"Tauwetter": Zum 50. Todestag von Ilja Ehrenburg

von Claudia Gründer

Im September 1954 wird ein Roman an die Moskauer Buchhandlungen ausgeliefert, der bei einer Auflage von 45.000 binnen weniger Stunden ausverkauft ist. Was hat es mit diesem Buch auf sich? Der Titel des Bestsellers von Ilja Ehrenburg lautet "Tauwetter" und ist vielen heute als Symbolbegriff für Entstalinisierung und die Liberalisierungspolitik Nikita Chruschtschows, dem Nachfolger Stalins, bekannt. Ilja Ehrenburg, damals ein im In- und Ausland bekannter und auch streitbarer Journalist und Schriftsteller, hatte mit seinem Werk den Nerv der Zeit getroffen.  Auf überzeugende Weise gelang es ihm, die Hoffnungen und Probleme einzufangen, die die sowjetische Leserschaft nach dem Tode Stalins bewegten. Nach Jahren voller Angst, Willkür und stalinistischem Terror sehnten sich die Menschen nach Lockerungen und Freiheit. Im Rückblick scheint es nicht verwunderlich, dass gerade Ehrenburg – ein russischer Schriftsteller jüdischer Abstammung, diesen Roman verfasst hat.

Ein Getriebener seiner Zeit

Ilja Ehrenburg war ein "Getriebener" seiner Zeit, politische Entwicklungen im Zarenreich, später in Sowjetrussland bestimmen sein Leben und Schaffen wesentlich. Vor allem seine jüdische Abstammung bringt ihm erhebliche Probleme ein, ebenso seine zeitweisen Emigrationen nach Westeuropa sowie sein Verhältnis zu Josef Stalin. Unter dem Despoten schwankt Ehrenburgs Dasein zwischen  (scheinbarer) Begünstigung, Instrumentalisierung, Bedrohung und Zensur. Ein Leben und Schreiben am Abgrund, wie der deutsche Literaturkritiker Peter Hamm treffend zusammenfast.

"Ilja Ehrenburg war zeitlebens ein Zerrissener und Getriebener, zerrissen zwischen Ost und West, zwischen seiner Liebe zu Russland und der zu Frankreich, getrieben von der Geschichte, die einen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der Russe und zugleich Jude war, zwang, zwischen Anpassung und Verfolgung zu wählen (…)"

Leben zwischen Ost und West

Am 14.01.1891 wird Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg in Kiew geboren. Seine Familie ist jüdisch, praktiziert den Glauben jedoch nicht. 1895 siedelt die Familie nach Moskau um. Hier muss Ehrenburg erste antisemitische Provokationen am Moskauer Gymnasium ertragen, diese Erfahrung ist prägend. Nach der gescheiterten Revolution von 1905 schließt er sich einer bolschewistischen Untergrundgruppe an. Ehrenburg ist überzeugt davon, dass nur ein Sturz des zaristischen Regimes einen Ausweg für Russland bedeutet – auch für Russlands Juden. Er verteilt Flugblätter, besetzt zusammen mit gleichgesinnten Studenten die Universität. Aufgrund seiner "revolutionären Tätigkeiten" wird Ilja Ehrenburg noch vor seinem Abitur vom Gymnasium ausgeschlossen, 1908 von der Geheimpolizei verhaftet und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung kann der Vater gegen eine hohe Kaution einen Kuraufenthalt für seinen Sohn im Ausland erwirken. Auf diesem Wege gelangt der jungen Ehrenburg zum ersten Mal nach Paris – und bleibt. Die Stadt wird für einige Jahre seine neue künstlerische und geistige Heimat. Hier lernt er viele Künstler kennen, darunter Picasso, Chagall, Zadkine. Zu Beginn des 1. Weltkrieges meldet Ehrenburg sich als Freiwilliger bei der französischen Armee, wird aber abgewiesen. Diese Zurückweisung ist die Geburtsstunde des Journalisten Ehrenburg, der sich von nun an als Kriegsberichterstatter betätigt, später auch im Spanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg.

