Jugendweihe - damals und heute Nichts anderes als ein Abkassieren von Verwandten?

Mit dem Ende der DDR schien auch das Schicksal der Jugendweihen besiegelt zu sein. Zu sehr hatte der sozialistische Staat den Initiationsritus, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von freireligiösen Gemeinden ins Leben gerufen worden war, für seine Zwecke instrumentalisiert. Folgerichtig wurde 1990 auch der "Zentralausschuss für Jugendweihe", der das Fest seit 1955 organisiert hatte, abgewickelt. Das Kapitel schien damit ein für alle Mal erledigt.

"Positionen des weltlichen Humanismus"

Doch die Abwicklung des "Zentralausschusses" rief den Widerstand eines Teils der einstigen Mitarbeiter sowie auch etlicher DDR-Bürger hervor. Noch 1990 wurde eine Nachfolgeorganisation, der "Sächsische Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe", gegründet. "Die Jugendweihe einfach sterben zu lassen, das hätte eine Revolte gegeben", sagt Klaus Peter Krause, Gründungsmitglied und Präsident des sächsischen Verbandes und Vizepräsident des damals ebenfalls gegründeten Dachverbands "Jugendweihe Deutschland".

Kurzerhand strich der neue Jugendweihe-Verband das "Gelöbnis", mit dem die Weihlinge einstmals versprochen hatten, "für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen", erklärte sich für "parteiunabhängig" und betonte, nunmehr "Positionen des weltlichen Humanismus" zu vertreten. Und die Jugendlichen nahmen das Angebot zahlreich an - fast die Hälfte der Jugendlichen buchten die Jugendweihe-Feiern der neugegründeten Verbände. Und daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert.

Positive Erinnerungen

"Die Jugendweihe besteht weiter, obwohl sie sehr stark mit der DDR verkoppelt ist", schreibt der Berliner Theologe Albrecht Döhnert, der sich mit den Gründen für das Überleben der Jugendweihe im Rahmen einer Dissertation beschäftigt hat. Die heutigen Eltern im Osten hätten sehr positive Erinnerungen an ihre eigene Jugendweihe-Feiern, so Döhnert, die überdies eine der seltenen Gelegenheiten für Familienfeiern böten.

"Reine Kommerzveranstaltung"

ünter Nooke, Mitinitiator des Freiheits- und Einheitsdenkmals
Günter Nooke Bildrechte: IMAGO

"Ich habe immer die ungebrochene Fortsetzung der Jugendweihe abgelehnt, mit der ehemalige Mitarbeiter des 'Zentralausschusses' sich ihre Arbeitsplätze gesichert hätten", sagt der konservative Politiker und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Günter Nooke. Deren Jugendweihe-Veranstaltungen seien, wenigstens in den 1990er-Jahren, offen "antikirchlich und antikapitalistisch" geprägt gewesen. "Mein Kritikpunkt ist aber bis heute, dass jeder dorthin kommen kann und eine Feier bekommt, Hauptsache, er bezahlt". Werte würden hingegen keine vermittelt, so Nooke. Die Jugendweihen seien "eine reine Geldverdien-Veranstaltung".

Heute ist es eine reine Kommerzveranstaltung, aber die muss man ja auch nicht gutheißen. Wenn die Jugendweihe heute nur darin besteht, dass irgendwelche Firmen entsprechend Zugang zu Adressen und Jugendlichen bekommen und deren Konsumgewohnheiten, dann halte ich das genauso für hinterfragbar wie das sozialistische Modell.

Günter Nooke, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler Fakt ist ...! | 16.03.2015

"Maiglöckchenfest"

Nooke wollte den Jugendweihen, jener, wie er findet, "Mischung aus Kulturprogramm und Schminkkurs", etwas entgegensetzen. Er glaubte, dass die Jugendlichen Alternativen zur herkömmlichen Jugendweihe dankbar annehmen würden. Im Frühjahr 2004 schickte sich Nooke daher an, ein "nichtkonfessionelles" Fest zu begründen - das "Maiglöckchenfest". In Vorbereitung auf die eigentliche Weihe hatte er mit den Jugendlichen intensive Gespräche führen wollen - über Politik, Wirtschaft und Religion. Der Versuch jedoch scheiterte jämmerlich: Gerade einmal neun Jugendliche hatten Interesse bekundet.

Die Jugendweihe hat überlebt

"Alle hatten erwartet, dass die Jugendweihe zusammen mit der DDR untergehen würde. Wir haben uns offenbar getäuscht", konstatierte 2002 der damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, Edmund Stoiber. "Die Jugendweihe hat als gesellschaftliches Ereignis überlebt. Das hat nichts mehr mit dem Staat zu tun, sie ist zu einem Akt der Tradition und der Familie geworden. Man sollte sie deshalb nicht mehr in Konfrontation zur Kirche, zur Kommunion beziehungsweise Konfirmation sehen."

Nichts anderes als ein Abkassieren von Verwandten?

Damals wie heute ist die Freude über die in aller Regel großzügigen Geschenke von Eltern und Großeltern für die meisten Weihlinge wohl der wichtigste Teil der Jugendweihe. Waren einstmals Kassettenrecorder, Plattenspieler, Fahrräder oder Sparbücher die üblichen Geschenke, so sind es heute etwa: die Einrichtung eines kompletten Jugendzimmers, "Erlebnisgeschenke" wie eine Sechs-Tage-Trekking-Tour, Fußball-Tickets, Konzertkarten oder die sogenannten "technischen Geschenke": Smartphone oder Laptop; natürlich ist auch Bargeld nach wie vor eine beliebte Gabe bei Übergang ins Erwachsenenalter.

Demgegenüber nehmen sich die Darreichungen des "Verbandes für Jugendarbeit und Jugendweihe" doch einigermaßen bescheiden aus: Für die Gebühr von 125 Euro pro Weihling werden "Veranstaltungen rund um das Thema Erwachsen werden" angeboten, eine "von Künstlern gestaltete Festveranstaltung" nebst "Blumengruß und repräsentativem Bildband".

Das bedeutet ja, wir müssten Weihnachten und Ostern auch abschaffen. Das hat eine Menge mit Kommerz zu tun. Also gerade Weihnachten, wie wir da alle zum Kauf gedrängt werden. [...] Wir leben in der kapitalistischen Gesellschaft, wo immer und überall auch Kommerz stattfindet. Das ist bei der Jugendweihe sogar noch wesentlich weniger als zu Weihnachten und zu Ostern. Ich glaube, diese Herangehensweise ist falsch.

Gregor Gysi, Politiker der Partei Die Linke Fakt ist ...! | 16.03.2015

Die beliebstesten Geschenke - "klassische" Geschenke wie Bargeld, Bücher oder Schmuck
- "Erlebnisgeschenke" wie Reisen, Fußball-Tickets, Konzertkarten
- "technische Geschenke" wie Smartphone oder Laptop
- aufwändige Geschenke wie Moped oder Möbel

(zuerst veröffentlicht am 27.03.2015)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: exakt | 25.05.2016 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2018, 16:02 Uhr