Soldaten der NVA hacken Eis von Bahngleisen.
Überall in der DDR wurden NVA-Soldaten eingesetzt, um die Gleise von Eis und Schnee zu befreien. Zu massiven Verspätungen kam es während des Katastrophenwinters 1978/79 dennoch im ganzen Land. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Zeitzeugenbericht 30 Stunden-Odyssee mit der Bahn

Silvester 1978 will die Studentin Claudia Luft-Bellstädt aus Dessau bei ihrem Freund in Mecklenburg-Vorpommern verbringen. Doch die Zugfahrt dorthin wird zur mehrtägigen Odyssee durch ein unvorstellbares Schneechaos.

Soldaten der NVA hacken Eis von Bahngleisen.
Überall in der DDR wurden NVA-Soldaten eingesetzt, um die Gleise von Eis und Schnee zu befreien. Zu massiven Verspätungen kam es während des Katastrophenwinters 1978/79 dennoch im ganzen Land. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Am 30.12.1978 beginnt für Claudia Luft-Bellstädt eine Zugfahrt, die sie ihr Leben lang nicht vergessen wird. Das kleine Städtchen Gützkow südlich von Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern ist das Ziel ihrer Reise. Dort befindet sich die Wohnung ihres Freundes, der bei der NVA dient.

Die Vorfreude war groß, das erste gemeinsame Silvester zu zweit in Gützkow zu verbringen. Kostbare gemeinsame Zeit, bevor ich zurück nach Dresden musste, wo ich damals studierte.

Pures Chaos rund um Berlin

An einem noch recht milden vorletzten Tag des Jahres 1978 steigen beide in Dessau in einen Zug Richtung Berlin. Ein grünes Weihnachtsfest liegt hinter ihnen. Im Gepäck befindet sich auch das Weihnachtsgeschenk der Mutter - ein großer brauner Besteckkasten mit zwölf Bestecksets.

Normalerweise wären sie in gut fünf Stunden am Ziel, doch es kommt anders. Schon auf dem Weg nach Berlin schlägt das Wetter plötzlich um. Starker Schneefall setzt ein, die Temperaturen sinken drastisch. Bald bangt Claudia Luft-Bellstädt um ihren Anschlusszug Richtung Norden. Endlich in Berlin-Schönefeld angekommen, erwartet sie das pure Chaos.

Überall standen Menschen auf den Bahnsteigen, drängten sich in kleine Wartehäuschen aus Holz. Die Leute froren erbärmlich, denn es gab keine beheizte Bahnhofshalle, auch keine geöffnete Mitropa.

Fluch der modischen Stiefel

Es herrscht absoluter Stillstand: keine Abfahrten, keine Einfahrten, keine Informationen. Das Paar harrt zusammen mit dutzenden anderen Reisenden in einem Wartehäuschen aus und hofft auf eine baldige Weiterfahrt. Es ist bitterkalt und sie haben großen Hunger. Der wenige Reiseproviant ist längst aufgegessen.

Außerdem verfluchte ich meine dünnen Stiefelchen. Die waren der letzte Schrei 1978, aber für diese Kälte völlig unbrauchbar.

Dann endlich eine erlösende Durchsage: ein Zug aus Dresden zur Weiterfahrt nach Stralsund soll Schönefeld erreichen. Erleichtert steigen sie in den Zug. Doch bereits am Ostbahnhof hält der Zug wieder, bleibt stundenlang stehen. Unterdessen fällt draußen unaufhörlich Schnee, im Zug wird es kälter und kälter.

Stollen hellt die Stimmung auf

Der einzige Vorteil ist, dass viele Menschen in den Abteilen sitzen. Die Körperwärme hilft gegen die unerträgliche Kälte. Während dieser ungewissen Stunden des Wartens bekommt Claudia Luft-Bellstädts neuer Besteckkasten seinen großen Auftritt.

Die Leute waren hungrig, die meisten waren schon Stunden unterwegs. Kinder quengelten. Plötzlich sprach sich herum, dass jemand seinen Weihnachtsstollen verteilen würde, es aber an einem Messer fehlte!

Kurzentschlossen packt Claudia Luft-Bellstädt ihren großen Besteckkasten aus und holt ein Messer hervor. Die Stolle wird im ganzen Abteil verteilt. Das hebt die Stimmung. Endlich etwas im Magen haben.

Gewaltmarsch in der Silvesternacht

Schwarzweiß-Bild von Frau in Mantel in einer Winterlandschaft.
Claudia Luft-Bellstädt im Winter 1978/79 Bildrechte: Claudia Luft-Bellstädt

Gegen Mittag des Silvestertages fährt der Zug vom Ostbahnhof endlich weiter Richtung Stralsund. Fast 24 Stunden sind sie nun schon unterwegs. Das Schneegestöber legt weiter zu und hält den Zug mehrfach auf. Aber sie schaffen es immer wieder, aus den Schneewehen freizukommen. Gegen 22.00 Uhr kommen sie endlich in Züssow an.

Normalerweise brauchten wir für die Zugfahrt von Dessau nach Züssow gut fünf Stunden. In diesem chaotischen Winterwetter 1978 waren es über 30 Stunden.

Aber die Odyssee ist noch lang nicht vorbei. Die letzten zehn Kilometer nach Gützkow wollen sie eigentlich mit dem Bus fahren. Doch es fahren keine Busse mehr und Taxen gibt es nicht. Die Straßen ringsum versinken in meterhohem Schnee.

Wir waren so erschöpft. Aber es blieb uns nichts Anderes übrig, als zu Fuß querfeldein zu laufen. Die Orientierung fiel uns extrem schwer, überall Schnee und Dunkelheit. Und ich hasste meine Stiefel. Mir war so kalt, dass ich meine Füße kaum noch spüren konnte.

Immer wieder versinken die beiden in den Schneewehen, kommen kaum voran. Mehrfach sagt Claudia Luft-Bellstädt zu ihrem Freund: "Ich kann nicht mehr, ich leg mich jetzt hier in den Schnee und bleibe liegen." Doch immer wieder ermutigt er sie weiterzugehen.

Die Silvesternacht verbringen sie draußen im Schnee im Nirgendwo. An Feierlaune ist nicht zu denken. Gegen drei Uhr morgens am 01.01.1979 kommen sie endlich zu Hause in der Wohnung an, fallen erleichtert und todmüde in die Betten. Da stört auch nicht, dass es auch hier kalt ist, es kein Wasser und keinen Strom gab.  Sie haben es einfach nur geschafft.

Über dieses Thema berichtet das MDR Fernsehen auch in: "Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2018, 16:30 Uhr