Zeitzeuge Dieter Thom
Der Winter 1978/79 war auch unabhängig vom Schneesturm um den Jahreswechsel ein besonders harter Winter, wie dieses Foto aus dem Privatarchiv des damaligen NVA-Soldaten Dieter Thom zeigt. Bildrechte: Dieter Thom

Zeitzeugenbericht NVA-Soldat: Auf Heimaturlaub fast erfroren

Silvester 1978 will Dieter Thom unbedingt mit seiner Frau und seinen Kindern feiern. Dafür stiehlt er sich heimlich aus der Kaserne. Doch der Herzenswunsch wird ihm fast zum Verhängnis.

von Cezary Bazydlo

Zeitzeuge Dieter Thom
Der Winter 1978/79 war auch unabhängig vom Schneesturm um den Jahreswechsel ein besonders harter Winter, wie dieses Foto aus dem Privatarchiv des damaligen NVA-Soldaten Dieter Thom zeigt. Bildrechte: Dieter Thom

Der Soldat Dieter Thom ist ein unangepasster Geist, eckte in der Schule an und flog aus der Pionierorganisation. Der NVA-Drill ist ihm zuwider. Doch er hat Glück. Er ist ein geschickter Schweißer und kann vielen Offizieren zu einem kleinen Traum verhelfen: einem Trabi-Anhänger. Der ist im real-sozialistischen Einzelhandel noch schwieriger aufzutreiben als Bananen oder Westjeans.

Und so schweißt Thom fast wie am Fließband Trabi-Anhänger für die Offiziere seiner NVA-Kaserne in Prenzlau zusammen. Im Gegenzug darf er sich über ein paar Erleichterungen freuen – dazu zählt der Silvesterurlaub 1978! Tagelang freut sich Dieter Thom auf seinen Urlaub. Endlich wird er seine Frau in die Arme schließen können, endlich wieder mit Freunden ausgelassen feiern und den Kasernenalltag vergessen.

Mit Schnaps die Wachen bestechen

Doch am Morgen, an dem er den Freigang antreten soll, kommt die Hiobsbotschaft: Wegen eines Wetterchaos wurde eine Urlaubssperre verhängt. Sein Freigang ist gestrichen. Thom fällt aus allen Wolken, ist wütend.

Draußen war zwar die Hölle los, die ganzen Straßen waren schon dicht, aber in der Kaserne haben wir das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht mitbekommen.

Zeitzeuge Dieter Thom in NVA-Uniform
Dieter Thom als 20-jähriger NVA-Soldat. Bildrechte: Dieter Thom

Und so entwirft Thom einen gewieften Plan: Er wird seine Vorgesetzten überlisten! Mit einer Flasche Schnaps besticht er die Soldaten an der Wache, damit sie den Spieß anrufen und sagen, Gefreiter Thom hat Besuch und wird abgeholt. Der Plan geht auf. Eine halbe Stunde später händigt der Spieß Thom den Urlaubsschein aus.

Im Schneesturm zur Autobahn

Thom zieht alles an, was er auftreiben kann: eine lange Unterhose, ein langes Unterhemd, den NVA-Trainingsanzug, darüber die Ausgangsuniform, den Mantel und die Fellmütze. Gegen neun Uhr morgens macht er sich auf den Weg, stapft mühsam durch den Schnee Richtung Autobahn. Acht Kilometer sind es bis dorthin, doch je weiter er sich von der Kaserne entfernt, umso stärker weht ihm der Wind um die Ohren. Er zieht seine Fellmütze noch tiefer herunter, doch langsam beginnen die Kräfte ihn zu verlassen.

 Ich war sportlich und durchtrainiert. Aber die Kälte und vor allem den Sturm unterschätzt man. Ich habe das Gesicht eingemummt, trotzdem war alles vereist. An der Nase und an den Augenbrauen hingen Eiszapfen herunter. Das kann man sich gar nicht vorstellen!

Die Bäume sind unter den Schneewehen verschwunden, der Straßenverlauf ist kaum zu erkennen. Die Gegend erinnert an eine Mondlandschaft in Weiß. Langsam wird Thom bewusst, in welche Gefahr er sich begeben hat. Er ist allein im Schneesturm unterwegs, niemand wird ihn vermissen und niemand wird ihn hier finden. Thom realisiert, dass es ums Überleben geht.

