Nische im System Private Landwirtschaft in der DDR

Einen halben Hektar Land durften DDR-Bauern nach ihrem oft erzwungenen Beitritt zur LPG in Eigenregie bewirtschaften. Da das Wort "privat" verpönt war, sprach man von "individuellen Hauswirtschaften". Was hier erwirtschaftet wurde, war beachtlich. Die LPG-Bauern hatten ein Zubrot, der Staat schloss Versorgungslücken - und untergrub seine eigene Politik. Denn Vorteile der LPG-Mitgliedsschaft, wie Urlaub oder Acht-Stunden-Tage, wurden durch die "zweite Schicht" der Privatwirtschaft zunichte gemacht.

Erbsen-Preisschild
Obst und Eier kamen in etwa zur Hälfte aus dem Privatsektor, Gemüse zu gut einem Viertel. Ohne Privaterzeuger wäre das Angebot in den Kaufhallen der DDR also noch um einiges dürftiger gewesen. Bildrechte: DRA

Auch im thüringischen Großengottern hatten die meisten in der LPG ihre "I-Fläche", wie die persönlichen Wirtschaften auch genannten (der Buchstabe I steht für "individuell"). Es gab aber eine Besonderheit, die das einstmals reiche Bauerndorf von den anderen LPG-Dörfern unterschied: Hier bauten fast alle Gurken an. Denn dafür war Großengottern bereits im 19. Jahrhundert bekannt.

Zuverdienst zum kargen LPG-Lohn

Auch Thea Heyer, damals LPG-Sekretärin, und Harald Dowideit, seines Zeichens Brigadier, bauten das Gemüse an, das Großengottern schon immer einen gewissen Wohlstand bescherte. Einige Tausend Mark pro Saison konnte man damit erwirtschaften - gemessen an den Löhnen in der DDR und insbesondere in den LPGs ein stattlicher Betrag. Um Absatz musste sich niemand Gedanken machen - im Ort existierten acht Verarbeitungsbetriebe mit dem bekannten VEB Rokofa an der Spitze. Doch es war kein leicht verdientes Geld, erinnern sich die Zeitzeugen. Alle zwei bis drei Tage ging es nach der LPG-Schicht noch aufs eigene Feld.

Thea Heyer und Harald Dowideit sitzen am Tisch und erinnern sich gemeinsam zurück.
Thea Heyer und Harald Dowideit erinnern sich zurück: Großengottern war bekannt für seine Gurken. Schon als Kinder halfen sie bei der Ernte. Bildrechte: MDR

Wir sind nach Hause gekommen, haben uns umgezogen und dann ging es raus, mit Autoanhänger, leeren Säcken und Körben. Jeder hat seine Reihe gekriegt, die Kinder und wir, und dann ist man durchgegangen. Man musste die Gurken suchen, die Blätter hochheben, da waren die kleinen bestbezahlten Gurken. Und weil die Blätter stacheln, hatten wir Gummihandschuhe an.

Thea Heyer, ehemalige LPG-Sekretärin

Doch die Plackerei lohnte sich. Mit dem Gurkengeld konnten die LPG-Mitarbeiter nicht nur ihren Lebensstandard steigern oder die Häuser und Gehöfte renovieren, sondern sich auch so manche Extravaganz leisten. Thea Heyer schwärmt heute noch von den zwei Ungarn-Urlauben, die die Familie mit dem Erlös aus der individuellen Hauswirtschaft machen konnte. "Doch der Urlaub war teuer, dann war das Gurkengeld alle", sagt Heyer lachend.

Gurkenanbau in Großengottern im 19. Jahrhundert: Mit Pferd, Holzkarren und Korb in der Hand
Pferd, Holzkarren und geflochtene Körbe: Schon im 19. Jahrhundert baute man Gurken in Großengottern an Bildrechte: privat

Mit dem Geld wurden Wohnungseinrichtungen gekauft, Möbel, Kühlschränke, Gefrierschränke, denn nur von dem normalen Lohn aus der LPG und durch Sparen war das schlecht möglich.

