Impfung eines Kindes in den Oberarm
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe" Stiche für die DDR - Impfen im Sozialismus

Der Herbst ist da und damit beginnt die Grippe-Saison. Ärzte empfehlen daher eine Schutz-Impfung. Zu DDR-Zeiten war Impfen eine Staatsangelegenheit. Vielmehr noch: Mit verordneten Impfprogrammen wurde Politik gemacht - ein Wettstreit der Systeme.

von Stephan Liskowsky

Impfung eines Kindes in den Oberarm
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Volksgesundheit und die Überlegenheit des sozialistischen Systems - darum ging es der DDR beim Impfen. Ein Anspruch, der in der Losung gipfelte: "Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe". Seit den 1950er-Jahren setzte die DDR eine gesetzliche Impfpflicht durch, die immer umfassender wurde: gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkolose und ab den 1970er-Jahren auch gegen die Masern. Empfohlen wurde, wie auch heutzutage, eine Grippe-Impfung. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr bekamen Heranwachsende insgesamt 20 Schutzimpfungen - staatlich verordnet.

Impfen in der DDR erfolgreich

Die Erfolge der DDR-Impfprogramme waren enorm. Die Krankheitszahlen sanken rapide nach deren Einführung. Besonders spektakulär beim Kampf gegen die Kinderlähmung, zumal im Vergleich mit dem Westen. Während im individualisierten Westen 1960 noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen immunisiert gegen die Kinderlähmung.

Malte Thießen
Malte Thießen, Professor für Geschichte in Münster. Bildrechte: Universität Oldenburg

"Auf diesem Feld gab es Anfang der 1960er-Jahre einen regelrechten Wettbewerb der Systeme", erklärt Malte Thießen. Der Professor für Geschichte in Münster hat das Impfen in beiden deutschen Staaten untersucht und vergleicht die Politik hinter dem Pieksen - ein föderales System im Westen gegenüber einem planwirtschaftlich organisierten Staat, in dem die Gesundheit Verfassungsrang hatte und alle Maßnahmen zentral vom Ministerium für Gesundheitswesen in Ostberlin gesteuert wurden. Gegenüber standen sich individuelle Persönlichkeitsrechte versus Volksgesundheit, der sich der Einzelne unterzuordnen hatte - auch im Interesse des Sozialismus. "Prophylaxe und Sozialismus bildeten damals ein untrennbares Amalgam. Wer Impfungen ablehnte, der stimmte in den Augen der Staatsführung auch dem Sozialismus nicht zu."

Impfmüdigkeit im Osten

Dieser Anspruch barg allerdings ein Risiko, das eigentlich nicht sein durfte: Impfmüdigkeit im Osten, spontane Krankmeldungen vor Impfterminen, Verweigerung der Spritze, skeptische Eltern. In einigen Bezirken, beispielsweise in Rostock und Cottbus, lag die Impfrate teilweise unter 50 Prozent. Fehlte hier das richtige Klassenbewusstsein? Die DDR reagierte auf ihre Weise - mit Dauerimpfstellen und Massenimpfungen in Ferienlagern, Schulen und Betrieben. Die mitunter rigorose Impfpolitik im Osten zeigte Wirkung.

Entwicklungshilfe aus dem Osten

"Kurz vor dem Mauerbau war klar, dass dieser Vorsprung auch propagandistisch genutzt wird", so Professor Thießen. Im Juni 1961 bot Willi Stoph, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates, der Bundesrepublik drei Millionen Impfdosen an - als humanitäre Geste für das von Polio heimgesuchte Ruhrgebiet, mit bereits 42 Toten. Gesundheitspolitische Entwicklungshilfe aus dem Osten, die Konrad Adenauer ablehnte. Der Impfstoff sei der Bundesregierung zu unsicher. Das "Nein" Adenauers wurde der DDR-Bevölkerung über alle Massenmedien kommuniziert. Der Westen wurde zum Kontrastmittel des erfolgreichen Ostens. Hier gesunde Werktätige, dort gefährliche Seuchengebiete und hohe Krankheitszahlen. Kurz vor dem Mauerbau warnte das DDR-Fernsehen vor eingeschleppten Krankheitserregern aus dem Westen. Wer als Bundesbürger in den Osten reiste, dem wurden sogar kostenlos Impfungen angeboten. Professor Malte Thießen: "Gesundheit stand für die Früchte sozialistischer Fortschritte und damit für den Erfolg des Sozialismus selbst." Doch trotz propagierter Vorsorge fiel die DDR in den folgenden Jahrzehnten hinter ihre eigenen Ansprüche zurück.

Die Immunschwäche der DDR

Seit Ende der 1970er-Jahre geriet die DDR beim Impfen mehr und mehr ins Hintertreffen. Es gelang nicht, Mehrfachimpfungen zu entwickeln, wie es die großen Pharmariesen im Westen vorgemacht hatten. Wegen der hohen Zahl an Impfterminen nahm die Impfmüdigkeit der DDR-Bürger zu. Auch Epidemien, wie die besiegt geglaubten Masern, erreichten in den 1980er-Jahren wieder Ostberlin. Der Impfstoff versagte immer häufiger, auch weil die Apparaturen in der Produktion uralt waren und selbst der Gummi, mit dem die Ampullen verschlossen wurden, qualitativ immer schlechter und spröder wurde.

Am Ende der DDR war die Gesundheit der Ostler trotz verfassungsmäßiger Garantie schlechter als die der Bundesbürger. Allen Gesundheits- und Impfprogrammen zum Trotz war die Lebenserwartung im Osten 1989 um fast drei Jahre niedriger als im "siechen" Westen. Dem Ruf hat das nicht geschadet. Malte Thießen erreichen immer wieder Briefe und E-Mails ehemaliger DDR-Bürger, in denen vom Dank an das Gesundheitssystem der DDR die Rede ist, vor allem auch für die gut organisierten Impfprogramme:

Das kollektive Sicherheitsversprechen steht noch heute für die guten Seiten des Sozialismus. In der Retrospektive lässt sich schon fast vom letzten Sieg des Sozialismus sprechen.

Malte Thießen Professor für Geschichte in Münster

Über dieses Thema berichtete der MDR: MDR AKTUELL | 21.09.2017 | 07:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 10:32 Uhr