Halloren-Kugeln im Werksverkauf
Halloren-Kugeln im Werksverkauf Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

Orte der Arbeit im Osten Halloren: Eine Erfolgsgeschichte

Halloren-Kugeln im Werksverkauf
Halloren-Kugeln im Werksverkauf Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

Sahnecreme und Kakaomasse – eine Mischung, die bis heute ankommt. Teil der Hallenser Erfolgsgeschichte ist Andreas Patzenhauer. Sein ganzes Arbeitsleben hat er in der Schokoladenfabrik verbracht. In den 1970er-Jahren fing er als Produktionsplaner an. Groß waren damals seine Ziele, doch erreichen musste er vor allem eines:

Andreas Patzenhauer ehemaliger Mitarbeiter bei Halloren
Halloren-Urgestein Andreas Patzenhauer Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Im Sozialismus war die Planerfüllung oberstes Gebot. Wenn der Plan nicht erfüllt wurde, gab es richtig Ärger.

Arbeitskräftemangel in Halle

Die Hallorenkugeln wurden damals noch per Hand verpackt. Eine ziemlich aufwändige Arbeit, für die es oft schwer war, gutes Personal zu finden - gerade in Halle. Denn hier war der Arbeitskräftemangel zu DDR-Zeiten besonders groß. Die Leuna-Werke lagen ganz in der Nähe, das Chemie-Dreieck, alle brauchten Personal. Notgedrungen stellte sich der frischgebackene Akademiker auch selbst ans Band.

Offiziersfrauen für die Planerfüllung

Doch irgendwann hatte er die Nase voll. Und eine ziemlich verrückte Idee. Wieso nicht die Frauen sowjetischer Offiziere, die den ganzen Tag nichts zu tun hatten, als Arbeiterinnern anwerben? Kurzerhand fuhr er zur nächstgelegenen Kaserne in Halle. An das Gespräch mit den sowjetischen Kommandeuren kann er sich noch genau erinnern:

"Gleich hieß es: Prost! Auf die deutsch-sowjetische Freundschaft. Da wurden schon die ersten 100 Gramm getrunken, dann die zweiten. Naja, und dann ging es so weiter: trinken, essen, singen, trinken, essen, singen." Sein Mut wurde belohnt. Am Ende arbeiteten 15 sowjetische Offiziersfrauen im Werk. Mit ihrer Hilfe konnte Andreas Patzenhauer die Planvorgaben retten.

sowjetische Offiziersfrauen bei Halloren
Sowjetische Offiziersfrauen helfen bei Halloren aus. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Kurz vor dem Aus

Doch Arbeitskräfte waren nur das eine Problem. Im Laufe der 1980er-Jahre begann das Werk regelrecht zu verfallen. "Das Werk befand sich in einem Zustand, den kann man heute gar nicht mehr beschreiben, das glaubt einem kein Mensch. Die Dächer waren so beschädigt, dass es durchgeregnet hat. Wir haben Wannen aufgestellt, um das Wasser aufzufangen", erzählt Andreas Patzenhauer.

Auch nach der Wende blieb er Chef der Einkaufsabteilung, doch mit dem Werk ging es bergab. Denn zunächst wollte niemand mehr Schokolade aus dem Osten essen.

Ausnahme von der Regel

Dass es die Hallorenkugeln heute noch gibt, ist ein Glücksfall. Nach der Wende wurde das Werk 1992 als einer der letzten Betriebe von der Treuhand verkauft. Ein Investor aus Hannover sanierte das Werk für 20 Millionen Euro. Zwischenzeitlich gelang der Firma sogar der Sprung an die Frankfurter Börse. Andreas Patzenhauer hat fast 40 Jahre lang für die Hallenser Traditionspraline gearbeitet. In diesem Frühjahr geht er nun in Rente.

Nahaufnahme von frisch hergestellten Halloren-Kugeln
Frisch hergestellte Halloren-Kugeln Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Den Sprung ins Heute haben -  anders als das Hallorenwerk in Halle -  viele Großbetriebe der DDR nicht geschafft. Von den mehr als 8.000 Großbetrieben, die es zum Ende der DDR gab, wurden etwa dreiviertel geschlossen. Ganz Ostdeutschland hat binnen kürzester Zeit eine bis dahin beispiellose De-Industrialisierung erfahren.

