Josef Stalin (UdSSR/Generalsekretär Zentralkomitee KPdSU) während seiner Beerdigung, offen im Sarg aufgebahrt.
Stalins Leichnam wurde nach seinem Tod im Haus der Gewerkschaften in Moskau aufgebahrt. Zahlreiche Menschen kamen, um auf die Weise Abschied von ihm zu nehmen. Bildrechte: imago/Russian Look

Interview "Stalin war ein Meister der Show"

Nikita Chruschtschow wurde Jahre nach Stalins Tod sowjetischer Ministerpräsident. Ein Interview mit seinem Sohn Sergei Nikititsch Chruschtschow, der seinen Vater zu allen Details seiner Amtszeit interviewt hat.

Josef Stalin (UdSSR/Generalsekretär Zentralkomitee KPdSU) während seiner Beerdigung, offen im Sarg aufgebahrt.
Stalins Leichnam wurde nach seinem Tod im Haus der Gewerkschaften in Moskau aufgebahrt. Zahlreiche Menschen kamen, um auf die Weise Abschied von ihm zu nehmen. Bildrechte: imago/Russian Look

Was war Stalin für Sie?

Stalin war eine Art Gott. Er bezeichnete sich selbst als "Vater des sowjetischen Volkes" und auch wir nannten ihn so. 99,9 Prozent der russischen Bevölkerung glaubten an Stalin und glaubten, dass er der wirkliche Gott ist. Man konnte darüber keine Witze machen. Dann war man schnell sehr weit weg von Zuhause.

Warum behandelte man Stalin wie Gott?

Dazu braucht man einen Showmaster und  Stalin war der Meister der Show. Er hat diesen Kult erschaffen, indem er einfach die Geschichte neu geschrieben hat. Er schrieb seine eigene Biografie und baute sich ein Leben als der Held, der er gerne gewesen wäre. Und er entfernte jeden, der die Wahrheit von seiner Vergangenheit kannte. Ich meine, Menschen, die wussten, dass er während der Revolution oder des Bürgerkriegs keine wichtige Rolle gespielt hatte. Sie wurden hingerichtet. Er ließ jeden entfernen, der von seiner Angst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wusste.

Josef Stalin: Ein Leben in Bildern

Josef Stalin, der "stählerne Diktator", Oberbefehlshaber des "Großen Vaterländischen Krieges" und "verdiente Mörder des Volkes" wurde am 18. Dezember 1878 im georgischen Gori geboren.

Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1903) - retuschiertes Foto.
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 25-jähriger Bolschewik kurz vor seiner Verbannung nach Sibirien 1903. Den Namen Stalin (der Stählerne) benutzte Stalin erst ab 1913. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1903) - retuschiertes Foto.
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 25-jähriger Bolschewik kurz vor seiner Verbannung nach Sibirien 1903. Den Namen Stalin (der Stählerne) benutzte Stalin erst ab 1913. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin auf einem Landwirtschaftskongress in Moskau. (1935)
17.02. 1938: Stalin auf einem Landwirtschaftskongress in Moskau Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin mit Tochter Swetlana Allilujewa auf den Armen. (1939)
Stalin mit seiner 1926 geborenen Tochter Swetlana Allilijewa im Jahr 1939. Swetlana wuchs abgeschottet auf und wusste nichts von dem Terror, mit dem ihr treusorgender Vater das ganze Land überzogen hatte. Swetlana Allijewa, die 1967 über Indien in die USA geflohen war und dort als Lana Peters lebte, starb 2011. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin und Klement Gottwald während einer Tagung. (1953) - retuschiertes Foto
Josef Stalin und Klement Gottwald, Vorsitzender der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, im Februar 1953. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin 1953 offen im Sarg aufgebahrt.
Der aufgebahrte Josef Stalin. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und im Lenin-Mausoleum beigesetzt. 1961, auf Beschluss des 22. Parteitags der KPdSU, wurde der Leichnam des Diktators aus dem Mausoleum entfernt und an der Kremlmauer begraben. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1908)
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 28-jähriger Bankräuber 1907. Seit 1904 hatte er Banküberfälle für die Revolutionäre organisiert. Er wird mehrfach verhaftet und verurteilt und kommt doch immer wieder nach relativ kurzer Zeit frei. Es wird gemunkelt, er habe Kontakte zur Geheimpolizei. Bildrechte: imago/Russian Look
Wladimir Iljitsch Lenin zwischen Josef Stalin und Michail Kalinin, anlässlich des 8. Parteitages der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) in Moskau (1919).
Stalin, als politischer Kommissar an mehreren Fronten des Bürgerkriegs im Einsatz, mit Revolutionsführer Lenin und dem formellen sowjetischen Staatsoberhaupt Michail Kalinin auf dem 8. Parteitag der Kommunistischen Partei 1919. Lenin, der Stalin als "glänzenden Organisator" schätzt, hatte den georgischen Bankräuber 1912 ins ZK der Bolschewiki berufen. In seinem Testament hatte er allerdings die Genossen vor Stalin gewarnt – er sei sich nicht sicher, ob Stalin mit der Macht, die er besitze, stets sorgfältig umgehen werde. Bildrechte: imago/Russian Look
Grigori Ordschonikidse (Vorsitzender nationaler Wirtschaftsrat), Josef Stalin und Anastas Hovhannessi Mikojan (alle UdSSR/Zentralkomitee der KP Aserbaidschan) anlässlich der Unterzeichung des Beitrittsvertrages Litauens zur Sowjetunion. (1925)
Stalin, mittlerweile Generalsekretär der KPdSU, gemeinsam mit Anastas Mikojan, Volkskommissar für Außenhandel, und Grigori Ordschinikidse, Chef des Transkaukasischen Komitees und später Volkskommissar für Schwermaschinenbau, in Tiflis 1925. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin auf einer Konferenz mit Ehefrauen des Führungsstabes und deren Kindern. (1935)
Josef Stalin mit den Familien einiger ZK-Mitglieder im April 1936. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin steigt ins Auto. (1941)
Stalin 1941 mit einer seiner Staatskarossen. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin mit anderen Militärs auf Visite bei Kampfflugzeugen in Moskau.
17.04.1943: Josef Stalin auf einem Fliegerhorst in Moskau. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin (ZK der WKP(b)) und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (re., beide Sowjetunion/Vorsitzender Rat der Volkskommissare) sowie Joseph Davies (li., USA/Botschafter Moskau) während eines Treffens in Moskau. (1943)
17.04.1943: Josef Stalin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (re.) treffen den US-amerikanischen Botschafter Joseph Davies (li.) in Moskau. Bildrechte: imago/Russian Look
Politprominenz steht anlässlich der Beerdigung Josef Stalins auf dem Leninmausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. (1953)
Sämtliche Führer der kommunistischen Parteien waren zur Beisetzung am 9. März 1953 nach Moskau gereist, um vom "Führer der fortschrittlichen Menschheit" Abschied zu nehmen. Jedoch: "Nur zwei Trauergäste weinten – sein Sohn Wassili und seine Tochter Swetlana", schrieb der Moskauer "Zeit"-Korrespondent in seiner Reportage von den Trauerfeierlichkeiten. "Die anderen hohen Würdenträger hatten es sehr eilig, vom toten Stalin Abschied zu nehmen." Bildrechte: imago/Russian Look
Stalins Sarg auf dem Roten Platz in Moskau.
Stalins Sarg auf einer Lafette auf dem Roten Platz. Bildrechte: imago/Russian Look
Historische Fotomontage: Stalin aufgebahrt - Außenminister Wjatscheslaw Molotow (li., Vorsitzender Rat der Volkskommissare) und andere Politprominenz.
Fotomontage von 1953: der aufgebahrte Stalin, dahinter die Mitglieder des Politbüros der KPdSU. Bildrechte: imago/Russian Look
Gemälde: Stalins Tochter Swetlana Allilujewa bei der Leiche des Vaters Josef Stalin.
Das Gemälde zeigt Stalins Tochter Swetlana vor dem aufgebahrten Vater. Der Maler setzte Swetlana als Kind in Szene, dabei war sie 1953 bereits 27 Jahre alt.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 11.08.2017 | 17:45 Uhr)
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Wie haben Sie von Stalins Tod erfahren?

