Kunstraub, Völkerkunde und Völkermord Rassismus-Debatte: Muss das Grassi-Museum Exponate zurückgeben?

In den Sammlungen des ersten deutschen Völkerkundemuseums in Leipzig schlummert die koloniale Vergangenheit. Viele Objekte wurden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geraubt. Darunter waren auch Kultgegenstände sowie wertvolle, mehrere Hundert Jahre alte Plastiken. Jetzt wird im heutigen Grassi-Museum für Völkerkunde geprüft, welche Objekte überhaupt noch ausgestellt werden können.

: Exponate der Ausstellung "Kanonenknall und Hausidyll. Kunsthandwerk zur Zeit der Völkerschlacht" im Grassi-Museum.
Leipziger Grassi Museum Bildrechte: Christoph Sandig, Leipzig

1869 wurde das Leipziger Museum für Völkerkunde gegründet und war damit das erste seiner Art in Deutschland. Mit mehr als 200.000 Objekten besitzt das Grassi-Museum, wie es heute heißt, eine der größten ethnografischen Sammlungen Deutschlands.

Der überwiegende Teil der 45.000 afrikanischen Objekte wurde vor 1918 während der deutschen Kolonialzeit beschafft. Reisende, die in dieser Zeit in den deutschen Kolonien unterwegs waren, brachten von dort viele Objekte mit. Aber auch von Expeditionen in andere Regionen Afrikas und der Welt wurden viele Ausstellungsstücke dem Museum überlassen.

Kulturelle Beute aus den deutschen Kolonien

Dabei gingen die Expeditionsteilnehmer nicht zimperlich vor, wenn es darum ging, kulturelle Beute zu machen. Eine Reihe von Objekten aus Zentralafrika wurde dem Museum beispielsweise von Herrmann von Wissmann zur Verfügung gestellt. Wissmann war 1889 von Bismarck zum Befehlshaber der ersten deutschen Kolonialtruppe ernannt worden. Sein Vorgehen zeichnete sich durch äußerste Brutalität aus: Zuerst überschüttete seine Artillerie den Gegner mit einem kurzen, aber heftigen Feuer, dann folgte ein "energisch durchgeführter Bajonettangriff".

Manche Gefechte entwickelten sich zu regelrechten Massakern. Im Reichstag beklagte der linksliberale Abgeordnete Eugen Richter dieses Vorgehen:

Wir lasen neulich, dass Herr Wissmann schon 700 Araber und Aufständische, wie sie genannt werden, hätte erschießen lassen, wir hören, dass bald dieses, bald jenes Dorf in Flammen aufgeht. Seine Truppen ziehen sengend und brennend umher, und die Aufständischen tun dergleichen, und das ganze nennt man in der Sprache der vorjährigen Thronrede 'Kultur und Gesittung nach Afrika tragen!'

Rückgabe von Exponaten wird geprüft

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Angesichts des kolonialen Unrechts müsse eine Rückgabediskussion stattfinden, sagt Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu denen auch das Grassi-Museum für Völkerkunde zu Leipzig gehört. Es gehe darum, den Herkunftsländern Möglichkeiten zur Identitätsbildung zurückzugeben. Vielen Ländern, die Kolonien gewesen seien, fehle ihr kulturelles Erbe, weil es in Museen im globalen Norden ausgestellt werde.

Kontakt mit betroffenen Volksgruppen aufgenommen

Auch Ausstellungskurator Kevin Breß beschäftigt sich damit, welche Objekte jetzt überhaupt noch öffentlich gezeigt werden dürfen. Dabei müsse geprüft werden, sagte Breß der MDR ZEITREISE, ob es sich dabei beispielsweise um heilige Gegenstände handele, deren öffentliche Zurschaustellung vielleicht die religiösen Gefühle der Gemeinschaften verletze, aus denen sie stammen. Oder ob Rückforderungen für Sammlungsgegenstände existieren, die in früheren Zeiten auf eine unrechtmäßige Weise ins Museum gelangt seien. Dazu habe man Kontakt mit Vertretern der betroffenen Länder und Volksgruppen aufgenommen. Rückgabeverhandlungen zu konkreten Exponaten gibt es aber nach Angaben des Museums derzeit nicht.

Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts

Dennoch müsse man sich fragen, so Breß weiter, ob es Sinn mache, hunderte Speere im Depot zu lagern, die einst von Karl Weule, ab 1899 zweiter Direktor des Völkerkundemuseums, unter fragwürdigen Umständen beschafft worden seien.

Exponat/Schautafel Don’t Stop - Werkstatt Prolog,  Tasmania
Exponat Don’t Stop - Werkstatt Prolog,
Tasmania, Raubkunst aus Benin
Bildrechte: Mo Zaboli/GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Ausgangspunkt war der Aufstand Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904, der im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts mündete und dem über 90.000 Menschen zum Opfer fielen. Im Juli 1905 folgte der sogenannte Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika, bei dem 180.000 Menschen starben. Die Deutschen beschlagnahmten bei dieser Auseinandersetzung sogenannte "Kriegsbeute". Diese galt als Staatseigentum und wurde zunächst an das Zentralmagazin in Daressalam geschickt. Daraufhin entsandte das Leipziger Völkerkundemuseum Karl Weule, um die Kriegsbeute zu sichten. Weule wählte aus dem Konvolut 500 Pfeile, 1.300 Speere, 100 Bögen sowie Trommeln und Munitionsgürtel.

Die Benin-Plastiken im Grassi-Museum für Völkerkunde

Eine bronzene Büste aus dem Königreich Benin.
Eine bronzene Büste aus dem Königreich Benin Bildrechte: IMAGO

Zu den wertvollsten Stücken des Museums gehören die sogenannten Benin-Bronzen. Sie waren Teil einer 3.500 bis 4.000 Kunstwerke umfassende Sammlung, die britische Truppen 1897 während einer Strafexpedition erbeutet und nach Europa verschifft hatten. Der größte Teil der Kriegsbeute wurde für die Refinanzierung des Krieges in Londoner Auktionshäusern versteigert und gelangte so auch nach Leipzig. Das kostbarste Stück der Leipziger Benin-Sammlung ist eine Kopfplastik, die irgendwann zwischen 1350 und 1550 hergestellt wurde und heute mehrere Millionen Euro wert sein dürfte.

Grassi-Museum für Völkerkunde Das Leipziger Museum für Völkerkunde wurde 1869 gegründet und war damit das erste seiner Art in Deutschland. Sein ursprünglicher Standort war ein Haus am heutigen Wilhelm-Leuschner-Platz (heute Stadtbibliothek), welches eigens für ein anthropologisches Museum gebaut wurde. Dieser Zweck spiegelt sich auch in der Fassadengestaltung wider: Dort befindet sich beispielsweise das Porträt einer Kriegerin aus der Armee des Dahomey-Reiches, eines westafrikanischen Königsreiches. Das rasche Anwachsen der Bestände erforderte jedoch neue Räumlichkeiten.1896 erhielt die Sammlung ein eigenes Gebäude im alten Grassi Museum am damaligen Königsplatz. Der heutige Museumssitz am Johannisplatz wurde in den 1920er-Jahren errichtet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt – Das Nachrichtenmagazin | 24. Juni 2020 | 20:15 Uhr

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