145 Jahre Wie es die Levis-Jeans in die DDR schaffte

Vor 145 Jahren erfand Levi Strauss die legendäre „Levi's 501". Auch von den Bürgern in der DDR wurde die Westhose heiß geliebt. So sehr, dass die Oberen sie sogar heimlich importierten.

1978 orderte das Ministerium für Leichtindustrie der DDR in den USA eine Million Levis-Jeans. Erich Honecker persönlich segnete die heimliche Aktion zur "Bedarfsbefriedigung" in der DDR ab. Doch es gab ein Problem: Die eine Million Jeans reichten bei weitem nicht aus, um die Nachfrage auch nur annähernd zu decken. In der staatlichen "Jugendmode" wollte man die Hosen daher vorsichtshalber nicht anbieten - es wurden Hamsterkäufe, lange Schlangen und sogar Prügeleien befürchtet. Und so kam das SED-Politbüro auf die Idee, sie in Betrieben und staatlichen Einrichtungen loszuschlagen.

Levis-Jeans in Betriebskantinen verkauft

DDR-Jeansmode, 1978
DDR-Jeansmode aus dem Jahr 1978. Bildrechte: dpa

Die Bückware wurde auf die Betriebe in der Republik verteilt und während der Mittagspause in den Kantinen an die Arbeiter und Angestellten verkauft. "Sonderverkauf von Jeans, original amerikanische Strauss-Levis", stand auf den Einladungen zu dem ungewöhnlichen Werksverkauf. Und: "Der Betriebsausweis ist unbedingt mitzubringen." Gegenüber den Werktätigen rechtfertigte die SED den Import der noch in den 60ern als "Hose des Klassenfeindes" verschrienen Jeans als eine gute Tat – sie sichere Arbeitsplätze in den USA. Soviel klassenkämpferisches Pathos musste immerhin noch sein.

"Stellvertreterkrieg gegen Jeans und lange Haare"

Spätestens mit dieser kuriosen Verkaufs-Aktion war eine zwei Jahrzehnte dauernde Ära vorübergegangen, in der die SED einen unablässigen "Stellvertreterkrieg gegen Jeans und lange Haare" (Heiner Müller) geführt hatte. Von Anfang an hatte es heftige ideologische Auseinandersetzungen um die "Nietenhose" gegeben. Sie galt als Ausdruck eines lässigen amerikanischen Lebensgefühls, das dem der "Erbauer des Sozialismus" wesensfremd sei. Jeansträger, so suggerierte es die SED-Propaganda, seien allesamt "dekadente Elemente" - Gammler, Asoziale oder Gangster im Sold des CIA. Noch Anfang der 70er-Jahre wurden Schüler, die mit Jeans zum Unterricht erschienen, nach Hause geschickt mit der Weisung, sich eine "ordentliche Hose" anzuziehen.

"Jeans sind eine Einstellung und keine Hose "

Und so war es tatsächlich eine ungeheuerliche Provokation, als 1972 am Landestheater Halle ein Stück uraufgeführt wird, dessen Held Edgar Wibeau verkündete: "Jeans sind eine Einstellung und keine Hose. Jeans sind die edelsten Hosen der Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen Lappen aus der 'Jugendmode’, die ewig tiffig aussehen." Das Stück hieß "Die neuen Leiden des jungen W.", stammte von Ulrich Plenzdorf und wurde ein Jahr später bereits auf weiteren siebzehn Bühnen in der Republik gespielt. Edgar Wibeau sprach den Jugendlichen der DDR aus dem Herzen.

Streifzug durch die Geschichte Die Jeans und die DDR

Verboten, verpönt und dann doch in fast jedem Kleiderschrank. Wie konnte das passieren? Ein Streifzug durch die Geschichte der Jeans in der DDR-Gesellschaft.

