Die Wilhelm Gustloff
Bildrechte: IMAGO

Massensterben in der Ostsee

1938 wurde die "Wilhelm Gustloff" in Betrieb genommen, 1945 sank sie in der Ostsee. Es war die größte Seefahrtstragödie der Geschichte. Das Wrack liegt noch heute zwölf Seemeilen vor der polnischen Küste. In polnischen Seekarten ist es als Navigationshindernis Nr. 73 verzeichnet.

von Tom Fugmann

Die Wilhelm Gustloff
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Es war ein bizarrer Treppenwitz der Weltgeschichte: Am 30. Januar 1945, genau zwölf Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sank die "Wilhelm Gustloff". Das Schiff war auf dem Weg von Gotenhafen nach Kiel, als es von drei sowjetischen Torpedos getroffen wurde. Um 21:16 Uhr schlug der erste ein.  9343 Menschen starben, sechsmal mehr als beim Untergang der "Titanic". Nur 1239 überlebten.

Anfänge als Kreuzfahrtschiff

Nichts deutete auf das tragische Ende hin, als das Schiff am 5. Mai 1937 in Hamburg vom Stapel lief. Ein Luxusliner der Organisation "Kraft durch Freude", der 25 Millionen Reichsmark kostete. Es war für 417 Besatzungsmitglieder sowie 1463 Passagiere ausgelegt. Sonnendeck, Bäckerei und Metzgerei, Krankenstation und ein Friseur - an alles wurde gedacht. Adolf Hitler war beim Stapellauf anwesend, ebenso wie die Witwe von Wilhelm Gustloff, einem Naionalsozialisten, der 1936 erschossen wurde.

Das Schiff war für Kreuzfahrten gebaut worden, aber auch eine mögliche Nutzung als Hospitalschiff war berücksichtigt worden. Die Aufzüge waren für Krankenbetten ausgelegt und in den Kabinen waren Rohre für die Sauerstoffversorgung verlegt worden. Auf seiner ersten regulären Fahrt lief das Schiff am 2. April 1938 London an, um den in England lebenden Deutschen und Österreichern Gelegenheit zu geben, über den bereits erfolgten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich abzustimmen. Nach dem Kriegsbeginn wurde die "Wilhelm Gustloff" der Kriegsmarine als Lazarettschiff übergeben und lag als Wohnschiff in Gotenhafen (heute Gdynia).

