Interview WHO: Wer gibt den Sündenbock in der Coronakrise?

Die WHO steht unter Druck. Hat sie Corona verschlafen? Oder schlimmer noch, China bewusst beim Vertuschen geholfen und so die unkontrollierte Ausbreitung des Virus unterstützt? Diese amerikanischen Vorwürfe stehen nicht nur im Raum - Präsident Donald Trump hat sie kurzerhand zu Fakten erhoben und droht mit dauerhaftem Zahlungsstopp und nun sogar mit Austritt der USA aus der Weltorganisation. Nils Werner hat darüber mit Professor Christian Kreuder-Sonnen gesprochen.

Christian Kreuder-Sonnen
Prof. Christian Kreuder-Sonnen war bis Ende Februar 2020 Gastwissenschaftler in Harvard. Sein Spezialgebiet ist die WHO und das Krisenmanagement internationaler Organisation. Bildrechte: David Ausserhofer

Herr Kreuder-Sonnen, Sie haben sich intensiv mit der Geschichte und Rolle der WHO auseinandergesetzt; einer Organisation, die aktuell mächtig im Kreuzfeuer steht. Eine reine Ablenkungsstrategie der Regierung von Donald Trump? Oder sollten wir den Amerikanern dankbar für den Vorstoß sein?

Ich denke, dass man das genauer betrachten sollte. Ich bin da definitiv kritischer als die Bundesregierung oder das Auswärtige Amt, die ja eigentlich die Linie vertreten: Wir glauben, China hat alles richtig gemacht. Und ganz bestimmt die WHO. Was natürlich verständlich ist als diplomatisches Verhalten. Man will keinen Krach mit China. Und man will die WHO gegenüber Trump stärken. Das sind durchaus lautere Motive. Ich glaube aber schon, dass es wert ist, sich das ganz genau anzuschauen, denn ich glaube nicht, dass da alles richtig gelaufen ist.

Der Vorwurf geht ja ganz konkret dahin: Die WHO habe Fakten zurückgehalten oder zumindest den Informationsfluss gebremst, als das Ausmaß der weltweiten Bedrohung bereits ablesbar war. Was ist da dran?

Es stimmt, die WHO hat im Januar gezögert, einen Gesundheitsnotstand auszusprechen. Sie hat gezögert, anzuerkennen, dass es in China bereits eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus gibt. Und sie hat gezögert, die Pandemie-Warnung auszusprechen. Mit durchaus fragwürdigen Begründungen wie 'Die Chinesen haben es doch im Griff' oder die 'machen eine tolle Arbeit'.  Es hatte mitunter schon etwas von 'Sich-zu-Füssen-Werfen', etwa wenn in einem WHO-Bericht Textbausteine aus einem chinesischen Staatsmedien auftauchen oder wenn der Leiter einer WHO-Delegation sagt: 'Wenn ich irgendwo an Covid-19 erkranken sollte, dann wünschte ich mir, es wäre in China!' Das sind Äußerungen, die einfach nicht nachvollziehbar sind.  Oder schließlich das Zögern bei der Einstufung als Pandemie. Die Aussage: Wir wollen keine Panik schüren. Nur deshalb habe man so lange gewartet. Das ist natürlich im Nachhinein betrachtet klar ein Fehler gewesen.

Wie erklären Sie sich das? – Bei SARS I im Jahr 2003 hat die WHO ja komplett anders reagiert und die Internationale Staatengemeinschaft mit einem effektiven und sehr engagierten Krisenmanagement  überrascht. Auch da war das Gegenüber ja China.

Stimmt, damals in der SARS-Krise hat China in den ersten Monaten statt Kooperation wirklich eine reine Desinformationskampagne betrieben. Das ist jetzt im Nachhinein gut belegt. Damals hat die WHO angefangen nachzubohren. Man muss dazu wissen, dass die WHO zu dieser Zeit ein sehr viel begrenzteres Mandat hatte. Es galten da noch internationale Gesundheitsvorschriften aus den 60er-Jahren, die der WHO keine eigenständige Kompetenz in Krisen zustanden! Die WHO hat sich bei SARS im Prinzip selbst ermächtigt, in einem Akt der Notstandspolitik oder des zivilen Ungehorsams, wie man es nimmt, und sich über die eigenen Mandatsgrenzen hinweggesetzt. Die WHO hat versucht, aus anderen Quellen an Informationen zu kommen und China dann damit konfrontiert.

Und das hat funktioniert?

Nun, China hat noch über Wochen hinweg so ein Katz-und Maus-Spiel betrieben. Man hat dann z.B. Teams der WHO eingeladen und zu Stellen und Krankenhäusern geführt, die überhaupt nichts mit SARS zu tun hatten. Die WHO hat darauf reagiert. Sie hat China dann harsch und öffentlich kritisiert - gewissermaßen bloßgestellt gegenüber der Internationalen Gemeinschaft. Zudem haben sie auch noch Reisewarnungen ausgesprochen. Für Gebiete in China, dann aber auch in Kanada, Singapur, Hongkong, wohin sich das Virus bereits ausgebreitet hatte. Man hat sozusagen die Alarmglocken geläutet. Global. Das ist im Nachhinein als wirklich effektiv wahrgenommen worden durch die Internationale Gemeinschaft.

Warum ist man nun von diesem "effektiven" Muster abgewichen?

