Hintergrund Honecker und Breschnew - Die Jäger Oder: Politik im Wald

Eigentlich ein eher feudales Gebaren wird das Jagen seit Mitte der 1950er-Jahre zu einem wichtigen Statussymbol der Ost-Berliner Funktionäre. Das liegt nicht zuletzt an Honeckers Passion für die Jagd, während Ulbricht sich dafür nicht sonderlich interessiert. Er schickt Honecker im Oktober 1964 an seiner statt als "Ehrenbegleiter" auf die Jagd mit dem Besuch aus der Sowjetunion. Ohne es zu ahnen, bringt er Honecker so auf seinem Weg an die Macht ein gutes Stück voran.

Eine 20 Jahre währende Männerfreundschaft beginnt 1964 in der Schorfheide: Breschnew und Honecker gehen seitdem immer wieder gemeinsam auf die Jagd so wie hier im Jahr 1967.
Eine 20 Jahre währende Männerfreundschaft beginnt 1964 in der Schorfheide: Breschnew und Honecker gehen seitdem immer wieder gemeinsam auf die Jagd - so wie hier im Jahr 1967. Bildrechte: BStU

Kurz vor dem 15. Jahrestag der DDR-Gründung trifft am 5. Oktober 1964 eine sowjetische Delegation in Ost-Berlin ein. Angeführt wird sie von Leonid Breschnew, der zweite Mann in der UdSSR hinter Nikita Chruschtschow. Chruschtschow, einst sein Förderer, stößt mit seinen Reformbemühungen zunehmend auf Widerstand im eigenen Land.

Nicht viel anders geht es Walter Ulbricht. Sein "Neues Ökonomisches System" setzt auf Experten ohne Parteibuch. Viele Funktionäre sehen ihren Einfluss und ihre einträglichen Posten in der Wirtschaft gefährdet. Als er nun Breschnew eindringlich über seine Reformen und Wirtschaftstheorien aufklären will, schützt der sowjetische Ehrengast Übelkeit vor.

Aus Verärgerung nimmt Ulbricht am Folgetag nicht am Jagdvergnügen in der Schorfheide teil, sondern schickt Honecker als "Ehrenbegleiter" Breschnews.

Breschnew sagte, er hat mich da wie einen Schuljungen behandelt, hat mir erklärt, was in der Wirtschaft richtig ist und was wir falsch machen in der UdSSR. Und da begann eigentlich schon Breschnews Groll auf Ulbrichts Besserwisserei.

Klaus Taubert, damals Journalist bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN Geschichte Mitteldeutschlands

Ein verhängnisvoller Fehler, nicht nur weil beide passionierte Jäger sind.

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Ulbricht verpasst 1964 ein Jagdvergnügen und bringt die Männerfreundschaft zwischen Honecker und Breshnew auf den Weg.

MDR FERNSEHEN So 19.08.2012 20:15Uhr 01:27 min

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Zwei Männer aus der zweiten Reihe

Honecker und Breschnew sind zwei Männer aus der zweiten Reihe. Beide kommen aus einfachen Verhältnissen und gehören seit ihrer Jugend zu den Aufsteigern im Parteiapparat. Beide wollen an die Spitze der Macht, der eine in Ost-Berlin, der andere in Moskau. Auf der Jagd in der Schorfheide haben sie Zeit, sich auszutauschen. Es ist der Beginn einer folgenreichen, 20 Jahre währenden Männerfreundschaft. Wenige Tage nach der Unterredung in der Schorfheide stürzt Breschnew den bisherigen Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, als Parteichef und nimmt selbst dessen Stelle ein.

Ulbrichts letzter Schachzug: Die Absetzung seines Ziehsohns

Jetzt scheint auch Honeckers Zeit gekommen. Ulbricht gerät mit seinem Kurs der Liberalisierung zunehmend in die Isolation. Zum Streitpunkt wird auch die Deutschland-Politik. Im März 1970 kommt Willy Brandt zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen nach Erfurt. Ulbricht zielt auf einen vorsichtigen Dialog, Honecker hält davon nichts und weiß die sowjetische Führung hinter sich. Als Brandt in Erfurt eintrifft, spielen sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit unbeschreibliche Szenen ab. Nach den Ereignissen hat Ulbricht in der Deutschlandpolitik ausgespielt. Den Gegenbesuch in der Bundesrepublik macht Staatsratsvorsitzender Willi Stoph. Das Treffen in Kassel koordiniert Erich Honecker. Ulbricht weilt in einem Sanatorium bei Moskau.

Je mehr Widerstand sich gegen Ulbricht regt, desto mehr wagt sich Honecker aus der Deckung. Ulbricht erkennt endlich, dass er gegen seinen einstigen Ziehsohn vorgehen muss. Am 1. Juli 1970 ruft er zu einer außerordentlichen Politbürositzung zusammen und setzt Honecker als 2. Sekretär einfach ab. Keiner wagt ihm zu widersprechen.