Geschichte

Die "Gustloff": Das Traumschiff der Nazis

Die Wilhelm Gustloff
Die "Wilhelm Gustloff" wird als Luxusliner der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude" gebaut. Sie ist das Traumschiff der Nazis und soll das Versprechen einer klassenlosen Gesellschaft einlösen, mit dem auch die Nazis anfangs angetreten waren. In Wahrheit kommen nur wenige in den Genuss der Luxuskreuzfahrten. Bildrechte: IMAGO
Die Wilhelm Gustloff
Die "Wilhelm Gustloff" wird als Luxusliner der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude" gebaut. Sie ist das Traumschiff der Nazis und soll das Versprechen einer klassenlosen Gesellschaft einlösen, mit dem auch die Nazis anfangs angetreten waren. In Wahrheit kommen nur wenige in den Genuss der Luxuskreuzfahrten. Bildrechte: IMAGO
Gustloff
Nach dem Urnengang nutzen die auf den Inseln lebenden Deutschen die Gelegenheit, auf dem Deck des Kreuzfahrtschiffs zu feiern und zu tanzen. So flattert am Themse-Ufer eine große Hakenkreuzfahne. Bildrechte: IMAGO
Wilhelm Gustloff
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist das Kreuzfahrtschiff vor allem vor der italienischen Küste, einige Male aber auch nach Norwegen unterwegs. Den KdF-Reisenden soll es auf diesen Fahrten an nichts fehlen. In mehreren Speisesälen wird für ihr leibliches Wohl gesorgt. Die Küche wird von einer eigenen Bord-Bäckerei und einer Metzgerei beliefert. Bildrechte: IMAGO
Die Wilhelm Gustloff
Auch an die körperliche Ertüchtigung der "Volksgenossen" haben die Nazioberen gedacht. Neben einem Sportplatz gibt es an Bord auch dieses Schwimmbad. Beim Untergang der Gustloff spielen sich hier nur wenige Jahre später schreckliche Szenen ab. Bildrechte: IMAGO
Heinz Schön, Zeitzeuge der Wilhelm Gustloff
Bis zum 30. Januar 1945, als sie mit Tausenden Flüchtlingen an Bord zu ihrer letzten Fahrt aufbricht und kurz nach Auslaufen aus dem polnischen Hafen von drei sowjetischen Torpedos versenkt wird. Heinz Schön, damals 18 Jahre alt, ist einer der wenigen Überlebenden der Gustloff-Katastrophe. Nur mit viel Glück schafft er es auf das Oberdeck, wo ein Kampf um die wenigen Rettungsboote tobt. Zwei Offiziere mit gezückten Pistolen versperren ihm den Weg: "Nur Frauen und Kinder!" Doch plötzlich bekommt Schön ein Baby in den Arm gedrückt, das frisch von der Entbindungsstation kommt - und darf einsteigen. Bildrechte: IMAGO
Hamburger Hafen, KDF Dampfer Wilhelm Gustloff im Hafen
Obwohl sie als Urlaubsschiff dienen sollte, wird schon beim Bau eine militärische Nutzung als Lazarett-Schiff berücksichtigt. In die Aufzüge passen auch Krankenbetten und in den Kabinen sind Sauerstoffleitungen verlegt. Die Baukosten liegen bei 25 Millionen Reichsmark. Am 23. März 1938 bricht die "Gustloff" zu ihrer Jungfernfahrt auf. Es geht nach London. Bildrechte: IMAGO
Gustloff Untergang
Der Besuch des Vereinigten Königreichs ist Teil einer Propagandaaktion. Die Gustloff solle den in England lebenden Deutschen die Gelegenheit geben, für den Anschluss von Österreich zu stimmen. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: 99,4 Prozent der Wähler stimmen dafür. Zu diesem Zeitpunkt steht Österreich bereits seit zwei Wochen unter der Herrschaft des Hakenkreuzes. Bildrechte: IMAGO
Gustloff Untergang
Wenn sie nicht gerade die Sehenswürdigkeiten Italiens oder die grandiose Natur Norwegens bewundern, können die Passagiere sich in einem Tanzsaal vergnügen. Zuvor können sie sich in einem Friseursalon frisieren lassen. Der Aufenthalt der etwa 1.500 Reisenden soll sich so angenehm wie möglich gestalten. Bildrechte: IMAGO
Gustloff Untergang
Ihre letzte Reise zu Friedenszeiten führt die Gustloff Ende August 1939 nach Norwegen - nur wenige Tage vor Kriegsbeginn. Danach wird sie als Lazarettschiff der Kriegsmarine übergeben - und fährt schon bald wieder nach Norwegen, um bei der deutschen Besetzung des Landes im Frühjahr 1940 die Verwundeten aufzunehmen. Danach wird sie als Wohnschiff einer U-Boot-Lehrdivision genutzt. Bildrechte: IMAGO
Günter Grass (li.) mit Heinz Schön
Schätzungen zufolge dürften damals rund 9.000 Menschen ertrunken sein. Kein Wunder, dass die Gustloff Eingang in die Weltliteratur findet – unter anderem mit der Novelle "Im Krebsgang" von Günter Grass (links im Bild mit Heinz Schön). Und auch mehrere Filmregisseure nehmen sich des Themas an. 
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV-Magazin "Barbarossa", am: 26.02.2008.)
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Geschichte

Die Wilhelm Gustloff
Die "Wilhelm Gustloff" ist als Luxusliner der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude" gebaut worden. Sie war das Traumschiff der Nazis und sollte das Versprechen einer klassenlosen Gesellschaft einlösen, mit dem auch die Nazis anfangs angetreten waren. In Wahrheit kamen nur wenige in den Genuss der Luxuskreuzfahrten. Bildrechte: IMAGO

Der Untergang der "Gustloff"

Die Wilhelm Gustloff
Das leer gepumpte Schwimmbad im Unterdeck: Hier schlagen die ersten Torpedos ein. Bildrechte: IMAGO

Die letzte und todbringende Reise des Schiffes beginnt Ende Januar 1945. Die Rote Armee rückt näher. Die "Wilhelm Gustloff" soll Flüchtlinge aus Ostpreußen über die Ostsee nach Westen bringen. Sie ist inzwischen militärisch grau gestrichen, obwohl für neutrale Schiffe die Farbe Weiß vorgeschrieben ist. 7.956 Menschen werden an Bord offiziell registriert, doch es wird geschätzt, dass weitere 2.500 Flüchtlinge den Weg auf die Decks fanden. Das Schiff konnte nur vier seiner 18 Motorrettungsboote für je 96 Personen mitnehmen. Vier Kapitäne sind an Bord. Sie ringen stundenlang miteinander um eine Antwort auf die Frage, wie und wann das Schiff seinen gefahrvollen Weg nehmen soll. Am Ende entscheidet einer der vier, dass das Schiff wegen seiner Überladung durch tiefere Gewässer fahren soll. Weil deutsche Minenleger unterwegs sind, werden Positionslichter gesetzt, um Kollisionen zu vermeiden. Die "Wilhelm Gustloff" ist nun leicht auszumachen.  Am Abend des 30. Januar, kurz nach 21 Uhr wird sie schließlich von drei sowjetischen U-Boot-Torpedos getroffen.

