Den Sozialismus in seinem Lauf... Erich, Ochs und Esel

Noch am 14. August 1989, nur knapp drei Monate vor dem Mauerfall, ist Erich Honecker fest vom Sieg des real existierenden Sozialismus in der DDR überzeugt. "Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf", betont der SED-Chef selbstsicher in Erfurt. Doch die Bürger verlassen ihr Land längst in Scharen.

Erich Honecker ist sichtlich stolz an jenem 14. August 1989. Im VEB Kombinat Mikroelektronik "Karl Marx" in Erfurt wird ihm an diesem Tag nämlich ein neu entwickelter 32-Bit-Mikroprozessor feierlich übergeben. Für die DDR ist die Entwicklung dieses Mikroprozessors tatsächlich eine enorme Leistung - international jedoch hinkt die kleine sozialistische Republik auf diesem Gebiet fast ein Jahrzehnt hinterher. Doch das ficht Honecker keineswegs an. Für ihn ist der Mikroprozessor ein sichtbarer Beleg für die Überlegenheit des Sozialismus und überdies ein würdiger Beitrag zum anstehenden Republikgeburtstag im Oktober: "Alles in Allem unterstreicht die Entwicklung der Mikroelektronik in der Deutschen Demokratischen Republik die Richtigkeit des von uns eingeschlagenen Weges", betont er wacker in seiner kurzen Dankesrede.

Ausdruck einer seltsamen Entrücktheit

Alsdann knöpft sich Honecker, der eine Woche zuvor das Gipfeltreffen der RGW-Staaten in Bukarest krankheitshalber hatte verlassen müssen, die westlichen Staaten, allen voran natürlich die Bundesrepublik, vor: "Und zugleich stellen wir unter Beweis, dass das Triumphgeschrei westlicher Medien über das Scheitern sozialistischer Gesellschaftskonzeptionen nicht das Geld wert ist, wofür es ausgegeben wird." Ganz im Gegenteil, denn Honecker fährt fort: "Den Sozialismus, so sagt man bei uns immer, in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf. Diese alte Erkenntnis der deutschen Arbeiterbewegung findet durch die große Initiative der Werktätigen der DDR ihre aktuelle Bestätigung." Tatsächlich handelt es sich bei dem Satz, der auch die biblische Szenerie im weihnachtlichen Bethlehem erinnert, um ein geflügeltes Wort der deutschen Sozialdemokratie. Honeckers trotzige Rede mit jenem berühmten Zitat wird von westlichen Kommentatoren jedenfalls umgehend als Ausdruck einer seltsamen Entrücktheit, als Realitätsverlust oder schlicht als Altersstarrsinn gedeutet.

Tausende verlassen das Land

Vor der bundesdeutschen Botschaft in Prag warten  am 4. Oktober 1989 DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik ausreisen möchten
DDR-Bürger in der Prager Botschaft der Bundesrepublik im Oktober 1989 Bildrechte: dpa

Die DDR befindet sich in jenen Monaten im Sommer 1989 bereits in einem Zustand der Erosion. Tausende Menschen verlassen das Land. Viele von ihnen suchen Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Budapest, um auf diese Weise ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. In der DDR selbst erstarkt mit jedem Tag eine Oppositionsbewegung, die die Umgestaltung des sozialistischen Systems fordert. Honeckers bizarre Worte lösen bei den meisten DDR-Bürgern nur noch bitteres Gelächter aus.

Gorbatschows Antwort

Erich Honecker verwendet das gute alte Zitat der Sozialdemokratie später noch einmal - und zwar auf der Feier zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989 im "Palast der Republik". Und aus Michail Gorbatschows Antwort "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren", wird dann das noch bekanntere geflügelte Wort: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Honeckers letzte Reise" 26.05.2019 | 20:15 Uhr