Harald Dowideit, ehemaliger Brigadier in der LPG

Ähnlich wie in Großengottern ging es fast überall auf dem Land in der DDR zu - nur die erzeugten Produkte waren anders. Viele LPG-Bauern hielten sich auch ein paar Tiere - eigene kleine Ställe hatten sie meistens noch aus der Zeit vor der Kollektivierung.

Geschichte

Agitationsplakate für die LPG

"Der Sozialismus erobert das Dorf!", "Unser Platz ist in der LPG" - mit diesen und anderen Aufrufen auf Plakaten wurde in den 50er und 60er-Jahren in der DDR für den Eintritt in die Genossenschaft geworben.

Mit diesem Agitations-Plakat sollten 1958 die "werktätigen Bauern" in fünf Dörfern in der Priegnitz für die "sozialistische Großlandwirtschaft" gewonnen werden.
Mit diesem Agitations-Plakat sollten 1958 die "werktätigen Bauern" in fünf Dörfern in der Priegnitz für die "sozialistische Großlandwirtschaft" gewonnen werden. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Mit diesem Agitations-Plakat sollten 1958 die "werktätigen Bauern" in fünf Dörfern in der Priegnitz für die "sozialistische Großlandwirtschaft" gewonnen werden.
Mit diesem Agitations-Plakat sollten 1958 die "werktätigen Bauern" in fünf Dörfern in der Priegnitz für die "sozialistische Großlandwirtschaft" gewonnen werden. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Auf diesem Agitations-Plakat der SED-Kreisleitung von Gnevsdorf, einem kleinen Ort in der Priegnitz, ruft ein Traktorist, Genosse Heinz Lalla, 1963 die Traktoristen seines Kreises auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls der Landwirtschaftlichen Genossenschaft beizutreten.
Auf diesem Agitations-Plakat der SED-Kreisleitung von Gnevsdorf, einem kleinen Ort in der Priegnitz, ruft ein Traktorist, Genosse Heinz Lalla, 1963 die Traktoristen seines Kreises auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls der Landwirtschaftlichen Genossenschaft beizutreten. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Aufruf der "Kreisagitations-Kommission" Parchim  zum Eintritt in die LPG  aus dem Jahr 1960.
Aufruf der "Kreisagitations-Kommission" Parchim zum Eintritt in die LPG aus dem Jahr 1960. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Agitationsplakat zur "Frühjahrsbestellung auf neue Art", nämlich "in der Genossenschaft", der SED-Bezirksleitung Schwerin 1960.
Agitationsplakat zur "Frühjahrsbestellung auf neue Art", nämlich "in der Genossenschaft", der SED-Bezirksleitung Schwerin 1960. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Mit diesem Plakat aus dem Jahr 1959 versuchte die SED-Kreisleitung Perleberg, Abteilung Agitation, Propaganda und Kultur, den Bauern die vermeintlichen Vorteile der genossenschaftlichen Produktion zu verdeutlichen.
Mit diesem Plakat aus dem Jahr 1959 versuchte die SED-Kreisleitung Perleberg, Abteilung Agitation, Propaganda und Kultur, den Bauern die vermeintlichen Vorteile der genossenschaftlichen Produktion zu verdeutlichen. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
Tipps zur Erzielung hoher Legeleistungen, verfasst von der SED-Kreisleitung Schwerin-Land im Jahr 1963.
Tipps zur Erzielung hoher Legeleistungen, verfasst von der SED-Kreisleitung Schwerin-Land im Jahr 1963. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig
1960 gab der Vorstand der LPG "Befreite Erde" in Viesecke, einem Dorf in der Priegnitz, dieses Agitationsplakat bei der Druckerei "Freundschaft" in Wittenberge in Auftrag.
1960 gab der Vorstand der LPG "Befreite Erde" in Viesecke, einem Dorf in der Priegnitz, dieses Agitationsplakat bei der Druckerei "Freundschaft" in Wittenberge in Auftrag. Bildrechte: Staatsarchiv Leipzig
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Absurde Preispolitik