Wir wussten, dass es ihm schlecht ging und warteten. Wenn Gott stirbt, weiß man nicht, was kommt. Wird es das Ende der Welt sein oder wird es nur ein neuer Anfang sein oder etwas anderes?

Mein Vater kam gegen Mitternacht nach Hause, setzte sich auf die Couch und sagte, Stalin ist tot. Und blieb ein wenig sitzen. Es war Nacht geworden. Daher war er sehr müde. Er blieb also fünf, zehn Minuten sitzen und sagte dann: "Ich bin so müde, ich werde schlafen gehen." Und ich war wütend, dass er einfach so schlafen gehen konnte, obwohl Stalin gestorben war. Ich ging in einen anderen Raum und versuchte zu weinen. Ich konnte nicht wirklich weinen, aber ich dachte, ich müsste und sollte aus tiefstem Inneren weinen.

Wie kann so etwas passieren, dass Menschen ihren Gefühlen nicht mehr trauen und an die verlogene Propaganda glauben?

Wenn man viele Jahre in einem solchen Terror lebt, ändert man seine Persönlichkeit. Man glaubt  Dinge, die man normalerweise niemals glauben würde. Von denen man nicht einmal denken würde, dass es möglich sei, sie zu glauben. Man glaubt, dass Stalin alles weiß und immer Recht hat. Man muss das glauben. Manche Menschen glauben ehrlich. Andere müssen sich dazu zwingen. Das führt zu einer gespaltenen Persönlichkeit. Die meisten Menschen glaubten wirklich an all diese Lügen.

Sergej Chruschtschow
Sergei Nikititsch Chruschtschow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zur Person Sergei Nikititsch Chruschtschow, geboren 1935, ist der Sohn des einstigen KPdSU-Chefs und sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow. Als Stalin 1953 starb, studierte Sergei Nikititsch Chruschtschow in Moskau Ingenieurswissenschaft.

Er interviewte seinen Vater zu allen Details des Kalten Krieges, zu dessen Tätigkeit als sowjetischer Staatschef und zur Stalinzeit ausführlich. Daraus entstanden mehrere Bücher und Vorlesungen, die er an amerikanischen Universitäten hielt. 1991 siedelte er in die USA über und lehrte Geschichte am Institut für internationale Studien der Brown University in Providence.

(zuerst veröffentlicht am 05.03.2018)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: The Red Soul - Stalins Russland, Russlands Stalin | 24.02.2019 | 23:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 13:58 Uhr