Vor 30 Jahren: Revolution in Rumänien Staatsstreich oder Volksaufstand?

Bürger demonstrieren 1989 vor dem eroberten Regierungsgebäude des Diktatos Ceausescu in Bukarest gegen die neue Regierung
Ziel der Proteste war bereits kurz nach seiner Ernennung der vorläufige Staatspräsident Ion Iliescu. Am 20. Mai 1990 wurde er in einer angeblich freien Wahl zum Staatspräsidenten gewählt. Proteste gegen Postkommunisten wie ihn, ließ Iliescu von Bergleuten niederknüppeln. Bildrechte: dpa
Laszlo Tökes vor seinem Haus
Der Pfarrer Laszlo Tökes gilt als Auslöser der Ereignisse vom Dezember 1989. Der evangelisch-reformierte Geistliche aus der westrumänischen Stadt Timisoara (Temeswar) hatte sich 1989 mehrfach kritisch über Nicolae Ceausescus Politik geäußert. Im Oktober sollte er daher in eine andere Pfarrei zwangsumgesiedelt werden. Bildrechte: imago/Detlev Konnerth
Laszlo Tökes mit einheimischen Bauern in Mineu in Rumänien
Laszlo Tökes, der der ungarischen Minderheit in Rumänien angehört, war in seiner Gemeinde äußerst beliebt. Nachdem seine Versetzung bekannt wurde, richteten Gemeindeglieder Mahnwachen vor seinem Haus ein. Die Zahl der Protestierenden wuchs mit jedem Tag an. Am 16. Dezember 1989 schließlich versuchten Armee, Polizei und der Geheimdienst Securitate unter Einsatz von Schusswaffen die Menschen zu vertreiben. Etwa 40 von ihnen sollen bei dem Einsatz der Sicherheitskräfte getötet worden sein. Bildrechte: imago/Detlev Konnerth
Nicolae Ceausescu (Staatspräsident Rumänien) in Bukarest. 1989
Am 21. Dezember 1989 rief Nicolae Ceausescu zu einer großen Kundgebung vor dem Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei auf. Zehntausende Menschen kamen. Sie sollten ihrem Führer zujubeln. Auch das Fernsehen war live dabei. Ceausescu versprach seinem verarmten Volk, die Versorgung mit Lebensmitteln zu verbessern. Die Aufständischen bezeichnete er als "Terroristen". Doch die Menge pfiff ihn aus, skandierte dann gar: "Nieder mit Ceausescu!" und "Nieder mit der Diktatur!" Die Fernsehbilder, die eigentlich hatten zeigen sollen, dass Ceausescu alles im Griff habe, zeigten nun einen stotternden alten Mann. Sofort wurde die Übertragung unterbrochen. Als Ceausescu Minuten später wieder auf dem Bildschirm erschien, sah man ihn wild gestikulieren. Er wollte der Menge Einhalt gebieten. Aber es gelang ihm nicht mehr. Seine Macht war gebrochen. Bildrechte: imago/Milestone Media
Nicolae und Elena Ceausescu
Einen Tag später versuchte Ceausescu ein zweites Mal, sein Volk auf einer eilends einberufenen Kundgebung der Kommunistischen Partei auf Linie zu bringen. Die Leute waren aber so aufgebracht, dass sie umgehend begannen, das Parteigebäude zu stürmen. Ceausescu und seine Frau Elena flohen aufs Dach des Hauses und retteten sich in einen Hubschrauber. 70 Kilometer hinter Bukarest endete ihre Flucht. Nachdem der Pilot das Ehepaar abgesetzt hatte, wurde es von der Securitate festgenommen. Am ersten Weihnachtsfeiertag verurteilte ein Militärtribunal Elena und Nicolae Ceausescu in einem Schnellverfahren zum Tode. Das Urteil wurde noch am selben Tag vollstreckt. Bildrechte: dpa
Soldaten und bewaffnete Zivilisten kämpfen im Dezember 1989 in den Straßen Bukarests gegen Anhänger des gestürzten Diktators
