Vor 30 Jahren Wie aus Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz wurde

Am 23. April 1990 ergab eine Bürgerbefragung: Karl-Marx-Stadt soll wieder in Chemnitz umbenannt werden. 76 Prozent der Einwohner stimmten dafür, dass die Stadt ihren alten Namen zurück bekommt. Diese war 37 Jahre zuvor in Karl-Marx-Stadt umbenannt worden. Am 1. Juni 1990 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Rückbenennung und schon wenige Wochen nach dem Bürgerbegehren bekam die Stadt wieder ihren alten Namen.

Zwischen dem zukünftigen Interhotel (l) und dem Sitz des Rates des Bezirks (r) steht das von dem sowjetischen Bildhauer Prof. Lew Kerbel geschaffene Monument von Karl Marx, nach dem Chemnitz im Jahr 1953 in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde. Aufnahme vom 09.11.1971.
Namenspatron Karl Marx hat alles im Blick. Bildrechte: dpa

Schon kurz nach der Wende stand für viele Bürger der DDR-Bezirksstadt Karl-Marx-Stadt fest, dass die Stadt wieder ihren alten Namen tragen soll. Die "Initiative für Chemnitz" führte eine Bürgerbefragung durch. Am 23. April wurden die Stimmen ausgezählt. Ein klares Ergebnis: 76 Prozent der Bürger hatten sich für die Umbenennung ausgesprochen. Anderthalb Monate später, am 1. Juni 1990, beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Rückbenennung. Karl-Marx-Stadt hieß wieder Chemnitz.

Wie aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt wurde

Portalrelief am Haupteingang der Karl-Marx-Universität Leipzig
Leipzig durfte zwar seinen Namen behalten, am Karl-Marx-Kult führte jedoch kein Weg vorbei. 1953 bekam die Uni seinen Namen, zehn Jahre später "mogelte" sich Marx in ein Relief, das an einer Fassaden der Uni hing. Bildrechte: imago/Harald Lange

Am 1. Januar 1953 erklärte das Zentralkomitee der SED das neue Jahr zum Karl-Marx-Jahr. Anlässlich seines 135. Geburtstages plante man, den Begründer des "wissenschaftlichen Sozialismus" mit einer Reihe von Maßnahmen zu ehren. Gleichzeitig wurde den "Spielarten des Sozialdemokratismus" der Kampf angesagt: "Die Hauptaufgabe im Karl-Marx-Jahr besteht darin, dem deutschen Volke die Augen zu öffnen über die welthistorische Bedeutung dieses größten Sohnes der deutschen Nation und die werktätigen Massen im Geiste des unversöhnlichen Kampfes für die sozialistische Gesellschaftsordnung zu erziehen."

Im Laufe des Jahres konkretisierten sich die Erziehungsmaßnahmen. Die Umbenennung der Universität Leipzig, das Aufstellen von Karl-Marx-Büsten in Berlin und Jena und nicht zuletzt eine Sonderserie von Briefmarken sollten "dem deutschen Volke die Augen öffnen". Den dauerhaftesten Eindruck des Karl-Marx-Jahres hinterließ der 10. Mai 1953. An diesem Sonntag wurden Stadt und Bezirk Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt.

Chemnitz war nur dritte Wahl

Dabei war die sächsische Arbeiterstadt allenfalls die dritte Wahl. Ursprünglich war Eisenhüttenstadt dafür vorgesehen, ab 1953 den Namen des großen Theoretikers zu tragen. Doch der Tod des "Vaters aller Werktätigen" im März des Jahres ließ dieses Vorhaben platzen: Aus der ersten sozialistischen Stadt wurde kurzerhand Stalinstadt.

Das in der Wunschliste des Zentralkomitees folgende Leipzig blieb durch seine lange Messetradition und die vorgesehene Rolle als Tor zur Welt von einer Umbenennung verschont, obwohl man auch mutmaßte, dass Walter Ulbricht persönlich den Plan zu Fall brachte, um später selbst Namenspatron seines Geburtsortes zu werden. So mussten sich nun die Chemnitzer Bürger, die erst Ende April von ihrer "Ehre" erfuhren, des Namens Karl-Marx-Stadt würdig erweisen.

Party mit 180.000 Werktätigen

Die Umbenennung feierte DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl mit 180.000 Werktätigen auf dem Stalinplatz. Der Festakt wurde einmal mehr zum Anlass genommen, die angebliche Verbundenheit von SED-Regierung und Bevölkerung zu demonstrieren.

Karl Marx 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der "Nischel" kommt und bleibt

Am 09. Oktober 1971 erhielt die Stadt eine monströse Porträtbüste ihres Namenspatrons. Die Sachsen tauften das gewaltige Prophetenhaupt respektlos "Nischel". Während die Stadt bereits am 01. Juni 1990 auf Wunsch der Bürger den Namen Chemnitz zurück erhielt, blieb der "Nischel" am alten Orte stehen und ist inzwischen zur Touristenattraktion geworden. Die Stadtverwaltung wirbt für Chemnitz heute mit dem Slogan: "Stadt mit Köpfchen".


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Radio: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2020 | 13:30 Uhr