WM 1998 in Frankreich Kroatische Ballzauberer werden sensationell WM-Dritter

Das Starensemble von Kroatien wurde bei seiner ersten WM-Teilnahme 1998 sensationell Dritter. Dieser Erfolg war für die kroatischen Spieler der Höhepunkt ihrer Karriere und sorgte in dem kleinen Land an der Adria, das erst seit sieben Jahren als eigenständige Nation bestand, für riesige Euphorie.

Es ist später Abend im WM-Stadion von Lyon. Einem Fotograf gelingt ein Bild des kroatischen Stürmers Davor Suker, das in Kroatien zum Symbol des Triumphs werden wird. Suker hat den Kopf in den Himmel gerichtet, die Augen sind geschlossen; die Arme hat er wie die Flügel eines Adlers gespreizt, in den Händen hält er eine kroatische Fahne. Wenige Minuten vorher war das WM-Viertelfinalspiel zu Ende gegangen. Kroatien hatte den großen Titelfavoriten Deutschland mit 3:0 gedemütigt. Die schwerfüßigen deutschen Spieler um Kapitän Lothar Matthäus hatten keine Chance gegen die Ballzauberer vom Balkan. Jetzt stand die Mannschaft Kroatiens bei ihrer allerersten WM-Teilnahme sensationell im Halbfinale. "Für unser kleines Land ist dieser Sieg eine große Genugtuung, wir haben mit heißem Herzen gespielt", sagte ein überglücklicher Davor Suker. Und der kroatische Nationaltrainer Miroslav Blazevic jubelte:

Das ist ein historischer Augenblick in der kroatischen Fußball-Geschichte.

Starensemble

Gleichwohl sich die sogenannten "Vatreni" (die Feurigen) erst in der Relegation gegen die Ukraine die WM-Teilnahme gesichert hatte, galten sie Experten doch als ein Ensemble von Weltklassespielern, dem man Einiges zutraute. Und in der Tat: Die Hälfte der kroatischen Spieler stand bei den bedeutendsten europäischen Clubs unter Vertrag. Da waren im Mittelfeld Zvonimir Boban vom AC Mailand, der den Takt des kroatischen Teams vorgab; ihm zur Seite standen der einst bestverdienende Spieler der Welt, Robert Prosinecki, der bei Real Madrid und beim FC Barcelona gespielt hatte, sowie der pfeilschnelle Robert Jarni, dessen Dienste sich Real Madrid noch während der WM sicherte. Den Künstlern im Mittelfeld hielten die robusten Abwehrrecken Slaven Bilic vom FC Everton und Zvonimir Soldo vom VFB Stuttgart den Rücken frei. Im Angriff standen Alen Boksic von Lazio Rom und die unbestrittene Führungsfigur im kroatischen Team - Torjäger Davor Suker von Real Madrid.

Gegen den späteren Weltmeister Frankreich verloren

Die Vorrunde hatte Kroatien mühelos überstanden und im Achtelfinale Rumänien bezwungen. Nach dem historischen Sieg über die deutsche Elf meinte Trainer Blazevic, dass sein Team nun sogar Weltmeister werden könnte. Im Halbfinale ging es gegen Gastgeber Frankreich. Die Kroaten waren erneut krasser Außenseiter. Doch sie begannen furios und Davor Suker brachte seine Mannschaft sogar in Front. In der Heimat träumten die Fans bereits vom großen Finale. "Wir sind locker ins Spiel gegangen, denn Frankreich hatte mehr zu verlieren" erinnerte sich Zvonimir Soldo in einem Gespräch mit dem "Spiegel" 2007. "Hätten wir die Führung länger gehalten, wären wir als Sieger vom Platz gegangen." Doch ausgerechnet Kapitän Zvonimir Boban unterlief ein folgenschwerer Fehler: "Ich habe den Ball gegen Lilian Thuram vertändelt und der machte den Ausgleich. Es war der größte Fehler meiner Karriere." Thuram schoss dann noch ein weiteres Tor gegen eigentlich gleich starke Kroaten und Frankreich zog ins Finale ein.

Sieg im kleinen Finale

Im "kleinen Finale" trafen keineswegs niedergeschlagene Kroaten auf eine starke Elf aus den Niederlanden. In einem heftig umkämpften Spiel gewann Kroatien nicht unverdient mit 2:1. Die Sensation war nun perfekt: Das Team aus dem kleinen Balkanstaat war das drittbeste der Welt. Mit dem "Goldenen Schuh" als erfolgreichster Torschütze des Turniers wurde überdies noch Stürmerstar Davor Suker geehrt. Auf der Ehrentribüne vollführte der kroatische Staatschef Franjo Tudjman, der alle Spiele seiner "Vatreni" besucht hatte und als guter Freund des Nationaltrainers Blazevic galt, einen gar nicht wieder enden wollenden Freudentanz.

"Für Kroaten erfolgreich"

Auch wenn es am Ende nicht zum ganz großen Triumph gereicht hatte - der dritte Platz bei der WM 1998 in Frankreich war für die kroatischen Spieler der Höhepunkt ihrer Karriere und sorgte in dem kleinen Land an der Adria, das erst seit sieben Jahren als eigenständige Nation bestand, für eine ungeheure Euphorie. Zu vergleichen vielleicht nur mit dem Jubel nach dem Gewinn des WM-Titels 1954 in Deutschland. "Wir hatten den Glauben daran, eine großartige Mannschaft zu sein. Dieses Selbstvertrauen schlug sich in unseren Leistungen nieder", resümmierte Zvonimir Boban. "Hinzu kam eine große Portion Patriotismus. Wir haben für unser Volk gespielt, das in der Vergangenheit so viel hatte durchmachen müssen. Wir waren entschlossen, für die Kroaten erfolgreich zu sein."

(Zitate aus: fifa.com)

(sl)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Radio 15.08.2017 | 21:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018, 15:29 Uhr