Staatliche Aufkaufstellen waren verpflichtet, den Privaterzeugern alles abzunehmen. Und das zu festen Preisen, die meist deutlich über denen lagen, die der Endverbraucher später in der Kaufhalle zahlen musste. Wirtschaftlich gesehen war das absurd, doch die DDR wollte um jeden Preis die Versorgungslücken schließen, ohne auf Lebensmittel aus dem Ausland zurückgreifen zu müssen. Denn für die musste man Devisen hinblättern, die bekanntlich knapp waren. Die Diskrepanz zwischen den staatlich festgesetzten Einkaufs- und Verkaufspreisen machte die kleinbäuerlichen Hauswirtschaften äußerst lukrativ.

Doch das ist nicht die einzige Absurdität, die mit den individuellen Hauswirtschaften zusammenhängt. Ein weiteres Problem waren die stark subventionierten Preise für Grundnahrungsmittel im Einzelhandel. So wurden zum Beispiel Brot und Brötchen an Tiere verfüttert, weil sie in der DDR weit unter ihren Herstellungskosten über den Ladentisch gingen. Das sollte der Versorgung der Bevölkerung dienen, lud aber zum Missbrauch ein - denn es war viel billiger, die "individuellen" Schweine mit Brot statt Getreide zu mästen.

Jugendliche im Einsatz bei der Kartoffelernte der LPG Dahme
Erstmals in der Geschichte hatten Bauern in der LPG geregelte Arbeitszeiten, Urlaub und Krankengeld. Doch wegen der zusätzlichen Arbeit auf dem individuellen Feld blieb nicht viel übrig von der neu gewonnenen Freizeit. Bildrechte: IMAGO

Ein Dorf mit unglaublichem Appetit

Das Ausmaß dieser Verschwendung förderte im Sommer 1980 eine Untersuchung der Arbeiter- und Bauerninspektion (ABI) im mecklenburgischen Kasendorf zutage. Dort kam heraus, dass die örtliche Konsum-Verkaufsstelle wöchentlich sagenhafte 730 bis 1.200 Schwarzbrote, 210 Mischbrote und täglich rund 20 Kisten Buttermilch absetzen konnte. Allerdings zählte das Dorf nur 69 Einwohner - der durchschnittliche Brotverbrauch eines Haushalts lag bei stolzen 60 Laiben pro Woche. Was mit den Lebensmitteln geschah, war sonnenklar: Der Großteil landete im Futtertrog. Das war kein Einzelfall.

Individuelle Hauswirtschaften 1945 hatte man in der Sowjetischen Besatzungszone eine Bodenreform durchgeführt. Landbesitz über 100 Hektar wurde enteignet und teilweise an Neubauern verteilt. Bereits 1952 kam aber die Kehrtwende: Die Einzelbauern sollten in die LPGs eintreten. Erfolgreiche Mittel- und Großbauern mieden den Eintritt jedoch häufig. Um einen zusätzlichen Anreiz für sie zu schaffen, gewährten ihnen die Genossenschaftsstatuten die sogenannten Hauswirtschaften.

Sie waren ursprünglich für die Eigenversorgung der Bauernfamilien gedacht, wurden aber bald zu einem lukrativen Geschäft. Jeder Landwirt durfte einen halben Hektar Land nach seinem Beitritt zur LPG weiter selbst auf eigene Kosten und eigenen Nutzen bewirtschaften und dazu eine bestimmte Anzahl Tiere halten. Kleinvieh, etwa Kaninchen, unterlag keiner Begrenzung. Später wurde auch die Obergrenze für größere Nutztiere aufgehoben.

