#miteinanderstark Der Katastrophenwinter 1978/79: Aufgeben gibt es nicht

"Erst gab es keine Batterien mehr, dann keine Kerzen, am Ende hatten alle Geschäfte zu. Die Schulen waren geschlossen und wir waren uns selbst überlassen." Die Situation zum Jahresbeginn 1979 auf Rügen hat Parallelen zu heute. Millionen Menschen hält der Winter damals quer durch Europa gefangen. Trotzdem erinnern sich viele heute nicht zuerst an Stromsperren, Wassermangel und tagelange Einsamkeit, sondern an die außergewöhnliche Solidarität und Hilfe untereinander.

Eine Gruppe von Menschen beim Schneeschippen.
Bildrechte: Egon Nehls

Im Januar 1979 sind auf der Insel Rügen die Versorgung und der Verkehr komplett zusammengebrochen. Schneewehen mit Höhen bis zu zwölf Meter haben den Rügendamm unpassierbar gemacht. Und trotzdem muss das Leben irgendwie weitergehen. Es entwickelt sich über den Jahreswechsel 1978/79 eine Solidarität, die nicht nach Danke und Gegenleistungen schielt.

Eine Frau in einem Hubschrauber
Gerettet: die schwangere Rotraud Hoge im Hubschrauber Bildrechte: Snafu

Rotraud Hoge ist damals schwanger mit ihrem ersten Kind und zuhause in Posewald. Der Termin für die Geburt steht an, aber ein Transport ins Krankenhaus ist wegen der Schneemengen auf den Straßen nicht mehr möglich. So telefoniert ein Nachbar mit dem Zahnarzt im Nachbarort Putbus. Trotz des Sturms macht der sich mit einem Lehrer als Beistand auf Skiern auf, um das Kind per Hausgeburt zu holen. Zeitgleich kämpft sich eine Gemeindeschwester in Zirkow durch die Schneewehen, um bei der Geburt zu helfen. Aber schließlich wird allen klar, dass Kind kann nicht auf normalem Weg auf die Welt kommen. Es liegt verdreht im Bauch der Mutter.

Kampf gegen die Zeit

Ein Hubschrauber
Rettung per Luft, Hubschrauber kommen im Katastrophenwinter zu Hilfe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Einwohner des Dorfes finden sich nun mit Schippen zusammen und beginnen, den Sportplatz hinterm Feuerwehrhaus zu räumen. Immer wieder zerstören Sturmböen ihr Werk. Aber sie machen weiter. Denn nur ein Hubschrauber kann Rotraud Hoge ins Krankenhaus nach Stralsund fliegen. Und dafür braucht es einen Landeplatz. Am nächsten Tag rückt die Feuerwehr aus dem benachbarten Vilmnitz an und räumt einen Weg frei für den Pferdeschlitten von der Genossenschaft, der die Schwangere vom Haus zur Hubschrauberlandestelle bringen kann. Sie schleppen Traktorreifen in die Ecken des Platzes und entzünden darin Signalfeuer, legen ein riesiges Kreuz aus Stoffplanen als Landemarke in den Schnee. Unter Lebensgefahr bahnt sich der Hubschrauber des Marinegeschwaders mit seinem Pilot Lutz Weibezahl damals seinen Weg durch den Sturm. Im Blindflug steuern sie Posewald an und können die werdende Mutter bergen. Am nächsten Morgen kommt die kleine Bettina gesund zur Welt.

Ich habe die Ärzte nur gefragt, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Das konnte ich nach diesen extremen Tagen einfach nicht glauben. Ich war unendlich dankbar.

Rotraud Hoge

Bettina wird zum Patenkind der Volksmarine, zur "Tochter des Geschwaders".

Gemeinsam durch die Kälte

Doch es sind auch die vielen kleinen Anekdoten, die das Gemeinschaftsgefühl der Menschen in der DDR in dieser dramatischen Ausnahmesituation beschreiben. Claudia aus Dessau will damals mit ihrem Freund in ein kleines Dorf bei Berlin reisen, um dort Silvester zu feiern. Aber der Zug, in dem sie sitzen, landet in einer Schneewehe und kommt nicht weiter. Viele Stunden wissen sie gar nichts, erinnert sich Claudia Luft-Bellstädt heute. Die Mitropa hat geschlossen, ein Schaffner lässt sich nicht sehen.

Sendungsbild
Zug im meterhohen Schnee Bildrechte: MDR/OZ

Plötzlich holt ein Fahrgast aus seinem Gepäck einen großen Rosinenstollen heraus, ein anderer steuert seine Thermoskanne Tee bei, der nächste eine Flasche Sekt, ein vierter ein paar Leberwurstschnitten. Und Claudia holt aus ihrem Rucksack ihr Weihnachtsgeschenk hervor. Einen Besteckkasten mit Messern. Der Stollen wird angeschnitten, die Flasche herumgereicht, die Schnittchen geteilt. Satt wird niemand, aber es reicht, um den Rest der Reise irgendwie zu überstehen.