Rettung durch einen Wartburg

Mehrmals fällt er erschöpft um und will den Kampf aufgeben. Doch der Gedanke an seine Familie setzt ungeahnte Kräfte frei: Was wird aus seiner Doris, und aus den beiden Kindern Ricardo und Diana? Er steht auf und stapft weiter. Nur nicht stehen bleiben, feuert er sich an.

Nach etwa vier Stunden Fußmarsch vernimmt er das Geräusch eines Motors. Eine Schneefräse! Doch träumt er vielleicht nur? Erlebt er eine Fata Morgana in der Schneewüste? Nein, es ist wirklich eine Schneefräse und hinter ihr tuckert ein Wartburg! Thom rutscht die Wand hinunter, die sich am Straßenrand gebildet hatte. Er ist gerettet.

Zeitzeuge Dieter Thom mit Familie
Der Gedanke an seine Familie ließ Dieter Thom weiter durch den Schneesturm stapfen. Bildrechte: Dieter Thom

Ein Kaffee aus der Thermosflasche des Wartburg-Fahrers erweckt ihn wieder zum Leben. Der Fahrer vergewissert sich noch, ob Thom nicht desertiert ist und bringt ihn dann zum Bahnhof Bernau. Nun scheint der schlimmste Teil der Heimreise überstanden. Eine Fehlannahme, wie Thom nach wenigen Augenblicken merkt.

Auf dem Bahnsteig herrschte absolutes Chaos. Es war rappelvoll, Tausende von Menschen waren da und laufend kamen Durchsagen, gleich kommt die S-Bahn. Es kam aber keine!

Odyssee nach Fürstenwalde

Der Gefreite kämpft sich zum Schalter vor, löst einen Fahrschein nach Fürstenwalde und wartet. Die Strecken sind zugeschneit. Überall versuchen die Eisenbahner gemeinsam mit NVA-Soldaten und Volkspolizisten, die Gleise vom Schnee zu befreien, während Hunderte steckengebliebene Fahrgäste auf die erlösende Nachricht warten. Als die endlich kommt, stürmen alle den eingefahrenen Zug. Viele müssen zurückbleiben, doch Thom ergattert einen Platz.

Ich hatte vielleicht das Glück, dass ich jung war und dass ich eine Uniform anhatte, aber bei allem Gedränge ging es insgesamt gesittet zu. Die Leute waren stinksauer, aber sie waren auch körperlich kaputt, hatten Angst und froren. Da gab es keine Schlägereien.

Erst nach einer halben Stunde setzt sich der Zug in Bewegung, doch schon nach zwei Stationen ist die Fahrt wieder zu Ende. Am Gleis gegenüber wird irgendwann ein neuer Zug bereitgestellt. So geht es etappenweise voran. Sechs Mal muss Thom auf diese Art umsteigen, um von Bernau nach Fürstenwalde zu gelangen. Eine Fahrt, die normal eineinhalb Stunden gedauert hätte, nimmt so den halben Tag in Anspruch.

Happyend zum Jahreswechsel

Als er am späten Abend in Fürstenwalde endlich aus dem Zug steigt, kommen Glücksgefühle hoch. Er rennt nach Hause, stürmt die Treppe hoch und macht punkt 23 Uhr die Tür auf. Er hat’s geschafft! Und anders als im Rest der Republik herrscht in dieser Nacht hier noch kein Ausnahmezustand: Der Strom fällt nicht aus, die Heizung kämpft zuverlässig gegen den Frost an. Es folgt ein rauschendes Silvesterfest mit Familie und Freunden.

Das war natürlich leichtsinnig von mir, so loszulaufen. Aber man ist jung, man schätzt nicht alles richtig ein, ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm kommt, wie es gekommen ist. Ich hätte unterwegs definitiv drauf gehen können, das steht fest. Aber ich glaube, ich würde es trotzdem wieder machen.

Der Artikel fasst ein Telefoninterview zusammen, das im Dezember 2018 von der MDR Zeitreise geführt wurde.

Über dieses Thema berichtet das MDR Fernsehen auch in:
"Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79" | 02.01.2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2018, 16:32 Uhr