Grauenvolle Szenen im Unterdeck

Heinz Schön, Zeitzeuge der Wilhelm Gustloff
Der damals 18 Jahre alte Zahlmeister-Assistent überlebt den Untergang der "Gustloff". Bildrechte: IMAGO

Der Treffer mittschiffs hat das leer gepumpte Schwimmbad im Unterdeck getroffen, Notunterkunft vieler Marinehelferinnen. Dort spielen sich grauenvolle Szenen ab. "Unter den Füßen der Flüchtenden waren Menschenleiber, meist Frauen und Kinder, gefallen, niedergerissen, totgetrampelt", erinnert sich der Augenzeuge Heinz Schön, damals ein 18-jähriger Zahlmeister-Assistent. "Willenlos werde ich nach oben getragen, eingeklemmt in ein tobendes schreiendes Menschenbündel, in dem sich einer an den anderen klammert." Nur eine Hand voll Menschen entkommen der Todesfalle. "Auf den zwei Meter breiten Treppen hoch zu den Decks bildete sich schnell ein Teppich aus Toten", so Schön. Es starben Schwache, es starben Kinder, und es starben diejenigen, die den Gestrauchelten aufhelfen wollten.

Der Kampf um die Boote

Der Kampf um die Boote beginnt, so Schön. Vor ihnen stehen zwei Offiziere der Kriegsmarine mit entsicherten Pistolen: "Nur Frauen und Kinder!" Ein alter Pfarrer drückt Heinz Schön ein Baby aus der Entbindungsstation in die Hand, er selbst trägt die Mutter. Ein Leutnant schafft ihnen Platz. Die Katastrophe zeugt Helden. Marine-Oberstabsarzt Dr. Hellmut Richter räumt Krankenrevier und Geburtshilfestation nach rechtzeitig vorbereitetem Plan. Die Schwerverwundeten haben Vorrang. Eine junge Frau, die schon auf dem Tisch liegt, bekommt eine Spritze, die die Geburt stoppt, und wird in Decken nach oben getragen. "Gott hilf mir - bitte - Gott hilf mir", betet sie.

Fahrt durch eine Leichenfeld

Per SOS wird Hilfe herbeigefunkt. Torpedoboote nehmen Schiffbrüchige auf. Spätere Helfer fahren durch ein Leichenfeld. 10. 582 Menschen waren an Bord: 8.956 Flüchtlinge aus Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Pommern, davon rund 5.000 Kinder. 918 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der 2. Unterseeboot-Lehrdivision Gotenhafen. 373 Marinehelferinnen. 162 Schwerverwundete des Heeres. 173 kriegsverpflichtete Besatzungsmitglieder der Handelsmarine. 9.343 Menschen kommen um, 1.239 werden gerettet. Und am Ende geschieht noch etwas Unfassbares: mit einem Schlag springt die ganze Beleuchtung an, in vollem Glanz erstrahlt das Schiff und sinkt innerhalb einer Stunde. 

War die Versenkung ein Kriegsverbrechen?

Viele Überlebende hielten den Angriff für ein Kriegsverbrechen, weil hauptsächlich Frauen und Kinder an Bord waren. Aber Hitlers Reichsregierung selbst hatte die Ostsee am 11. November 1944 zum sogenannten Operationsgebiet erklärt. Deutsche Kriegsschiffe sollten auf alles feuern, was schwimmt. Und damit, da sind sich die Experten einig, galten für den Gegner die gleichen Rechte. Außerdem hatte die Sowjetunion nie eine der Konventionen zur Seekriegsführung unterzeichnet. Zudem hatten Matrosen kurz vor dem Auslaufen notdürftig ein paar Flakgeschütze auf das oberste Deck der "Gustloff" montiert. Sie war also bewaffnet und galt damit als Kriegsschiff.

Heute liegt das Wrack zwölf Seemeilen vor der polnischen Küste in 48 Metern Tiefe. In polnischen Seekarten ist es als Navigationshindernis Nr. 73 verzeichnet.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV-Magazin "Barbarossa", am: 26.02.2008 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2018, 09:21 Uhr

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