Letztlich waren wir mehr als zweieinhalb Tage in der Kälte unterwegs. Aber ich erinnere mich gern daran.

Claudia Luft-Bellstädt

Bettruhe gegen die Kälte im Hotel

Ein Mann sitzt an einem Tisch
Wilfried Rothkirch, ehemaliger Direktor des Kurhotels Binz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besonders die extreme Kälte und der Stromausfall machen den Menschen am meisten zu schaffen. Zum Beispiel im Kurhotel in Binz ist die Heizung ausgefallen, das Haus aber mit Gästen voll. Auch mit einer Rentnergruppe aus Berlin. Der damalige Direktor Wilfried Rothkirch sinnt auf unkomplizierte Lösungen und verordnet Bettruhe für alle Hotelgäste. Im Keller kochen er, seine Frau und ein paar wenige Hotelangestellte aus Resten ein täglich Mahl auf zwei einsamen Platten eines ausrangierten Gasherdes. Mit aufgetautem Schnee in Eimern wird die Notdurft weggespült, man rückt zusammen, um sich zu wärmen.

Ich habe den Weltkrieg mitgemacht, den Zweiten in Dresden. Und da wusste ich, das wichtigste ist Wasser. Ich habe angewiesen, aus den Heizungsrohren noch das Wasser abzulassen und zu sammeln. Und habe an die Vernunft der Gäste appelliert, so wenig wie möglich die Toiletten zu benutzen. Bei allem Frust, es war ein toller Zusammenhalt.

Wilfried Rothkirch, Direktor vom Kurhotel Binz

Das größte Problem werden aber die fehlenden Medikamente für die älteren Gäste. Wilfried Rothkirch bahnt sich mit seinem Sohn und einer Taschenlampe einen Tunnelgang bis zur Apotheke. Zusammen mit der Apothekerin arbeiten sie im Kegel der Taschenlampe die lange Bedarfsliste der Rentner ab und versorgen sie mit Herztabletten und Magenmedizin.

Hilfe für Tier und Mensch

Unorthodox sich gegenseitig helfen, ist sechs Tage lang die Devise. Die Milch der Landwirte aus den Genossenschaften muss per Hand gemolken werden, alle helfen mit. Die Milch wird im Schnee gekühlt und dann in den Dörfern verteilt – wer einen Schlitten oder ein Pferdefuhrwerk hat, macht mit. Aus der sowjetischen Garnison in Dranske verteilen die Soldaten frisch gebackenes Sauerteigbrot in den Inseldörfern.

Stromausfall und Jahrhundertschicht

Im Katastrophenwinter 1978/79 gibt es in der DDR das einzige Mal in der vierzigjährigen Geschichte eine totale Stromsperre, einen Energie-Black-Out. Obwohl NVA-Soldaten zu Tausenden versuchen, gefrorene Braunkohle aus den Tagebauen und Eisenbahn-Waggons zu hacken, kommt nicht genügend bei den Kraftwerken an: Die Weichen sind eingefroren, die Schienen brechen. Einzig im Kernkraftwerk Lubmin wird der Betrieb aufrecht erhalten. Von hier kommen damals zehn Prozent der Energieleistung der DDR. Eigentlich arbeiten hier 14.000 Menschen, täglich müssen 4.000 von Greifwald nach Lubmin zur Arbeit fahren. Aber nichts funktioniert mehr. Über vier Tage sind die Arbeiter und Ingenieure eingeschlossen, ohne Schichtablösung. Und das bei einem extrem verantwortungsvollen Job.

Etwas wie Tschernobyl hat Lubmin gedroht – da gab es kein Nachdenken, nur durchhalten.

Sie schlafen abwechselnd auf zusammengerückten Stühlen, essen, was noch da ist und besetzen die Schaltzentrale rund um die Uhr. Im Kraftwerk "Bruno Leuschner" fahren ein Operator und hundert Kollegen über fünfzig Stunden die Schicht ihres Lebens.

Damals weiß keiner, wie lange die extremen Wetterbedingungen noch andauern. Anfang Januar ist der Rügendamm schließlich vom Schnee befreit. Urlauber können nun endlich abreisen, Waren werden wieder auf die Insel gebracht. Ende Januar hält das normale Leben langsam Einzug. Doch Mitte Februar kommt ein erneuter Wintereinbruch - und wieder Helfen die Menschen einander, sind in höchster Not solidarisch. So bleiben am Ende dieses Winters nicht die Isolation und Not dieser Zeit in den Köpfen der Betroffenen, sondern vor allem die positiven Erinnerungen an das Miteinander.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | | 02. Januar 2020 | 20:15 Uhr