Umstrittenes Erbe Die Spuren des Kolonialismus in Leipzig

Bis zum Ersten Weltkrieg war Deutschland Kolonialmacht. Die Spuren dieser Zeit finden sich noch überall, auch im Stadtbild von Leipzig. Bislang ist an diesen Hinterlassenschaften kaum gerüttelt worden. Setzt man sich mit Rassismus auseinander, ist es jedoch unumgänglich, auch dieses Erbe endlich anzutreten, meinen immer mehr engagierte Bürger.

Postkarte Ausstellung
Kolonialausstellung im heutigen Clara-Zetkin-Park Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum leipzig

Alle Bewohner Leipzigs kennen den Clarapark, benannt nach Clara Zetkin: seine geschwungenen Brücken, Ententeiche, weiten Wiesen und Pavillons. Aber wer weiß schon, dass er auf eine Gewerbeausstellung Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht? Und wer vermag sich vorzustellen, dass dort im Rahmen der Ausstellung 1897 Schwarze Menschen wie Tiere im Zoo "ausgestellt" und bestaunt wurden? Zwei deutsche Kolonialstationen wurden dafür originalgetreu nachgebildet, in denen Einwohner der Kolonie Deutsch-Ostafrika Tänze, Kämpfe und traditionelles Handwerk vorführten. Auf 20.000 Quadratmetern aßen sie dort, schliefen, lebten - vor den Augen der Öffentlichkeit. Sie "fühlen sich behaglich in dem für sie bestimmten Hause", sind "immer sehr freundlich" und zeigen nicht die geringste "Zudringlichkeit", so die Ausstellungszeitung. Die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung hatte das Ziel, "neben die hoch entwickelte moderne europäische Kultur die eigenartig gestaltete afrikanische, welche die ersten Stufen unseres Kulturlebens etwa erst zu erreichen bestrebt ist, zum Vergleich zu setzen."

So beschreiben es Wissenschaftler, die im Rahmen des Projekts "Leipzig postkolonial" nach Spuren gesucht haben, die der deutsche Kolonialismus in der Stadt hinterlassen hat. Die Forscher haben vieles gefunden, was heute rassistisch wirkt, aber lange nicht in Frage gestellt wurde.

Der Kolonialstein am Völkerschlachtdenkmal

Auf dem Parkplatz vor dem Völkerschlachtdenkmal befindet sich, ein wenig zugewachsen, ein eher unscheinbarer Findling. Sieht man sich den Stein genauer an, lassen sich Spuren einer entfernten Inschrift erahnen. Die Zeitschrift "Kolonialpost" zeigt, wie der Stein einmal ausgesehen hat: Auf dem Bild vom 4. Dezember 1932 gruppieren sich ehemalige Kolonialkrieger um den Stein mit der Inschrift "Deutsche, Gedenkt Eurer Kolonien".

Getilgt wurde die Inschrift in der DDR. Still und ohne das historische Erbe zu thematisieren. Es war ganz typisch für den Umgang des Landes mit der kolonialen Geschichte und deren Hinterlassenschaften. In der Bundesrepublik dagegen blieben koloniale Denkmäler und Straßennamen meist unangetastet. In beiden Ländern hatte keine öffentliche Diskussion über die Denkmäler oder die koloniale Vergangenheit stattgefunden. "So stammte in Ost und West das vermeintliche Wissen über die Kolonien in großen Teilen aus kolonialen Quellen, deren Inhalte einfach nicht komplett hinterfragt wurden", sagt die Historikerin Christine Bürger. "Koloniale Denkmuster und Vorstellungswelten blieben präsent."

Auch Leipziger Straßen erinnern an Kolonialgeschichte

Die Ernst-Pinkert-Straße und eine Grundschule mit gleichem Namen ehren den Gründer des Leipziger Zoos. Darüber wird gerade in der Stadt gestritten. Denn Ernst Pinkert stellte auf einer "Völkerwiese" zwischen Raubtierhaus und Robbenbecken Menschen aus, die extra aus den Kolonien geholt worden waren. Darauf hatte die Politikwissenschaftlerin Hanne Tijmann in einem Schreiben aufmerksam gemacht. Von der Zoogründung 1876 bis 1931 wurden in wechselnden "Völkerschauen" jeweils bis zu 90 Menschen landestypisch dargestellt. Die Menschen aus den Kolonien konnten auch in "lebenden Bildern" angestarrt werden. Leipzig war für solche Ausstellungen neben Hamburg und Berlin ein prominenter Ort. Der Leipziger Zoo selbst hat das bislang wenig thematisiert.

Auch der Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen e.V. fordert eine kritische und öffentliche Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit des Zoos. Zoodirektor Jörg Junhold dagegen äußerte in der "LVZ", dass man Pinkert nicht auf seine koloniale Vergangenheit reduzieren könne und ihn im Kontext seiner Zeit sehen müsse. Um diese und weitere Umbennungsforderungen zu klären, will die Stadtverwaltung eine Historiker-Kommission gründen.

Über weitere Spuren des Kolonialismus in Leipzig können Sie sich auf der Homepage der AG Postkolonial informieren.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR Sachsenspiegel | 09. Juli 2020 | 19:00 Uhr