Interview Wie Eltern ihre Kinder nach dem Mauerfall in der DDR allein zurückließen

Es sind verstörende Erfahrungen, die die Heimleiterin Kristina Brandt nach dem Mauerfall im Herbst 1989 macht. Wie viele Ostdeutsche ist sie von dem Freudentaumel an den Grenzübergängen bewegt - doch gleichzeitig muss sie erleben, wie sich so manche Mitbürger, die dem Land den Rücken kehren, als Rabeneltern erweisen - sie lassen ihre Kinder in der DDR zurück. Manchmal wird der Nachwuchs sogar fast ohne Essen in der elterlichen Wohnung eingesperrt und seinem Schicksal überlassen.

Verlassene Kinder
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als im Herbst 1989 die Mauer fiel, herrschte in der DDR Euphorie. Einige DDR-Bürger machten sich sofort auf in die Freiheit im Westen. Ihre Kinder störten sie dabei. Sie ließen sie einfach allein zurück – in Heimen, bei Freunden, bei Verwandten. Die meisten zurückgelassenen Kinder wurden nie wieder von ihren Eltern abgeholt. Sie wuchsen bei Pflegeeltern oder in Heimen auf. MDR ZEITREISE hat mit Kristina Brandt, der Leiterin des Erfurter Säuglingsheimes, gesprochen. Sie nahm damals fast 50 Kinder in ihrem Heim auf.

Kinder, die von ihren Eltern nach der Grenzöffnung zurückgelassen werden - das ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte…

Ja. Man kann es tatsächlich kaum fassen. Man hat so etwas nicht für möglich gehalten. Ich bin selber Mutter. Sein Kind beschützt man lebenslang, und diese Kinder wurden einfach zurückgelassen. Und das Schlimme ist: Diese Eltern sind ja gegangen, weil sie ein besseres Leben wollten. Aber ihren Kindern haben sie zugemutet, da zu bleiben, wo sie nicht bleiben wollten.

Verlassene Kinder
Kristina Brandt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Haben sich die Eltern um ihre Kinder ab und an gekümmert?

Diese Eltern haben sich meist überhaupt nicht gekümmert. Die haben ja sogar noch Kindergeld bezogen, weil ja ihre Kinder im Ausweis standen. Aber die Kinder haben davon nichts gesehen. Manche teilten uns mit: Wir holen bald unsere Kinder wieder ab. Es kamen dann tatsächlich einige mit dem Jugendamt und holten ihre Kinder ab. Aber der größte Teil wurde nicht von den leiblichen Eltern abgeholt.

Wissen Sie, wie viele Kinder in der Zeit 1989 bis 1990 von ihren Eltern verlassen wurden?

Wir hatten allein in unserem Heim zwölf. Wenn ich drüber nachdenke, sehe ich sogar die Gesichter heute noch vor mir. In ganz Erfurt waren das schon bestimmt 50, schätze ich mal. Und es müssen Hunderte in der gesamten DDR gewesen sein. Da waren ja schon Schulkinder dabei, die dort abgegeben wurden und wo versprochen wurde, nächste Woche hole ich dich. Aber nichts ist passiert.

Kristina Brandt
Kristina Brandt im Interview 2020. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was glauben Sie, was war die Motivation dieser Eltern, ohne ihre Kinder in den Westen zu gehen?

Egoismus. Endlich kann ich was erleben. Die meisten dieser Eltern oder viele davon waren ja auch einfach gestrickt. Die haben hier in der DDR auch nicht viel geleistet. Aber jetzt haben sie gedacht, wir kriegen mehr Geld im Westen, auch ohne Arbeit. Und da waren ihnen die Kinder ganz egal. Die hatten vielleicht sogar gedacht, irgendwann hole ich die Kinder wieder ab. Aber dann ging es ihnen ganz gut, die haben ja auch in der BRD Geld bekommen, zum Teil ja auch Wohnungen. Manche haben vielleicht auch gearbeitet, aber die Kinder haben ihnen offensichtlich nicht gefehlt. Sonst kann man so etwas nicht tun.

Wo lebten die Kinder später?

In Heimen oder bei Pflegeeltern.

Was hat das mit den Kindern gemacht?

Das ist ein sehr schwerer Verlust, der garantiert emotional, etwas Schlimmes bei den Kindern hervorgerufen hat. Fragen: Warum bin ich schuld? Was habe ich meiner Mama getan? Die größeren Kinder, mit denen konnten wir ja dann reden, dass man ihnen erklärt hat: Leider, deine Mutter kann nicht kommen, und wir müssen noch abwarten. Vielleicht schreibt sie bald. Aber mit kleinen Säuglingen kann man nicht reden, die kann man nur auf den Arm nehmen, trösten und dafür sorgen, dass sie gesund ernährt werden und dass sie Liebe bekommen. Und das haben wir getan.

Und was hat es mit Ihnen persönlich gemacht?

Das war irgendwie auch eine schöne Zeit, weil wir etwas Gutes getan haben. Und da bin ich noch heute so stolz auf mein Personal, auf alle Hausmeister, Köche… Wir haben ja selber gekocht. Wir haben alles getan, damit die Kinder sich wieder besser fühlen. Und dann haben wir noch einen Schritt mehr getan. Denn wir haben ja dann, 1990, es geschafft, dass unser Heim verändert wurde. Als Pilotprojekt mit Frau Merkel, die damals Jugendministerin war. Wir haben es in kurzer Zeit geschafft, mit viel Geld und Spenden, ein Kinder-, Jugend- und Mütterheim aufzubauen, damit junge Mütter lernen, Verantwortung zu leben, und sie nicht nur auf dem Papier zu haben. Das war für mich ganz wichtig.

Verlassene Kinder
Zurückgelassenes Kind in einem Heim Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 16. August 2020 | 22:05 Uhr