Ich finde es total interessant, wie sich das nun umgedreht hat. Damals war die WHO konfrontativ. Heute unterwürfig. Eine optimistische Interpretation des Ganzen wäre, zu sagen: Naja, sie verfolgen das gleiche Ziel wie damals. Und das ist letztlich die globale Gesundheitssicherheit zu stärken und dazu möglichst viel Kooperations- und Informationsbereitschaft aus China zu erlangen. Der Unterschied ist: Damals bei SARS, das ist ja fast 20 Jahre her, war China noch ein Entwicklungs-bzw. Schwellenland. Ein Land, das mit dem internationalen Gewicht von heute, einer globalen Ordnungsmacht, nicht vergleichbar ist. Heute hat man es da zu tun mit einer Supermacht im Werden. Da muss man sich, um den Kooperationswillen des Staates nicht zu verspielen, diplomatisch unterwürfiger verhalten. Das ist auch der WHO klar. Eine pessimistischere Interpretation ist, dass der Generaldirektor der WHO, Herr Dr. Tedros und sein Stab aus politischeren Motiven handeln, dass sie China loben und vor Kritik schützen, weil die Regierung in Peking Einfluss auf die Entscheidungsträger hat. Das ist nicht abschließend belegbar, aber die Vermutung wurde von Experten geäußert lange bevor Trump zum – natürlich maßlos übertriebenen – Angriff auf die WHO übergegangen ist.

Fehlende Impfstoffe und Medikamente sind das eine. Das aber selbst im Gesundheitsbereich in fast allen westlichen Staaten Schutzmasken plötzlich Mangelware sind, überrascht. Haben nicht seit den 1970er-Jahren Virologen weltweit immer wieder vor der Gefahr einer neuerlichen Pandemie gewarnt? Und mindestens die Übertragungswege waren doch hinlänglich bekannt.

Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu. Es ist beachtlich, wie unvorbereitet es uns getroffen hat. Wenn man jetzt noch einmal zurückblickt oder außerhalb von Europa guckt, wie wirklich 'erfahrungsresistent' wir auch waren gegenüber bereits gewonnenen Erkenntnissen, die Taiwan, Hongkong, Südkorea aus SARS z.B. gezogen haben. Ich denke schon, dass die durch die SARS-Erfahrung viel mehr 'on alert' – also in Alarmbereitschaft waren. Die haben geschaut, was zu tun ist und haben es dann auch konsequent und sehr früh umgesetzt. Die USA und wir alle auch haben da über Monate hinweg einfach nur unbeteiligt zugeschaut, ohne uns wirklich vorzubereiten. Spätestens im Januar, als die WHO den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat, hätte man anfangen können, sich intensiver vorzubereiten. Dass wir jetzt immer noch keine App haben zum Beispiel, sind Punkte, die durchaus kritikwürdig sind in punkto eigener Zuschreibung von Verantwortung.

Also durchaus "gut", dass man ein paar Sündenböcke hat, die ablenken vom eigenen Versagen - vor allem, wenn es dann auch noch alte Bekannte sind, mit denen man sowieso über Kreuz liegt. Muss man befürchten, dass durch die Krise ein paar internationale Konflikte noch weiter hochkochen?

Schwer zu sagen. Definitiv hat die Krise schon jetzt den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erreicht, wo sich die zwei Supermächte China und die USA aktuell gegenseitig blockieren, letztlich aus PR-Gründen. Letzte Woche gab es eine Resolution im Sicherheitsrat, einen Entwurf, von Frankreich eingebracht. Eine allgemeine Erklärung, in der es hieß: 'Wir unterstützen das Bestreben des UN-Generalsekretärs, einen globalen Waffenstillstand während der Pandemie zu fordern.' Ein Appell - mehr nicht. Es gab eigentlich keinen Grund, das nicht zu unterstützen. Bis China auf die Idee kommt, man sollte in die Resolution einen Verweis aufnehmen, dass die WHO gute Arbeit geleistet hat. Dann kommt natürlich die USA auf den Plan und sagt: 'Das unterstützen wir nicht.' Am Ende scheitert die Resolution. Sowas gibt natürlich Anlass zur Sorge, dass wir gerade nicht auf einen Moment vermehrter Kooperation zusteuern. Das ist aber aktuell eine so fließende Situation, dass da noch so wahnsinnig viel in nächster Zeit passieren kann. Die Pandemie trifft ja etwa die USA in der schlimmsten Verfassung, im Prinzip mit einem ganz schwachen Gesundheitssystem und einem ganz schwachem Wohlfahrtsstaat und im Zustand der Führungslosigkeit. Das ist eigentlich der Supergau schlechthin in so einer Situation. Schwere Krisen stellen aber auch immer Gelegenheitsfenster für politische und institutionelle Veränderungen dar. Es ist zu hoffen, dass die USA am Scheideweg der Krise einen Machtwechsel vollziehen und dass die internationale Gemeinschaft sich auf globale Kooperation besinnt zur Bewältigung dieser und späterer globaler Krisen.


Prof. Dr. Christian Kreuder-Sonnen analysiert in seiner Forschung die Krisenpolitik internationaler Organisationen, v.a. den Umgang der Weltgesundheitsorganisation mit globalen Gesundheitskrisen. Bis Februar 2020 war er Gastwissenschaftler in Harvard. Jetzt ist er Juniorprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Jena. Mehr über internationale Organisationen, ihre Notstandsbefugnisse und ihr Verhalten in Krisenzeiten findet man in seinem neuem Buch "Emergency Powers of International Organizations. Between Normalization and Containment". Für die Publikation wurde Kreuder-Sonnen mit dem renommierten Chadwick Alger Prize ausgezeichnet.