Viele Orte der Arbeit sind heute Lost Places

Takraf Bleichert
Die TAKRAF-Werke Heute erinnert nicht mehr viel an den einstigen Stahl-Riesen aus Leipzig. Zu DDR-Zeiten war die TAKRAF - kurz für Tagebau-Ausrüstungen, Kräne und Förderanlagen - ein Großzentrum des Schwermaschinenbaus und beschäftigte insgesamt 26.000 Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Takraf Bleichert
Die TAKRAF-Werke Heute erinnert nicht mehr viel an den einstigen Stahl-Riesen aus Leipzig. Zu DDR-Zeiten war die TAKRAF - kurz für Tagebau-Ausrüstungen, Kräne und Förderanlagen - ein Großzentrum des Schwermaschinenbaus und beschäftigte insgesamt 26.000 Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
TAKRAF Bleichert
Der Betrieb verkaufte Gabelstapler in die halbe Welt, egal ob nach Äthiopien, Bosnien oder Griechenland. Das Geschäft florierte und die TAKRAF-Produkte waren gefragt - zumindest bis 1989. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Takraf Bleichert
Denn mit der Wende kam auch das Aus für den Stahlbau-Giganten. Tausende Arbeiter wurden arbeitslos, standen plötzlich auf der Straße. Seit 1993 liegt das Gelände brach und verfällt. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
TAKRAF Bleichert
Wie viele Großbetriebe der DDR hat auch die TAKRAF in ihrer damaligen Form den Sprung ins Heute nicht geschafft. Von den mehr als 8.000 Großbetrieben, die es zum Ende der DDR gab, wurden etwa drei Viertel geschlossen. Ganz Ostdeutschland hat damit binnen kürzester Zeit eine bis dahin beispiellose De-Industrialisierung erfahren. Was den Arbeitern der TAKRAF widerfahren ist, hat viele Menschen im Osten getroffen – auch in Riesa. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Verfallene Halle in Riesa, in der früher das Zündholzwerk war
Die Zündwarenwerke Riesa Unweit der Hochöfen der einstigen Stahlwerke steht die fast vergessene Industrie-Ruine der Zündholz-Fabrik. Hier wurden fast 70 Jahre lang Streichhölzer hergestellt. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Zündhölzer in Riesa
Die Zündwarenwerke Riesa werden 1976 zum Volkseigenen Betrieb. Bald ist Riesa der einzige Standort für die Streichholzproduktion in der DDR. Zu Hochzeiten arbeiteten hier 600 Menschen, die meisten davon Frauen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Riesa Zündhölzer
Die "Zündholz", wie die Fabrik von vielen genannt wurde, existiert heute nur noch in der Erinnerung ihrer einstigen Mitarbeiter. Der Betrieb konnte sich noch bis 1993 halten, dann wurde er abgewickelt und an einen westdeutschen Investor verkauft. Hunderte Menschen wurden über Nacht entlassen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Riesa Zündhölzer
Heute werden immer noch Zündhölzer und Feuerzeuge unter dem Riesaer Logo vertrieben, doch hergestellt werden sie nicht mehr in Sachsen, sondern in Osteuropa und Fernost. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Feinpapierfabrik Neu Kaliß Noch immer prägt die alte Papierfabrik den kleinen Ort Neu Kaliß in Mecklenburg-Vorpommern. Doch die meisten Produktionsgebäude und Wohnhäuser stehen leer. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Früher bevölkerten 400 Mitarbeiter das Areal. Die Papierfabrik war der Treffpunkt des Ortes, fast jede Familie war hier vertreten. Verschiedene Generationen standen zusammen in der Werkhalle. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Werk kurz vor dem Aus. Die Hallen waren stark beschädigt und die Maschinen wurden als Reparationsleistung nach St. Petersburg gebracht. Doch in der jungen DDR brauchte man Papier und so bauten ein paar Ingenieure und der alte Besitzer eine Maschine aus dem Nichts. Jedes Teil, jeder Bolzen wurde von den Männern selbst geschmiedet. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Trotz aller Engpässe und Schwierigkeiten lief die Papiermaschine bis zur Wende. Doch in den 90ern änderte sich viel für die Arbeiter der Papierfabrik. Die Treuhand verkaufte das Werk an den Papier-Giganten Melitta. Der übernahm Hallen, Maschinen und Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik Kaliß
Die Produktion in den alten Hallen war jedoch unrentabel. So wurde in dem Ort ein neues Werk gebaut. Ein Stück DDR-Geschichte lebt also in Neu Kaliß weiter, trotz aller Wendewirren und Umbrüche.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Orte der Arbeit - 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | jeweils 22:05 Uhr.)
Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der Doku-Reihe: Orte der Arbeit - 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | jeweils 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 14:47 Uhr

"Orte der Arbeit" zum Nachsehen

Anne Marie Splittgerber - VEB Getreidewirtschaft Pasewalk
Anne Marie Splittgerber - VEB Getreidewirtschaft Pasewalk Bildrechte: MDR/Andreas Stahl
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Anne Marie Splittgerber - VEB Getreidewirtschaft Pasewalk
Anne Marie Splittgerber - VEB Getreidewirtschaft Pasewalk Bildrechte: MDR/Andreas Stahl
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