Die Schriftstellerin Anna Seghers (l) im Gespräch mit dem sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg anläߟlich des Deutschlandtreffens in Berlin (undatierte Aufnahme).
Gespräch unter Kollegen: Ilja Ehrenburg mit der deutschen Schriftstellerin Anna Seghers. Bildrechte: dpa

 1917 kehrt er nach Russland zurück. In diesen frühen Jahren des Umbruchs begegnet er vielen Dichtern, die ihn beeindrucken und die später unter Stalin verfemt werden, unter ihnen: Boris Pasternak, Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam. Für Ehrenburg selbst beginnt eine sehr produktive Schaffensperiode, erste Romane, Gedichte und Erzählungen entstehen. Er entdeckt für sich und sein Schaffen die Kraft der Ironie und der Satire, verarbeitet auf diese Weise jüdische Themen bzw. antisemitische Strömungen in seinem Heimatland.  In den 1920er und 1930er gilt er als Modeschriftsteller und wird sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen gern gelesen. 1921 gelangt er über Paris und Brüssel nach Berlin, wo er bis 1923 lebt. Er schreibt in dieser Zeit neben zahlreichen Reportagen und Reiseberichten fünf literarische Werke. Auch seine journalistischen Texte in dieser Zeit sind angesehen und gelobt, er gilt als ein aktiver, sich in politische und kulturelle Diskussionen einbringender Intellektueller. Dabei versucht Ehrenburg stets eine Mittlerrolle zu spielen: dem Westen die Sowjetunion zu erklären und den Sowjetbürgern ein Fenster in den Westen zu öffnen.

Antisemitismus – Leben am Abgrund

Ehrenburg hat sich nie vom Judentum distanziert, so erklärt er 1961 anlässlich seines 70. Geburtstages: "Ich bin ein russischer Schriftsteller. Und so lange auf der Welt nur ein einziger Antisemit existiert, werde ich auf die Frage nach der Nationalität stolz antworten: "Jude".

Ehrenburg, der ab 1940 wieder ständig in der Sowjetunion lebt,  gibt sich lange der Illusion hin, der Antisemitismus wäre ein Relikt der Zarenzeit bzw. eine Domäne Nazideutschlands. Hitler war sein Erzfeind. Den stalinistischen Terror erkennt Ehrenburg zwar, stellt ihn aber vorerst "hintenan", weil er für sein Vaterland einstehen möchte und somit auch für Stalin, der sich, so glaubt nicht nur Ehrenburg, gegen die Weltgefahr des Faschismus stellt. Ehrenburg erlebt den Einmarsch der deutschen Wehrmacht als Korrespondent der sowjetischen Zeitung "Iswestija" [Nachrichten] in Paris. Plötzlich muss er aber die schmerzliche Erfahrung machen, dass seine Artikel in seiner Heimat nicht mehr gedruckt werden.  Erst später wird er sich bewusst, dass dies mit seiner jüdischen Herkunft zu tun hat, denn seit dem Hitler-Stalin-Pakt waren Artikel mit antifaschistischem Anklang nicht opportun. Für Ehrenburg bricht eine Welt zusammen, die Kollaboration zwischen Stalin und Hitler führt zu einem psychischen Zusammenbruch.

Ehrenburg als Kriegsreporter

Ilja Ehrenburg
Während des Zweiten Weltkrieges macht sich Ehrenburg weltweit einen Namen als Kriegsreporter. Bildrechte: IMAGO

