben, Aufnahme von 2011. Bildrechte: Jürgen Ritter
Elbbrücke Dömitz 1982 und 2011
Die Elbbrücke Dömitz war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Da die Brücke die innerdeutsche Grenze überquert hätte, wurde sie nach 1945 nicht wieder aufgebaut, Aufnahme von 1982. Erst 1992 wurde die Dömitzer Elbbrücke als erster Brückenneubau über die Elbe wieder für den Verkehr freigegeben, Aufnahme von 2011. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Asbach 1984/ 2013
Das thüringische Asbach lag unmittelbar in der Nähe der innerdeutschen Grenze, Aufnahme von 1984. Dort, wo man früher in Todesgefahr war, wird heutzutage Fußball gespielt, Aufnahme von 2006. Bildrechte: Jürgen Ritter
Eckertalstausee im Harz
Mitten durch die Sperrmauer des Eckertalstausees verlief einst die deutsch-deutsche Grenze, Aufnahme 1982. Inzwischen erinnert an der kleinsten, aber höchstgelegensten Talsperre des Harzes nichts mehr an die Teilung. Bildrechte: Jürgen Ritter
Bahnlinie Uelzen -Salzwedel 19882 und 2009
Bahnlinie bei Nienbergen (Niedersachsen) von Uelzen nach Salzwedel bei Groß Grabenstedt (Sachsen-Anhalt), 1982 und 2009. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Hestedt
Ein Turm weniger: Blick auf Hestedt im Altmarkkreis Salzwedel 1984 und 2010. Bildrechte: Jürgen Ritter
Mödlareuth 1984 und 2007
"Little Berlin" an der bayrisch-sächsischen Grenze: Eine Mauer verläuft quer durch das Dorf Mödlareuth, Aufnahme 1984 und Blick auf den früheren Mauerverlauf im Jahr 2007. Bildrechte: Jürgen Ritter
Junkerkuppe (1984)
Über die Junkerkuppe bei Bad Sooden-Allendorf verlief die Grenzschneise besonders anschaulich, Aufnahme aus dem Jahr 1984. Knapp 30 Jahre später ist der ehemalige Grenzstreifen fast zugewachsen und kaum noch zu erkennen. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Lindewerra (1984)
Im Zweiten Weltkrieg war die Werra-Brücke in Lindewerra gesprengt worden. Nach 1945 lag Lindewerra in der Sowjetzone, die Zonengrenze verlief in der Flussmitte. Deshalb wurde die Brücke nicht wieder aufgebaut, Aufnahme aus dem Jahr 1984. Erst 1999 wurde eine neue Brücke eingeweiht. Inzwischen rollt der Verkehr wie selbstverständlich über die neue Brücke, Aufnahme von 2006. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Philippsthal
Blick von der hessischen Marktgemeinde Philippsthal ins thüringische Vacha, Aufnahme aus dem Jahr 1982. Als wäre es schon immer so gewesen, überqueren Radfahrer heute die einstige deutsch-deutsche Grenze. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Philippsthal
Durch das Haus der "Hoßfeldischen Buchdruckerei" in Philippsthal verlief die innerdeutsche Grenze, Aufnahme von 1982. Heute erinnert nichts mehr an die Teilung. Bildrechte: Jürgen Ritter
Grenzstreifen in Walhhausen
Bis zur Wiedervereinigung 1989/1990 war das thüringische Wahlhausen von der deutsch-deutschen Grenze stark beeinträchtigt, Aufnahme von 1984. Heute erinnert nichts mehr an die deutsch-deutsche Teilung. Bildrechte: Jürgen Ritter
Hanum/Zasenbeck 1982 und 2008
Blick vom niedersächsischen Zasenbeck auf die Grenzmauer vor Hanum (ehemals Bezirk Magdeburg), 1982 und die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, 2008. Bildrechte: Jürgen Ritter
Autobahn Hof-Plauen 1982 und 2007
Von 1951 bis 1989 war die Autobahn zwischen fränkischen Hof und dem vogtländischen Pirk für den Verkehr gesperrt, Aufnahme von 1982 bei Trogen (Bayern)/ Heinersgrün (Bezirk Karl-Marx-Stadt). Von 1990 bis 1995 wurde die Autobahn zwischen dem Autobahndreieck Bayerisches Vogtland und Plauen erneuert. Aufnahme von 2007. Bildrechte: Jürgen Ritter
Doppeldorf Zicherie Nds. u. Böckwitz St. 1984 und 2009
Vor 1989 verlief die Grenze zwischen den beiden Dörfern Zicherie (Niedersachsen) und Böckwitz (Bezirk Magdeburg), Aufnahme von 1984. Beide Dörfer waren seit dem 19. Jahrhundert eng miteinander verbunden. Seit 1872 gab es einen gemeinsamen Schützenverein "Zicherie-Böckwitz". Dieser Verein funktioniert inzwischen wieder über die Ländesgrenzen hinweg. Aufnahme von 2009. Bildrechte: Jürgen Ritter
Damals im Osten: Grenzstreifen
Aufnahme aus dem Jahr 1982 vom Grenzzaun bei Thielitz mit Selbstschussanlage. Inzwischen ist der einstige Grenzstreifen mit Kiefern bewachsen, Aufnahme 2012. Bildrechte: Jürgen Ritter
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Zuletzt aktualisiert: 07. September 2010, 09:23 Uhr