Alltag unterm Hakenkreuz NS-Zeit in Farbe: Bilder einer Wohlfühldiktatur

Es sind Hobbyfilmer, die das normale Leben während der NS-Zeit festhalten - jenseits der offiziellen NS-Propaganda. Doch bei aller Privatheit ist die Politik allgegenwärtig. Über den Alltag unterm Hakenkreuz und den Filmschatz in Farbe haben wir mit Jan Lorenzen gesprochen, dem Autor der Dokumentation "Im Land der Täter".

Herr Lorenzen, was ist das Besondere an den Aufnahmen?

Die Amateuraufnahmen vermitteln ein echtes Lebensgefühl der damaligen Zeit. Das Besondere entsteht durch die Alltäglichkeit und Vielfalt. Es ist ein wirklicher Filmschatz, der in dieser Fülle einmalig ist - und vieles davon ist in Farbe zu sehen.

Es sind auch viele Szenen dabei, die über das Alltägliche der Menschen hinausgehen und einen tiefen Einblick in das Leben im Nationalsozialismus geben, das wir so nicht kennen. In den Aufnahmen zeigt sich deutlich, wie tief der Nationalsozialismus im Alltag und Leben der Menschen verankert ist: die Häufigkeit von Aufmärschen, die Allgegenwart der nationalsozialistischen Jugenderziehung, die vielen Fahnen in den Straßen, an Wohnungen und Ausflugsdampfern.

Woher kommt das Material?

Hinter dem Material steckt eine mehr als 40-jährige Geschichte von unterschiedlichsten Sammlern. Gefunden wurde es auf Dachböden oder Flohmärkten. Vieles wurde auch Archiven übergeben, unter der Bedingung, dass das Material erst nach dem Tod genutzt werden darf. Und das ist auch der Grund, warum es erst jetzt in dieser Fülle zur Verfügung steht. Insgesamt waren es mehr als einhundert Stunden Ausgangsmaterial.

Zur Person: Jan N. Lorenzen ist Historiker und arbeitet als freier Autor und Regisseur. Von 1994 bis 2000 war er als Redakteur beim MDR im Bereich Zeitgeschichte tätig. Der 48-Jährige veröffentlichte u.a. "Erich Honecker. Eine Biographie" (Rowohlt 2001), "Die großen Schlachten" (Campus 2006) und "Zeitgeschichte im Fernsehen" (Springer-VS 2015). 2002 erhielt er zusammen mit Christian Klemke den Adolf-Grimme-Preis für "Roter Stern über Deutschland". 2008/2009 war er Projektregisseur der 60-teiligen ARD-Sendereihe "60xDeutschland".

Wer hat die Aufnahmen gemacht?

Die Aufnahmen in den Dokumentationen haben fast ausschließlich Privatleute gemacht, die damals mit ihren 8-mm- und 16-mm-Filmkameras gefilmt haben, meistens in schwarz-weiß. Nur zu besonderen Anlässen wurde in Farbe gedreht.

Für den Zweiteiler "Im Land der Täter" haben wir dann ausschließlich Farbmaterial benutzt. Doch auch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen waren für uns wichtig, vor allem, um etwas über die Protagonisten zu erfahren. Generell muss man jedoch festhalten, dass sich eher die privilegierte Oberschicht das teure Filmmaterial leisten könnte. Die schmutzigen Hinterhöfe der Unterschicht wird man daher nicht zu sehen bekommen.

Was war die Herausforderung bei diesem Projekt?

Die eigentliche Arbeit war für mich, die Geschichte hinter den Filmaufnahmen zu finden und sie dann so in einer Reihenfolge zu verbinden, dass sich daraus eine Erzählung ergibt. Das war eine ganz andere Herangehensweise als sonst, wo man das Archivmaterial sucht, das zu einer entsprechenden Geschichte passt. In diesem Fall war es anders herum. Mit jeder weiteren Recherche wurde das fremde Material ein bisschen mehr zum Leben erweckt.

"Im Land der Täter" Teil 1: Leben in der Wohlfühldiktatur

Der Krieg hat noch nicht begonnen, doch die Remilitarisierung schafft Arbeitsplätze. Der "Anschluss" Österreichs löst Euphorie aus. Mit Urlaubsreisen auch für Arbeiter und kleine Angestellte gewinnt das nationalsozialistische Regime die Sympathie der Massen. Deutschland scheint in diesen Jahren eine Diktatur zum Wohlfühlen, zumindest dann, wenn man nicht selbst Opfer des NS-Regimes wird, sondern beispielsweise als "arischer" Deutscher von der Verfolgung der jüdischen Mitmenschen profitiert.

Teil 2: Zwischen Heimat und Front

Deutschland ist in den Kriegsjahren. Ein Wehrmachtsoffizier filmt privat, scheinbar ungerührt, die abgemagerten Gestalten in einem Gefangenenlager für sowjetische Soldaten bei Dresden und notiert in seinem Tagebuch: "Der Gestank war bestialisch." Im südlichen Polen wird ein anderer Wehrmachtsoffizier mit seiner Kamera Zeuge, wie jüdische Männer zum Arbeitseinsatz abkommandiert werden. Eine Gruppe von Filmamateuren durchstreift 1943 Dachau. Geführt wird die Gruppe von einem SS-Offizier des nahegelegenen Konzentrationslagers. Passt er auf, dass die Filmamateure dem Lager nicht zu nahe kommen, nur Unverfängliches filmen? Es sind Bilder von erstaunlicher Offenheit, Bilder, die in keiner nationalsozialistischen Wochenschau gezeigt worden wären.

Über dieses Thema berichtet der MDR in "IM LAND DER TÄTER": TV | 31.03.2020 | 22.10 Uhr