Der Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Jahre 1941 rettet Ehrenburg jedoch in gewisser Weise: nun ist es das Gebot der Stunde, Faschisten und ihre Verbrechen wieder beim Namen zu nennen. Ehrenburg wird in den  Kriegsjahren zum einflussreichsten Kriegsreporter und Propagandisten. Er schreibt über 2000  Kriegsartikel und Aufrufe, die bald in der ganzen Welt, auch in den USA nachgedruckt werden und sich vor allem bei den Soldaten der Roten Armee großer Beliebtheit erfreuen. Diese Texte und Appelle sind von tiefem Hass durchzogen, rufen zum Töten auf, warnen vor den Gräueltaten deutscher Soldaten. Und diese Texte sind es auch, die Ehrenburg streitbar machen. Seine Kritiker werfen ihm vor, Kriegshetze betrieben zu haben und somit indirekt verantwortlich zu sein für Kriegsverbrechen der sowjetischen Armee an der deutschen Bevölkerung. Die Auseinandersetzung darüber mündete 2001 in Rostock in dem Streit, die "Ilja-Ehrenburg-Straße" umzubenennen. Die Junge Union hatte einen Antrag dazu eingereicht, später auch die NPD. Bis heute trägt die Straße keinen anderen Namen, die Debatten um Ehrenburg leben aber regelmäßig auf und erhitzen die Gemüter, auf beiden Seiten.

Ilja Ehrenburg hat sich in seinen Memoiren "Menschen, Jahre, Leben" zu seiner Propaganda-Tätigkeit  im Zweiten Weltkrieg folgendermaßen geäußert:

Das Hassen ist mir nicht leicht gefallen. (…) Nur echter, abgrundtiefer Hass konnte dem Faschismus Einhalt gebieten. Ich wiederhole, das war nicht leicht. Wie oft überkam mich großes Mitleid! Am ärgsten hasse ich den Faschismus vielleicht gerade deswegen, weil er mich zwang, nicht nur eine hirnverbrannte unmenschliche Idee, sondern auch ihre Träger zu hassen.

Das Schwarzbuch - Ehrenburgs Engagement für Juden

1941 gründet Ehrenburg zusammen mit anderen angesehenen jüdischen Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen in Moskau das "Komitee Jüdischer Antifaschisten". In Radio-Aufrufen wenden sie sich v.a. an die Juden Amerikas, und fordern sie auf, ihre Regierung zum Kriegseintritt gegen Nazideutschland zu motivieren. Auf Anregung Albert Einsteins beginnt das Komitee seit Sommer 1943 Dokumente über die Ermordung der Juden auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion zu sammeln, die in einem Schwarzbuch veröffentlicht werden sollen. In der Sowjetunion wird das Werk allerdings niemals gedruckt, 1980 erscheint es erstmals in Israel, 1994 in Deutschland. Es ist bis heute die weltweit größte Dokumentensammlung zur Shoah. Dieses Werk wird zahlreichen Mitgliedern des Komitees zum Verhängnis: hunderte Kollegen Ehrenburgs werden 1948 in einem Geheimprozess zum Tode verurteilt. Der Tod Stalins 1953 rettet Ehrenburg zwar vor weiteren willkürlichen Repressionen, nicht aber vor Angriffen staatsnaher Schriftsteller wie Michail Scholochow oder den Widersprüchen der sowjetischen Kulturpolitik, die auch in der "Tauwetter-Zeit" existieren. Ehrenburgs literarische Schaffenskraft leidet sehr darunter, so dass seine späten Romane in der Qualität kaum vergleichbar sind mit seinem Frühwerk. Am 31.08.1967 stirbt Ilja Ehrenburg in Moskau. In einem Nachruf auf ihn in der ZEIT resümiert der Journalist Roman Braun Ehrenburgs literarisches Schaffen folgendermaßen:

"Mit Ausnahme einiger früher Romane sind Ehrenburgs Bücher routinierte Reportagen, journalistisch durchaus geschickt geschriebene Auseinandersetzungen mit seiner Zeit. Sie sind Dokumente einer Zeit, in der differenziertes Denken nicht eben hoch im Kurs stand, in der vielmehr schon der leiseste Zweifel lebensgefährliche Folgen zeitigen konnte." aus: ZEIT 36/1967

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2017, 09:23 Uhr