Die Straßenkämpfe im Land hatten sich seit der Flucht Ceausescus merkwürdigerweise noch verstärkt. Doch wer kämpfte eigentlich gegen wen? In den Medien versuchten Militärs, Politiker und Journalisten den Eindruck zu erwecken, es seien von Ceausescu ausgesandte "Terroristen" und Teile des Geheimdienstes, die ihn an die Macht zurück bringen wollten. Doch Ceausescu war seit seiner Verhaftung isoliert gewesen und hatte zu niemandem mehr Kontakt. Und auch nach der Hinrichtung Ceausescus ebbten die Kämpfe zwischen den Aufständischen, der Armee und Securitate keineswegs ab. Doch warum wurden die Ängste geschürt, dass Ceausescu an die Macht zurück wolle? Und wer schürte sie? Und wer gab der Armee und dem Geheimdienst Befehle, auf die Aufständischen zu schießen? Bildrechte: dpa
Ion Iliescu 1989
Zum Nachfolger Ceausescus wurde am 26. Dezember 1989 Ion Iliescu ernannt. Iliescu sprach damals ebenfalls unentwegt von "Terroristen", die Ceausescus Regime wieder an die Macht bringen wollten. Historiker aber werfen Iliescu vor, das blutige Chaos herbeigeführt zu haben, um seine handstreichartige Machtübernahme zu rechtfertigen. Denn die sogenannten "Terroristen" habe es nie gegeben. Eine strukturierte Opposition, die einen Aufstand hätte bewerkstelligen können, gab es in Rumänien jedoch nicht. Es wird vermutet, dass Gegner von Ceausescu innerhalb des Geheimdienstes Securitate seinen Sturz in die Wege geleitet haben. Iliescu hat dabei offenbar die Rolle eines Putschistenführers gespielt. Beweise gibt es für diese These nicht. Alle relevanten Dokumente und Unterlagen sind nach wie vor geheim. Bildrechte: IMAGO
Trauertag für die Opfer der Rumänischen Revolution von 1989 in Temeswar in Rumänien
Insgesamt starben bei den Revolutionskämpfen im Dezember 1989 1.104 Menschen. Die meisten von ihnen, 942, ließen freilich erst nach der Entmachtung Ceausescus ihr Leben. Erschossen wurden sie ausschließlich von Soldaten der rumänischen Armee, wie Ermittlungen später ergaben, nicht von Terroristen. Der Bukarester Historiker Bogdan Murgescu: "Keiner kann heute sagen, ob die Straßenkämpfe im Dezember 1989 von bestimmten Machtgruppen bewusst provoziert worden sind oder ob sie Selbstläufer waren. Viele Tote gab es, weil Chaos auf den Straßen herrschte und die Armee inkompetent kommandiert wurde. Man hat das später verschleiert. Die genauen Umstände, Hintergründe sind noch immer unbekannt." Bildrechte: imago/Detlev Konnerth
Auf den Dächern von Fahrzeugen jubeln Rumänen in Oravita mit Flaggen.
Am 25. Dezember wurde der verhasste Diktator in einem Schauprozess zu Tode verurteilt. Der Begeisterung über das Ende des Regimes hielt nicht lange an: Zwar wurde die Rationierung von Lebensmitteln, die mitunter tagelangen Strom- und Wassersperren, nach und nach aufgehoben, die Armut aber blieb. Bildrechte: dpa
Bürger demonstrieren 1989 vor dem eroberten Regierungsgebäude des Diktatos Ceausescu in Bukarest gegen die neue Regierung
Ziel der Proteste war bereits kurz nach seiner Ernennung der vorläufige Staatspräsident Ion Iliescu. Am 20. Mai 1990 wurde er in einer angeblich freien Wahl zum Staatspräsidenten gewählt. Proteste gegen Postkommunisten wie ihn, ließ Iliescu von Bergleuten niederknüppeln. Bildrechte: dpa
Eine Menschenmenge umringt im März 1990 in Bukarest eine umgestürzte Lenin-Statue
Nach dem Sturz Ceausescus gründeten sich diverse Parteien, das Land nannte sich fortan Republik und Iliescu kündigte freie Wahlen an. Zu einer Umwälzung der Verhältnisse, nach Karl Marx das Wesen einer Revolution, kam es in Rumänien allerding nicht. Daran änderte auch eine neue Verfassung von 1991 nichts: Zwar war die Diktatur nun auch formell abgeschafft, doch an den Hebeln der Macht in Politik und Wirtschaft saßen weiterhin unbekümmert die alten Eliten. (Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 24.11.2019 | 18.00 Uhr) Bildrechte: dpa
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