Indiviuelle Hauswirtschaften schließen Versorgungslücken

Der Staat wusste Bescheid - und drückte beide Augen zu, denn die individuellen Hauswirtschaften halfen, die Versorgungslücken zu schließen. In den 1980er-Jahren wurde fast der gesamte Bedarf an Honig und Kaninchenfleisch von Privaterzeugern (zu denen neben LPG-Bauern auch Kleingartenbesitzer zählten) gedeckt. Obst und Eier kamen in etwa zur Hälfte aus dem Privatsektor, Gemüse zu gut einem Viertel. Ohne Privaterzeuger wäre das Angebot in den Kaufhallen der DDR also noch um einiges dürftiger gewesen.

Freiraum für kleinbäuerliche Lebensweise

Die individuellen Hauswirtschaften hatten aber noch eine weitere, zumindest aus heutiger Sicht, positive Seite. Das hat die Agrarwissenschaftlerin Judith Königsdörfer herausgefunden, die ihre Doktorarbeit darüber geschrieben und mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat. Die individuellen Hauswirtschaften waren eine Nische, in der selbständiges landwirtschaftliches Handeln in der DDR auch nach der staatlich verordneten Kollektivierung überdauern konnte. In diesem, wenn auch kleinen Rahmen, konnten die Menschen nach ihrem - meist nicht ganz freiwilligen Beitritt zur LPG - noch wie Bauern im herkömmlichen Sinne leben und arbeiten.

Am Anfang war das sicherlich auch eine Art Trost für die ehemaligen Einzelbauern, die eigentlich gar nicht in die LPG wollten, und irgendetwas an die Hand bekommen mussten, damit sie der staatlichen Linie mehr oder minder folgen. Die Hauswirtschaften haben ihnen dann große Freiräume ermöglicht. Letzten Endes waren sie ein Raum, wo einzelbäuerliches Leben und Arbeiten bis zum Ende der DDR weiter geführt werden konnte, unabhängig von staatlicher Ideologie.

Judith Königsdörfer, Agrarwissenschaftlerin

Agrarwissenschaftlerin Judith Königsdörfer auf einem Feld mit einer Zeitzeugin
Agrarwissenschaftlerin Judith Königsdörfer im Gespräch mit einer Zeitzeugin Bildrechte: MDR

Doch damit untergrub der Staat seine eigene Politik - nicht nur, weil die Kollektivierung damit im kleinen Rahmen ausgehebelt wurde (in internen Berichten ist von "Tendenzen der Reprivatisierung" die Rede), sondern auch, weil die Existenz der individuellen Hauswirtschaften das erklärte Ziel der Angleichung der Lebensbedingungen zwischen Stadt und Land konterkarierte.

Staat untergräbt eigene Ziele

Schließlich wurden geregelte Arbeitszeiten mit einem Acht-Stunden-Tag, Anspruch auf Urlaub und Krankengeld offiziell als große Vorteile der Arbeit in der LPG angepriesen - erstmals in der Geschichte konnten LPG-Bauern ähnlich wie Arbeiter in der Stadt nach ihrer Schicht Feieraband machen - etwas, das sie als selbständige Bauern auf dem eigenen Hof niemals hätten tun können! Doch das blieb auf dem Papier, wenn die Menschen sich vor und nach der Arbeit im Großbetrieb noch um ihre private Kleinbauernwirtschaft kümmern mussten.

Dieser Vorteile, die durch die LPG gegeben waren, wurden durch die Hauswirtschaft ad absurdum geführt, weil die Menschen deutlich mehr arbeiteten als die Schicht im kollektivierten Betrieb. Man musste früh die Tiere noch versorgen, abends das gleiche Spiel von vorn ... Eigentlich hat man Doppelschichten geschoben, die Zeitzeugen sprechen auch von der "zweiten Schicht". Man war doppelt gefordert: im Großbetrieb und in der individuellen Hauswirtschaft.

Judith Königsdörfer, Agrarwissenschaftlerin

Zwei Drittel aller LPG-Bauen hatten in den Achtzigern noch eine individuelle Hauswirtschaft. Mit der Wiedervereinigung entfielen die staatlich garantierten Aufkaufpreise für landwirtschaftliche Erzeugnisse. In Großengottern baut heute fast niemand mehr Gurken an.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 30. August 2020 | 22:00 Uhr