Starke Frauenpersönlichkeit Das Interhotel Suhl und seine außergewöhnliche Direktorin

Als in Suhl ein Interhotel öffnet, das von vier Frauen - mit der Direktorin Brigitte Groeger an der Spitze - geleitet wird, stellt das DDR-Fernsehen die unglaubliche Frage: "Kann die das?" Die Antwort ist aus heutiger Sicht noch unglaublicher: "Sie kann mit ihrer Natürlichkeit vielleicht das erreichen, was ihr verstandesmäßig fehlt." So viel zur Gleichberechtigung in den Sechzigern. Die Direktorin aber zeigt es allen Zweiflern und Kritikern und rettet ihr Hotel sogar nach der Wende - indem sie es kurzerhand kauft. Auch das ist eine Sensation, denn Ostdeutsche kommen bei der Treuhand nur selten zum Zuge. Man traute ihnen die Führung eines Unternehmens einfach nicht zu. Außerdem haben Menschen aus dem Osten meist nicht das nötige Geld zur Verfügung. So ging es auch Brigitte Groeger. Dennoch gelang ihr das Unglaubliche!

Brigitte Groeger, ehem. Direktorin des Hotels Thüringen Tourist
Brigitte Groeger kaufte nach der Wende ihr Hotel Thüringen Tourist. Bildrechte: MDR/Jan Urbanski

Interhotels waren die komfortabelsten Herbergen der DDR. Die damalige Bezirksstadt Suhl im Thüringer Wald hatte bis in die 60er-Jahre hinein kein Hotel. Reisende waren allein auf private, oft sehr spartanische Unterkünfte angewiesen. Ein einfacher Plattenbau eröffnete schließlich als "Hotel Thüringen Tourist" am 7. Oktober 1965, dem damaligen Tag der Republik. Das somit jüngste Interhotel ist ein familiäres Haus, ohne Tradition und großen Luxus, mit "zweckmäßig und geschmackvoll eingerichteten Zimmern", so versprach es der Werbeprospekt.

Interhotel in Suhl: eine Sensation

Dennoch ist es eine Attraktion in der Region. Sogar die Sendung "Prisma" des DDR-Fernsehens berichtet 1968: "Das Hotel hat 166 Betten, jedes Zimmer mit Telefon und Radio, jedes Appartement mit Fernsehgerät. Dieses Interhotel wird von vier Frauen geleitet: Der Empfangschefin Heide Funk, der Direktrice (damals übliche Bezeichnung für eine leitende Angestellte - Anm. der Red.) Anita Michel, der gastronomischen Leiterin Johanna Schindler und der Direktorin Brigitte Groeger - Diplomökonom, 28 Jahre alt, verheiratet". Brigitte Groeger war bei ihrem Antritt die jüngste Direktorin der Interhotel-Kette.

DDR-Fernsehen fragt: "Kann die das?"

Da eine Direktorin in den 60er-Jahren auch in der DDR ein Novum war, fragte damals das DDR-Fernsehen: "Kann die das?" Die unglaubliche Antwort lautete damals: "Sie kann mit ihrer Natürlichkeit das vielleicht erreichen, was ihr verstandesmäßig fehlt." Und bei der Nachfrage: "Die Männer sind den Frauen geistig überlegen?" wurde die Antwort nicht besser: "Das kann man wohl im Allgemeinen mit ja beantworten".

Brigitte Groeger äußerte sich damals nicht dazu, strafte aber all diese Aussagen Lügen und setzte sich durch. Sie überzeugte mit Fleiß, Leistung und Gastfreundschaft. Das "Thüringen Tourist" war bis zur Wende das einzige wirklich ansprechende Hotel in Suhl. Außerdem war das Hotel immer gut gebucht, sozusagen mit staatlich garantierter Auslastung. Auch die Musiker der Rockband "Karat" fühlen sich im Interhotel in Suhl wohl.