Jugendliche in einem Partyraum, 1970.
1970: Wer hat, der kann - in Jeans zur Party kommen. Anfang der 70er-Jahre umweht das Jeans-Tragen in der DDR noch der Hauch des Rebellentums. Bildrechte: IMAGO
Jugendliche in einem Partyraum, 1970.
1970: Wer hat, der kann - in Jeans zur Party kommen. Anfang der 70er-Jahre umweht das Jeans-Tragen in der DDR noch der Hauch des Rebellentums. Bildrechte: IMAGO
FDJlerin mit DDR Fahne während der Demonstration zum 1. Mai, 1972.
In Jeans zur Mai-Demonstration. Bildrechte: IMAGO
Frau mit Blue-Jeans
Eine "Wisent"-Jeans, Produktionsjahr 1973. Bildrechte: dpa
Mensche auf einer Liegewiese, 1975.
Mitte der 70er-Jahre sieht man immer häufiger Jeans-Träger. Bildrechte: IMAGO
Vor einer glänzenden Kaufhausfassade laufen viele Menschen herum.
Wobei die Jeans vor allem von der Jugend getragen wird. Hier in Leipzig 1977 sind Jeans im Straßenalltag sehr selten. Bildrechte: IMAGO
FDJler mit DDR-Fahnen auf dem Nationalen Jugendfestival 1979 in Ostberlin
1979 feiert sich die DDR selbst - nämlich ihren 30. Geburtstag. Auch die Jugend muss mitjubeln und zwar beim Nationalen Jugendfestival der DDR. Dass junge Leute bei so einer offiziellen Massenveranstaltung mit Blauhemd und Blue Jeans durch die Straße ziehen, wären zehn Jahre früher noch undenkbar gewesen. Bildrechte: IMAGO
Nationales Jugendfestival in Ost - Berlin im Juni 1979
Das Blauhemd aufgeknöpft, als Beinkleidung Jeans in kurz oder lang - und das beim großen Demonstrationszug 1979 durch Ostberlin. Aber auch ... Bildrechte: IMAGO
... bei inoffiziellen Momenten während des Treffens tragen viele Jugendliche Bluejeans. Bildrechte: IMAGO
Freundinnen sitzen mit Rollschuhen auf einer Bank im SEZ in Berlin
1988 in Ostberlin hängen nun auch in den Kleiderschränken der DDR-Jugend mindestens ein, im Schnitt sogar zwei Paar Jeans. Bildrechte: IMAGO
Junge Frau auf dem Mittelstreifen der Straߟe Unter den Linden in Berlin, 1988.
Ein Modell posiert auf dem Mittelstreifen der Straߟe "Unter den Linden" in Berlin, 1988. Die Problemzonen der Ost-Jeans sind clever kaschiert: Den Hüftbereich verdeckt die Jacke, den Bein-Abschluss verbergen Stiefel. Bildrechte: IMAGO
Hippe Jugendliche in der DDR, Personen; 1989
April 1989 - ein Fotoshooting mit DDR-Jugendmode im April 1989. Der Jeansträger sitzt - so fällt der Schnitt, der an keine Levis' oder Wrangler herankam, nicht direkt auf. Bildrechte: IMAGO
DDR-Jeansmode
Willkommen im Mainstream: Das Werbefoto von 1978 bewirbt Kleidung aus dem "VVB Baumwolle" und richtet sich nicht an Jugendliche, sondern an Frauen. Und genau wie im Westen wirbt man nach dem Motto "Sex sells" mit halbnackten Damen - ganz egal, wie die Hose sitzt... Bildrechte: dpa
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"Wisent", "Boxer" und "Shanty"

Mitte der 70er-Jahre – die Haltung der SED gegenüber den Jeans war inzwischen moderater geworden – mühten sich die Textilbetriebe der DDR redlich, eine eigene Jeansproduktion in Gang zu setzen. "Wisent", "Boxer" oder "Shanty" hießen die Marken, die ab 1978 auf den Markt kamen. Doch deren Stoff war entweder zu hart oder zu weich, der Schnitt haute nicht hin und der beliebte Auswasch-Effekt stellte sich auch nicht ein. Und so standen die DDR-Jeans in der Gunst der Jugendlichen nicht sehr hoch und immer hinter der "echten" Jeans, die man sich von Westverwandten schicken ließ, auf dem Schwarzmarkt kaufte oder in den Hinterhof-Boutiquen der westlichsten Stadt des Ostblocks – in Budapest. Um 1987 herum hatte jedenfalls jeder Jugendliche in der DDR durchschnittlich zwei Jeans im Schrank. Ein statistischer Wert, der selbst im Westen Europas nicht erreicht wurde. Und so wird verständlich, dass die amerikanische Journalistin Karen Kramer damals zu der bemerkenswerten Einschätzung kam, die DDR sei "das Jeans tragende Land an sich".


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 23.06.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 12:41 Uhr