Geschichte

DDR in 10 MInuten - Teaserbild 10 min
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Werkstattwoche: jährliches Musikertreffen in Suhl

Sie stiegen im Interhotel ab, wenn sie zum Musikertreffen kamen, das einmal im Jahr in Suhl stattfand. Zu der sogenannten Werkstattwoche "Jugendtanzmusik" kamen damals alle Bands, die in der DDR Rang und Namen hatten - das Treffen war eine Institution. Eine Teilnahme galt als "Ritterschlag" in der Rockszene. Die prominenten Musiker von Karat, City oder den Puhdys wohnten dann im Suhler Interhotel. Sie schätzten die vertraute, familiäre Atmosphäre im einzigen Hotel weit und breit.

Die wichtigsten Gäste für Brigitte Groeger waren aber nicht die Musiker, sondern staatlich organisierte Reisegruppen, meist aus dem "Bruderland" Sowjetunion. Die Interhotel-Kette hatte einen Vertrag mit Intourist Moskau. Groegers Hotel bekam sogar für Kapazitäten, die nicht voll in Anspruch genommen wurden, den vollen Preis. So erreichte es in Hochzeiten eine traumhafte Auslastung von etwa 86 bis 90 Prozent.

Bernd Römer, Gitarrist "Karat"
Auch Bernd Römer, Gitarrist "Karat" fühlte sich heimisch im Interhotel in Suhl. Bildrechte: MDR/Jan Urbanski

Währungsunion ändert alles im Hotelgewerbe der DDR

Doch all das änderte sich mit der Währungsunion 1990. Plötzlich hatte das renommierte Haus im Thüringer Wald keine Gäste mehr. Denn nun wollten die DDR-Bürger ihr "gutes Westgeld" nicht für Ost-Hotels ausgeben. Auch der "große Bruder" half nicht mehr - er konnte sich den Urlaub, der in harter D-Mark zu bezahlen war, plötzlich nicht mehr leisten. Für die Interhotels wird der Sommer 1990 zu einer ernsthaften Krise: keine Gäste, leere Restaurants, stornierte Buchungen. Das betrifft fast alle Häuser der Interhotelgruppe. Und so beginnt der Ausverkauf.

Die meisten Interhotels werden 1991 von der Trigon-Gruppe gekauft. Zu den wenigen, die einen anderen Eigentümer finden, gehört das "Thüringen-Tourist" in Suhl. Brigitte Groeger, zur Zeit der Wende die dienstälteste Interhotel-Direktorin, wollte es nicht in fremde Hände geben. Ohne Eigenkapital schaffte sie es gegen alle Widrigkeiten, Geldgeber für das Projekt zu begeistern. Sie hatte damals auf einen Schlag zehn Millionen D-Mark Schulden! Trotzdem sagt sie im Rückblick: "Ich würde es wieder machen. Es ist mein Leben und bis jetzt auch ein erfülltes Leben." Es bleibt das einzige Interhotel in ostdeutscher Hand.

Für ihren Mut wurde sie mit dem Managerpreis 1992 ausgezeichnet. Im Kreise der sechs geehrten Unternehmer gab es damals nur eine Frau: Brigitte Groeger. Aber Preise und Ehrungen lassen kein Hotel überleben. Brigitte Groeger musste trotz der immensen Schulden auch noch investieren, um das Hotel fit für die Zukunft machen. Sie baute unter anderem Konferenzräume und einen Wellnessbereich.

Der Treuhandvertrag ist für die damals 51-Jährige mit strengen Auflagen verbunden. Es ist ein Knebelvertrag und doch ist sie froh, diese Chance zu bekommen, die Ostdeutsche von der Treuhand nur selten bekamen. Oft trauten die westdeutschen Entscheider den Ostdeutschen keinen Geschäftssinn zu. Außerdem hatten die frischgebackenen Bundesbürger in den allermeisten Fällen wenig Geld.

Brigitte Groeger erzählt: "Mir wurde auferlegt, innerhalb von zwei Jahren mindestens zwei Millionen zu investieren. Wenn ich diese Summe nicht erreiche, gab's praktisch einen Strafzins von fünfundzwanzig Prozent." Trotzdem gelang es der "alten Direktorin" und neuen Besitzerin, ihr Haus in eine sichere Zukunft zu führen. Erst 2017 - mit 76 Jahren - konnte sie ans Aufhören denken und verkaufte das Haus an einen hessischen Unternehmer. Schuldenfrei ist sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am Ende war Brigitte Groeger 52 Jahre Direktorin ihres Hotels in Suhl gewesen.

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